Brockenhalle Tigel

Kein*e Chef*in, dafür drei Stockwerke voller Secondhand: Die Brockenhalle Tigel im Seefeld fällt aus der Norm. Alice Cantaluppi und Miloud Genova erklären, warum das aufgeht.

Wenn man im Tigel nach der Leitung fragt, bekommt man die Antwort: Es gibt keine. Das Format der Brockenhalle ist ungewöhnlich. 13 Genossenschafter*innen arbeiten Teilzeit, selbsttragend und selbstverwaltet. Alice Cantaluppi und Miloud Genova sind zwei von ihnen. Sie sind sich einig: Die Arbeit hier ist nicht nur sinnvoll, sondern ist auch ein Beitrag zur Nachhaltigkeit und Vielfalt.

Der Tigel ist weniger ein Laden als mehr ein Ort. Allerdings nicht dort, wo man ihn als Erstes erwarten würde, sondern im hinteren Teil des Seefeld-Quartiers, umgeben von Boutiquen und Restaurants. Das Gebäude ist etwas älter, und drin: eine dreistöckige Brockenhalle. Die «Halle» im Namen stammt noch von einem früheren Standort. Der heutige Tigel hingegen besteht aus kleinen Räumen mit hohen Decken. Fast wie ein altes Zuhause, nur mit sehr, sehr viel mehr Dingen. Teeservices, säuberlich aufgereiht im Gang. Kleidung, nach Farbe geordnet. Kunterbuntes Spielzeug im Kinderzimmer, ansehnlich drapierter Schmuck in einem halboffenen Nebenräumchen.

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Es ist das einzige Brocki im Seefeld.

In so manchem Zürcher Quartier gibt es mehrere Brockis. Im Seefeld gibt es nur eines – und das seit den Siebzigern. «Die Idee entstand aus der 68er-Bewegung heraus», erzählt Alice Cantaluppi, die im Tigel arbeitet. «Das Profil des Projekts war am Anfang anders als heute, aber ein Brocki war es von Anfang an.» Als 1978 die Genossenschaft gegründet wurde, stand die Idee im Zentrum, selbstverwaltet zu sein und Menschen mit Benachteiligungen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Im heutigen Tigel sind die Benachteiligungen nicht mehr zentral, dafür aber die Arbeitsplätze: 13 Festangestellte bilden die Genossenschaft, welche die Brockenhalle, die Schreinerei und deren Verwaltung vereint – und keine dieser Anstellungen beträgt mehr als 70 Prozent. Der Grund ist ein ideeller: Möglichst viele Menschen beschäftigen und möglichst wenig formelle und informelle Hierarchie. Ruft man beim Tigel an und verlangt die Leitung, kriegt man nicht selten die Antwort: Es gibt keine.

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Der Tigel ist aus der 68er-Bewegung entstanden.

«Ein grösseres Team bewusst mit ausschliesslich Teilzeitmitarbeitenden zu besetzen, ist aufwendiger und komplizierter», räumt Miloud ein, der seit 2019 für die Verwaltung des Tigels zuständig ist. «Wir sind damit ausserhalb der Norm.» Genau darum sei er hier: «Es ist ein Ort, wo ich als Mensch voll und ganz wirken und eine reale, selbstbestimmte Alternative leben kann.» Viele aus der heterogenen Gruppe, die den Tigel ausmacht, decken mit ihrer Anstellung hier ihre Fixkosten, pflegen aber weitere Leidenschaften. «Nach meinem Studium war ich nicht bereit, finanziell von meinen Tätigkeiten in der bildenden Kunst abhängig zu sein», erinnert sich Alice, die für das Brocki zuständig ist. «Vielen von uns geht es so – und es ist keine Seltenheit, dass jemand sein Zehn-Jahr-Jubiläum beim Tigel feiert.»

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Entschieden wird im Kollektiv, an monatlichen Sitzungen. Das ist manchmal etwas langwieriger, bestätigen Alice und Miloud beide, aber ist Teil einer Selbstverwaltung – eine Arbeitsform, die nicht nur in Zürich selten geworden ist. Ebenfalls eine kollektive Entscheidung ist der Tigel-Sozialbeitrag: Einmal im Jahr wird ein fixer Teil des Umsatzes an gemeinnützige Organisationen und Projekte gespendet. Auch das macht aus dem Tigel weit mehr als bloss einen Laden.

Ein fixer Teil des Umsatzes wird gespendet.

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Die Brockenhalle und ihr Betrieb verstehen sich als Beitrag gegen die Wegwerfgesellschaft. «Wir stehen nicht ausserhalb einer kapitalistischen Logik, aber verschieben einige Parameter. Wir profitieren vom Überfluss», überlegt Alice, «aber leisten einen Beitrag zum nachhaltigen Konsum auch für die tiefen Einkommensschichten.» Auch wer nur zum Lesen in der Bücherecke komme, sei willkommen. «Wir versuchen, mit der Zeit zu gehen, wir bleiben aber ein Brocki und werden nicht zur Boutique.»

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Dazu gehört auch, dass der Tigel nichts einkauft, sondern das nimmt, was die Leute bringen, und dass die Preise möglichst tief bleiben. Beim Auswahlprozess des Gebrachten ist oft Diplomatie gefragt: Wie viel Material weist man ab, nimmt man an, wirft man weg? «Von den 340 Quadratmetern ist nur ein sehr kleiner Teil Lagerfläche, entsprechend ist der Durchlauf der Ware sehr schnell.»

«Es ist ein Ort, wo ich als Mensch voll und ganz wirken kann.»

Miloud Genova

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Auch wenn das System nach wie vor nach Leistung und Effizienz schreit, bleibt der Tigel seinen Grundprinzipien treu und diskutiert sie immer wieder aufs Neue. Trotz Internetauktionen und neuen Geschäftsmodellen bleibt die Zahl der Besucher*innen stabil. «Unser Team, aber auch unsere Kund*innen stammen aus allen Generationen, Herkünften und sozialen Schichten», schildert Miloud. «Wenn ich Mitmenschen erzähle, dass ich in einer Brockenhalle im Seefeld arbeite, ernte ich oft Erstaunen als Reaktion: Viele glauben, es sei ein Edelbrocki. Dabei ist es vielmehr eine wunderbare Oase im sonst sehr gepützelten Quartier.»

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Diese Oase sei nicht zuletzt auch Treffpunkt, erzählt Alice: «Es gibt Leute, die kommen mehrmals täglich. Manche wachsen mit regelmässigen Tigel-Besuchen auf. Er ist – dem Namensursprung treu – ein sozialer Schmelztiegel.» Der tägliche Znüni um elf, wo alle aus Schreinerei, Transport und Verkauf zusammensitzen, wird gelegentlich mit Kuchen bereichert, den Kund*innen gemacht haben. Einige bringen auch Dinge aus den Ferien mit – oder tragen ihre Erlebnisse in den Tigel, so Alice: «Leute erzählen hier auch gerne mal Privates. Etwa, dass sie Grossmutter geworden sind, oder von ihren Leiden. Sie erzählen das oft nicht mir persönlich, sondern mehr dem Ort.»

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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Adresse

Brockenhalle Tigel
Hornbachstrasse 62
8008 Zürich
+41 444 422 50 96
Website

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag, 10–18.30 Uhr
Samstag, 10–16 Uhr

Annahmezeiten

Montag bis Freitag, 11–17 Uhr
Samstag, 11–15 Uhr