Die Schneiderei

Ein Elektroschuppen versteckt in einem Dönerladen. Thomas Nussbaumer ist erfolgreicher Clubbesitzer – ohne Konzept und aus Versehen.

Die Schneiderei ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Und trotzdem hat sie ihren Charakter als sogenannte «Speakeasy»-Location, wie man sie in Grossstädten wie New York und Berlin findet, behalten: Möglichst «underground», exklusiv und von aussen nicht erkennbar. Oft führt der Weg zum Club oder zur Bar durch einen privaten Raum, ein Chinarestaurant oder eben einen Dönerladen.

Der Geruch von heissem Fett und grilliertem Fleisch strömt nach draussen. Der Dönerspiess hinter der Fensterscheibe dreht sich langsam im grellen Licht. Im Innern der Kebab-Bude sitzen ein paar Leute, kauen auf ihren Pita-Broten und stochern in ihren Dönerboxen. 

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Der Atmosphäre und dem Interieur nach zu urteilen, handelt es sich hier um einen normalen Kebabladen an der Langstrasse. Erst als eine kleine Gruppe von Menschen den Laden betritt, zielsicher an der Theke vorbeischreitet und die Treppe hinauf verschwindet, ist klar: Da ist noch mehr.

Erst als eine kleine Gruppe die Treppe hinauf verschwindet, ist klar: Da ist noch mehr.

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Wer die Treppe hochsteigt, landet in der Schneiderei, einem der ältesten Clubs im Kreis 4. Der Elektroschuppen ist gerade mal so gross wie ein Wohnzimmer, ausgestattet mit alten Perserteppichen und Vintagemöbeln vom Brockenhaus. Hier tanzen, flirten und feiern am Wochenende bis zu 200 Leute pro Nacht. Während die grossen Clubs entlang Zürichs Feiermeile mit viel Tamtam um die Gunst des Partyvolkes buhlen, hält sich die Schneiderei bedeckt – und ist gerade deshalb so erfolgreich.

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Ich treffe Thomas, den Schöpfer der Schneiderei, zum Mittagessen in der Firmenkantine. Unter der Woche arbeitet der gebürtige Wiener als Ingenieur für eine Hightech-Firma – das ist sein «normales» Leben. Das andere Leben findet am Wochenende in der Schneiderei statt. Der Club sei sein Baby, ein Projekt aus Leidenschaft, erzählt er. Um Geld ginge es dabei nicht. «Ich mache keine PR und kein Marketing. Ich will, dass die Schneiderei ihren alternativen Charakter behält. Und dank Mund-zu-Mund-Propaganda ist der Club trotzdem immer voll.»

Unter der Woche arbeitet der gebürtige Wiener als Ingenieur für eine Hightech-Firma.

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Die Geschichte der Schneiderei begann 2011. Thomas wohnte damals an der Langstrasse und ging des Öfteren bei seinem Lieblings-Dönerimbiss vorbei. «Da war nie viel los. Also schlug ich dem Besitzer vor, Konzerte zu veranstalten. ‹Rock the Kebab›, nannte ich die Eventreihe.» Die Idee kam an, die Imbissbude war voll, die Stimmung gut und etliche Döner gingen über die Ladentheke. «Bis die Polizei kam und die Partys wegen der lauten Musik verbot.»

«Bis die Polizei kam und die Partys wegen der lauten Musik verbot.»

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So schnell wollte Thomas aber nicht aufgeben. Er fasste den kleinen Raum im oberen Stock ins Auge. Damals mietete das Atelier ein türkischer Schneider, der es sporadisch für seine Näharbeiten nutzte. «Der war fast nie da, weshalb ich den Raum übernehmen konnte.» Einen Businessplan hatte Thomas nie. Einzig die Vision, einen Ort zu schaffen, an dem sich Leute kennenlernen können. «In den meisten Clubs hier gibt es keine grossen Interaktionen unter Fremden. Entweder du schleppst jemanden ab, oder eben nicht. Freunde findest du jedenfalls keine.» Die Schneiderei sollte sich anders anfühlen – wie das Wohnzimmer eines Kumpels. Genug intim, damit die Leute miteinander plaudern können. Genug gross, um zu tanzen. Eine Art «institutionalisierte WG-Party».

Die Schneiderei sollte sich anders anfühlen – wie das Wohnzimmer eines Kumpels.

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Die ersten Abende waren pure Improvisation: Das DJ-Pult war ein Konstrukt aus alten Harassen. Alle paar Stunden eilte ein Barkeeper nach unten in den Dönerladen, um die Gläser abzuwaschen. Und Thomas selbst radelte bis zu vier Mal in einer Nacht zur Tankstelle, um neues Eis zu besorgen. «Die Schneiderei ist das beste Beispiel dafür, dass Konzeptlosigkeit und Improvisationstalent auch zum Ziel führen können», sagt Thomas und lacht.

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Damit der Elektroclub legal wurde, meldete Thomas ihn als Vereinslokal an. «Auch das hat sicher seinen Teil zum exklusiven Underground-Flair des Clubs beigetragen. Die Member fühlen sich als Teil einer Party-WG-Kommune», sagt der 42-Jährige.

«Die Member fühlen sich als Teil einer Party-WG-Kommune.»

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Während andere Clubs an der Langstrasse kommen und gehen, hält sich die Schneiderei nun schon seit sieben Jahren. Das habe unter anderem mit der friedlichen Community zu tun, meint Thomas. Eine Schlägerei habe es noch nie gegeben, rausbegleitet werden mussten bisher insgesamt drei Personen. In der Schneiderei gilt «Friendliness first» – vom Türsteher bis zum Barkeeper. «Ich habe mich schon so oft über arrogantes Personal aufgeregt. Ich wähle meine Leute danach aus, wie gewinnend und freundlich sie sind.»

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Ein Konzept oder einen Plan hat Thomas immer noch nicht. Vielleicht schliesst die Schneiderei in ein paar Jahren, vielleicht nicht. «Es ist cool, solange es cool ist. Ich schaue immer nur bis zur nächsten Party voraus», sagt Thomas und schmunzelt.

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Infos

Wer Vereinsmitglied werden will, meldet sich hier an. Alle Programminfos sind im Newsletter enthalten. Freunde eines Mitglieds können ohne Anmeldung in der Schneiderei mitfeiern.

The Birthday Girls

Neben seinem Vollzeitjob und der Schneiderei ist Thomas Nussbaumer übrigens erfolgreich mit seiner Band unterwegs. Die Indie-Rock-Band «The Birthday Girls» spielt immer wieder an Festivals, tourte schon durch ganz Europa und war die erste Schweizer Band, die das britische BBC Radio zu einer Live-Session und einem Interview einlud. Vergangenen März brachte die Band ihr drittes Album «Disco Fragile» heraus.

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