Schanzengraben

Abenteuer zwischen Grossbanken und dörflicher Idylle: Jens Steiner zeigt in seinem neusten Buch unbekannte Ecken des meist beschaulichen Schanzengraben-Quartiers.

Text: Agnes Zavala Fotos: Raja Läubli

Der preisgekrönte Zürcher Schriftsteller Jens Steiner hat sein erstes Kinderbuch veröffentlicht. Es spielt rund um den Schanzengraben, heisst «Die Bratwurstzipfel-Detektive und das Geheimnis des Rollkoffers» und gefällt nicht nur wegen seinem starken Lokalbezug auch Erwachsenen.

Hinter dem Paradeplatz findet man beim Schanzengraben eine Welt für sich. Still fliesst das Wasser Richtung Sihl, zwischen den Algen schwimmen ein paar dunkle Fische herum. Jens Steiner sitzt an der Fussgängerpromenade auf einer Parkbank. Dort, wo auch Olivia gerne sitzt. Das Mädchen ist eine der drei Hauptfiguren in Jens’ aktuellem Buch «Die Bratwurstzipfel-Detektive und das Geheimnis des Rollkoffers».

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«Viele wissen gar nicht, dass dieser Kanal früher wirklich ein Burggraben war und der Alte Botanische Garten zur Stadtfestung gehörte», sagt Jens und zeigt auf das historische Gemäuer gegenüber. «Diese Gitterlöcher in der Wand fallen ja kaum jemandem auf...» – doch dazu später mehr.

Der Kanal war ein Burggraben und der Alte Botanische Garten gehörte zur Stadtfestung. 

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Der freie Autor Jens Steiner ist in Hausen am Albis aufgewachsen, das Gymnasium hat er in Wiedikon besucht. Seit seinem Germanistik- und Philosophiestudium wohnt er, mit kleinen Unterbrüchen, in Zürich. 2011 veröffentlichte der damals 36-Jährige seinen Erstling «Hasenleben», 2013 folgte «Carambole». Für beide Werke hat er grosse Aufmerksamkeit und mehrere Preise erhalten, unter anderen den Schweizer Buchpreis 2013. Neben Romanen publiziert er auch Kurzgeschichten, Hörspiele und jetzt sein erstes Kinderbuch.

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Es hat eine Weile gedauert, bis sich Jens fürs Schreiben entscheiden konnte. Denn seine Ängstlichkeit war eine Bremse, ebenso sein familiärer Hintergrund. Er kommt aus einem «Büezer-Haushalt», der Vater ist Elektriker und einer seiner Brüder Dachdecker – aber doch nicht Schriftsteller! Jens hat deshalb erst als Lehrer und Verlagslektor gearbeitet.

Es hat eine Weile gedauert, bis sich Jens fürs Schreiben entscheiden konnte.

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Heute profitiert Jens von seinen früheren Tätigkeiten. Die Inspiration für «Die Bratwurstzipfel-Detektive» war ein Nachhilfeschüler, der an der Gerechtigkeitsgasse neben dem Schanzengraben wohnte. Von ihm hat Jens Steiner erfahren, dass durch dieses Quartier zwar Heerscharen von Anzugsträgern strömen, aber nur wenige Menschen dort wohnen. Und diese kennen sich mehr oder weniger alle. Dieser Kontrast zwischen dem anonymen und hektischen Bankenplatz und dem dorfähnlichen Leben der Anwohner faszinierte Jens.

Die Inspiration für «Die Bratwurstzipfel-Detektive» war ein Nachhilfeschüler, der neben dem Schanzengraben wohnte.

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Letztes Jahr hat Jens dieses Motiv aufgegriffen und die Schüler Clemens, Leo und Olivia geschaffen. Zu diesen drei Hauptfiguren gesellte sich, basierend auf einer Kindheitserinnerung, ein alter Mann, welcher ständig mit einem Rollkoffer und Gummistiefeln unterwegs ist. Und nun, das wusste er als ehemaliger Verlagslektor, musste noch ein Abenteuerelement her. Bei Streifzügen im Schanzengraben-Quartier sah Jens die besagten Löcher in der Mauer des Alten Botanischen Gartens, begann nachzuforschen und wurde von den Rechercheresultaten selbst überrascht. Die witzige und leicht kuriose Detektivgeschichte in den Parallelwelten mitten in Zürich nahm Gestalt an.

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Jens’ Bücher handeln immer von einem grundsätzlichen und aktuellen Konflikt: «Meine ersten Bücher waren recht düsteren Themen gewidmet, wie der Einsamkeit des modernen Menschen. Auch die neueren Geschichten drehen sich um substanzielle Fragen, kommen aber leichtfüssiger und freundlicher daher.» Dies gilt sowohl für seinen letzten Roman «Mein Leben als Hoffnungsträger», in dem es um die Konsum- und Verschwendungssucht der heutigen Gesellschaft geht, wie auch für sein erstes Kinderbuch, das die Problematik des Geldes thematisiert.

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«Meine Mutter hat mir gestanden, dass ‹Mein Leben als Hoffnungsträger› das erste meiner Bücher war, welches sie zu Ende gelesen hat», erzählt der Autor schmunzelnd. Die Bratwurstzipfel-Detektive dürfte sie auch mögen. Nicht nur, weil sie ursprünglich auf einer Bank ihre Lehre machte. Auch wenn sich Jens mit seinem aktuellsten Werk primär an Kinder richtet, so finden auch Erwachsene Gefallen an diesem Buch, welches ein scheinbar altbekanntes Zürcher Quartier in einem neuen Licht erscheinen lässt.

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Adresse

Die Schanzengrabenpromenade erstreckt sich von der Gessnerbrücke bis zum See. Treppen zur Promenade befinden sich unter anderem bei der Gessnerbrücke oder beim Bürkliplatz.

Der Autor

Mehr zum Autor Jens Steiner, zu seinen Büchern und den nächsten Lesungen gibt es auf seiner Website.