Velocittà

Seit mehr als zehn Jahren betreibt Enrico Mounayer an der Neugasse seinen Veloladen. Im Velocittà herrscht das einfache Handwerk vor – E-Velos gibt es keine.

«Zürich ist ein mit reichlich Scherben ausgestattetes Terrain», sagt Enrico Mounayer. Und so ist Schläuche flicken das, was er in seinem Kreis-5-Veloladen am meisten macht. Doch Enrico verkauft auch von ihm zusammengebaute Zweiräder. Seine Schwäche für alte Exemplare mit qualitativ hochwertigem Zubehör ist dem Laden und der Werkstatt anzusehen.

Enrico Mounayer reisst die gusseisernen Läden seines Geschäfts hoch. «Machen wir den Leuten eine Freude», sagt er und räumt Velos auf die Fläche vor seinem Laden. Ein junger Mann mit einem englischen Rad eilt herbei. «Ein wunderbares Exemplar, nur schon die Nabenschaltung», sagt Mounayer. Der 48-jährige Velomech hat eine Schwäche für alte Räder. Weil sie optisch mehr hergeben würden als moderne Zweiräder und weil sie von besserer Qualität seien. Schlicht müssen Velos für ihn sein, sportlich und klassisch. Mehr nicht.

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Die Leidenschaft für Handgemachtes ist auch seinem Ladengeschäft anzusehen, das an diesem Morgen in der Herbstsonne leuchtet. In den Auslagen hängen alte Rennfahrer-Trikots, 60er-Jahre-Sportschuhe liegen ungebraucht in der Ecke, dazwischen schwere Lampen, über die man sich wundert, dass sie einst an einem Velo hängen konnten. Innen riecht es nach Kettenöl, es herrscht die für Aussenstehende schwer durchschaubare Ordnung einer Werkstatt vor.

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«Die Mechanik ist nachvollziehbar. Man kann selber lernen, wie alles funktioniert.»


2006 hat Mounayer sein Hobby zum Beruf gemacht. Während dem Studium an der Pädagogischen Hochschule hat er bei sich zu Hause bereits für Freunde Velos geflickt – und sich damit sein Studium finanziert. Doch die Idee zu einer eigenen Werkstatt kam ihm erst später. Das Handwerk habe ihm mehr zugesagt als die Kopfarbeit, sagt er. Das Schöne am Velo: «Die Mechanik ist nachvollziehbar. Man kann selber lernen, wie alles funktioniert.»

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Die Zeit spielte für Mounayer und seine Entscheidung, sich dem Lehrerberuf ab- und den Schraubenschlüsseln zuzuwenden: Velos sind in Zürich ein Dauerthema. Mehr noch: Bereits in den Neunzigerjahren hat sich ein Trend abseits der blossen Gebrauchsware Velo etabliert. Begonnen hat dieser mit den Velokurieren und einer Art Vintage-Kultur, mit Rennfahrerkäppi und Besuchen der Dreitagerennen auf der offenen Rennbahn in Oerlikon.

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«Zum Velo gehört für mich, dass es mit Muskelkraft betrieben wird.»


Später kamen Hipster mit einem Fetisch für Single-Speed-Fixies dazu, für Räder also mit nur einem Gang und ohne Rücktritt. «Wer das möchte, warum nicht?», sagt Mounayer. «Doch irgendwann kommen die meisten zurück zum klassischen Velo mit Gepäckträger und Schutzblechen.» Dann gibt es auch noch die Ästheten, wie Mounayer einer ist. Nur für Elektro-Velos kann sich der Kreis-5-Mech nicht erwärmen. «Zum Velo gehört für mich, dass es mit Muskelkraft betrieben wird», sagt er. Diese Verknappung ist quasi die Essenz seiner Einstellung – und auch seiner täglichen Arbeit.

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Wenn er über die Nabenschaltung etwa von Sturmey Archer spricht, leuchten seine Augen. Diese typischen Dreigang-Schaltungen hielten bis zu 60 Jahre, und weil die Kette durch die Kettenlinie nicht aufgerieben werde, nutze sie sich ebenfalls nicht ab.

Ob ihm, wenn jede und jeder solche Qualität benutzen würden, nicht irgendwann die Arbeit ausgehen würde? Mounayer lacht. Es gebe auch sonst genug zu tun. Denn: «Zürich ist auch ein mit reichlich Scherben ausgestattetes Terrain», sagt er. Mehrmals täglich wechsle er Schläuche aus. Seine Maxime, am gleichen Tag bringen und abholen, gilt aber auch für alle anderen Reparaturen.

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Daneben hat Mounayer immer noch Dutzende gebrauchte Velos im Angebot, die er selber zusammengebaut hat und zu angemessenen Preisen verkauft. Die Teile dafür kauft er von überall her ein und lagert sie in einem Keller. Doch leicht falle seinen Kunden die Entscheidung, ihr altes Velo zu verschrotten und ein neues zu kaufen, selten. «Die Leute hängen an ihren Gefährten», sagt er. Mit Vernunft habe das längst nichts mehr zu tun, sondern mit tiefer Verbundenheit. «Die Zürcher lieben ihre Fahrräder», sagt Mounayer. Die Zürcher dafür einen wie ihn.

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Adresse

Velocittà
Neugasse 29
8005 Zürich
+41 43 818 28 29

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag, 10-18.30 Uhr
Samstag, 10-16 Uhr