Im Fokus

Zürich-Fotograf und Lichtfetischist Raymond Inauen

Interview: Christian Schiller

Ihre Fotos von Zürich gehen auf Social Media um die Welt. Wer sind die Menschen hinter der Linse? Was treibt sie an? In unserer neuen Serie drehen wir die Kamera um. Heute im Fokus: Raymond Inauen, der Zürich nur von seiner schönsten Seite zeigt – und froh ist, dass er seinen Lebensunterhalt nicht mit Fotografieren verdienen muss.

Deine Fotos von Zürich erreichen auf Instagram Tausende von Menschen. Wie wichtig ist das für dich?

Wichtig würde ich nicht sagen, aber es motiviert mich, besser zu werden. Ich verbringe allerdings nicht viel Zeit auf Instagram, bin also wohl nicht der klassische Nutzer. Und süchtig bin ich schon gar nicht (lacht).

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Wie bist du zum Fotografieren gekommen?

Ich wollte Fotograf werden und die Welt bereisen. In meiner Jugend habe ich mir immer die Fotos im Magazin «National Geographic» angeschaut. Ich war davon so fasziniert, dass es ein monatliches Ritual war, in die Bibliothek zu gehen und die neuesten Artikel zu lesen. Aber das Leben hatte andere Pläne mit mir: Ich wurde Grafiker – mit einem guten Auge. Fotografie ist ein Hobby von mir.

Meine Fotos sollen zeigen, wie schön die Welt ist.

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Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Ich glaube, ich bin ein klassischer Landschaftsfotograf, der versucht, den richtigen Moment im richtigen Licht einzufangen. Meine Fotos sollen zeigen, wie schön die Welt ist.

Was oder wo in Zürich fotografierst du besonders gerne?

Ich liebe es, Fotos vom alten Zürich zu machen. Ich finde es faszinierend, durch die alten Strassen zu laufen und zu beobachten, wie das Licht die Atmosphäre der Stadt verändert.

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Auf welches deiner Fotos bist du besonders stolz?

Gute Frage, die ich mir noch nie gestellt habe. Ich habe eine Serie von Fotos in der Dämmerung gemacht, die ich sehr mag. Für mich ist Zürich in den Sommermonaten am schönsten. Man riecht, sieht und spürt die angenehme Atmosphäre. Den Übergang vom Tag zur Nacht ist für mich etwas Besonderes.

Um ehrlich zu sein, ich kenne im Moment nur sehr wenige Fotografen, die glücklich sind.

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Man sagt, dass es nirgendwo so viele Fotografen gibt wie in Zürich. Was bedeutet das für den einzelnen Fotografen?

Wegen der technischen Veränderungen im digitalen Zeitalter werden sich nur wenige Fotografen durchsetzen. Früher kam ein durchschnittlicher Fotograf durch, weil die Anforderungen noch nicht annähernd so hoch waren. Heute aber fotografieren zahlreiche Fotografen auf einem guten Niveau. Und das reicht für die meisten Kunden.

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Für Fotografen wird es also zunehmend schwierig, von ihrem Beruf leben zu können. Traditionelle Landschaftsfotografie war nie ein lukratives Geschäft, und selbst Architekturfotografie ist nicht mehr das, was sie einmal war. Studio- und Stillleben-Fotografen stehen ebenfalls unter grossem Druck. Um ehrlich zu sein, ich kenne im Moment nur sehr wenige Fotografen, die glücklich sind. Ich bin froh, dass ich meinen Lebensunterhalt anders verdiene.

Bist du auch ein Influencer?

Ich war sehr überrascht, dass ich in der Szene offenbar bekannt bin. Ich habe nur 1500 Follower, im Vergleich also wenige. Bezahlte Aufträge habe ich noch keine übernommen. Ich wurde auch noch nicht angefragt (lacht).

Hast du eine Fotografin oder einen Fotografen als Vorbild?

Ansel Adams, Henri Cartier-Bresson, Steve McCurry ...

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Was machst du in deiner Freizeit, wenn du nicht fotografierst?

Ich habe kürzlich begonnen, Drohnen zu fliegen. Die Kombination aus Fliegen und Videos zu drehen, ist der absolute Hammer. Ich fliege oft über Zürich: Der Blick auf die Stadt ist spektakulär – eine neue Dimension für mich.

Hast du eine künstlerische Ausbildung absolviert?

Ich habe in Montreal Illustration und Design studiert. Seit ich in Zürich lebe, arbeite ich in der Werbebranche und habe jetzt eine eigene Mini-Agentur im Herzen von Zürich.

Wenn ich keine Fotos mache, macht sich meine Freundin Sorgen und fragt mich, ob etwas nicht stimmt.

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An wie vielen Tagen pro Woche bist du mit der Kamera unterwegs?

Ich weiss es gar nicht so genau, es variiert. Meine Freundin meint jedoch, dass ich viel Zeit hinter der Kamera verbringe, besonders im Urlaub (lacht). Wenn ich keine Fotos mache, macht sie sich Sorgen und fragt mich, ob etwas nicht stimmt. Grundsätzlich schaue ich nie auf die Zeit, sondern auf das Licht.

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Wie viel hat deine gesamte Fotoausrüstung gekostet?

Nicht viel, meine Kamera ist fast zehn Jahre alt: insgesamt vielleicht 3000 Franken.

Was treibt dich an, immer wieder mit der Kamera rauszugehen?

Es ist so, als würde man nach Gold suchen: Man hofft auf das ultimative Jackpot-Bild. Ich geniesse es aber auch, draussen zu sein. Ich arbeite ja sonst fast nur vor dem Computer.

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Wie stark bearbeitest du deine Fotos?

Ich bearbeite alle meine Bilder mit Lightroom, manchmal mehr, manchmal kaum. Gelegentlich arbeite ich mit Photoshop, um neue künstlerische Eindrücke zu erzeugen. Jedes Bild erzählt eine Geschichte und das Bearbeiten trägt dazu bei, die Geschichte noch besser zu transportieren.

Gibt es das perfekte Bild?

Ja. Wirklich perfekte Fotos überdauern die Zeit.

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Name: Raymond Inauen
Geboren: 1963
Aus: Montreal, Kanada
Fotografiert seit: 1980
Kamera: Canon 50D, iPhone, DJI Spark
Objektiv: 24–105mm
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