Blueme under de Böge

Seit bald 50 Jahren steht Fritz Schneiter am Limmatquai und verkauft Blumen.

Fritz Schneiter hat seine Laufbahn als junger Rosenkavalier mit siebzehn begonnen und weiss aus langjähriger Erfahrung, wie wichtig seine Blumen sind, wenn es um die entscheidenden Momente im Leben geht.

Beim Frühstück spiele ich online ein Blumenmemory und bin wahnsinnig schlecht. Dann google ich kurz die saisonal angesagten Blumen und fahre los zu Fritz Schneiter ans Limmatquai. Er sitzt auf einem Hocker und kürzt gerade die langen Stängel der Sonnenblumen. Vor ihm stehen grosse Eimer mit Wasser und darin Rosen in verschiedenen Farben sowie gebundene Sommersträusse. «Wir suchen noch eine Aushilfe», lacht er, und ich werde verlegen, weil ich doch ausser den Sonnenblumen, den Rosen und den Pfingstrosen keine anderen kenne, da hilft das Memory auch nicht mehr viel.

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Das sei nicht so schlimm, meint er. Blumenwissen könne man sich aneignen. Wer für ihn arbeite, müsse es im Freien aushalten, dies sei viel wichtiger. Und zwar das ganze Jahr über. Nur wenn das Thermometer über dreissig Grad klettert oder bei minus zehn Grad werden keine Blumen verkauft, weil sie dabei kaputtgingen. «Ich halte es selber nicht mehr lange in einem geschlossenen Raum aus», meint Fritz Schneiter, der gelernter technischer Gummiwarenverkäufer ist. Da lernt man vom Gartenschlauch bis zur Kühlschrankdichtung alles herzustellen. Nach der Lehre ist er beim Vater ins Blumengeschäft eingestiegen und steht heute seit 48 Jahren unter den Bögen gegenüber dem Rathaus.

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Wie der Vater so die Tochter: Claudia Schneiter arbeitet auch als Floristin unter den Bögen.

Wissen Sie, warum der Blumenstand unter den Bögen steht? Während des Zweiten Weltkrieges gab es überall Minen unter den Brücken, weil das Limmattal eine Verteidigungslinie war. Hätte man also auf der Gemüsebrücke eine Menschenansammlung an Marktständen provoziert, dann wäre es unmöglich gewesen, die Brücke rechtzeitig zu evakuieren. Und so wichen die Blumen- und Gemüseverkäufer an die Seite aus. Neben das Rathaus oder eben, wie Fritz Schneiters Vater damals, unter die Bögen gegenüber dem Rathaus.

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Der junge Rosenkavalier

Mit siebzehn stand Fritz Schneiter jeden Morgen ab 6.30 Uhr neben seinem Vater Otto Schneiter unter den Bögen. Beim Grossmünster war damals die Höhere Töchterschule, und weil es noch keine Tramverbindung vom Hauptbahnhof gab, liefen die jungen Frauen in Scharen am Blumenstand vorbei. «Das war für mich natürlich das Paradies!», lacht der immer noch bestechend charismatische Mann.

«Weil es noch keine Tramverbindung gab, liefen die jungen Frauen in Scharen am Blumenstand vorbei. Das war für mich natürlich das Paradies!»

Kürzlich gerade besuchte ihn eine Frau am Stand, die vor vierzig Jahren die Höhere Töchterschule besuchte und immer das fünfte Rad am Wagen einer Mädchenclique war. «Wir hatten immer wieder Blickkontakt. Gesprochen haben wir aber nie miteinander», erzählt mir Fritz Schneiter, der ihr dann eines Tages wortlos eine Rose schenkte, als die Mädchen wieder am Stand vorbeikamen. «Jetzt nach so vielen Jahren kam sie wieder zu mir an den Stand und bedankte sich für meine Geste damals. Dass ausgerechnet sie eine Rose von mir bekommen habe, hätte niemand in der Clique verstanden, aber ihr Selbstvertrauen sei dadurch entscheidend gestärkt worden.» Fritz Schneiter weiss sehr genau, mit wie viel Emotion seine Blumen aufgeladen sind.

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Eine Frau wird Fritz Schneiter nie vergessen. Eine Frau, die von ihm die Blumendekoration für ihre Hochzeit wünschte. Er kümmerte sich also um den Brautstrauss, die Dekoration des Autos und um die Gestecke für die Tische im Restaurant. Kurz vor dem Termin kam die Frau wieder und fragte, ob er auch Trauergestecke mache. Ihr Mann sei mit dem Auto tödlich verunglückt. Und so kümmerte sich Fritz Schneiter um den Trauerkranz und die Sargdekoration. Als ich gehe, zwinkert mir Fritz Schneiter zu, er suche doch noch eine Aushilfe. Ich lache und verabschiede mich.

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Adresse

Blueme under de Böge
Limmatquai 52
8001 Zürich

Öffnungszeiten

Montag, 9.30–18.30 Uhr
Dienstag und Mittwoch, 10–19 Uhr 
Donnerstag und Freitag, 10–20 Uhr
Samstag, 10–18 Uhr

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