14.01.2020 – Storys & Specials | Zu Besuch bei

«Die Türen haben wir auf dem Platzspitz wiedergefunden»

Text: Eva Hediger Fotos: Jasmin Frei

Ruggero Tropeano lebt seit Ende der 80er in der Rotach-Siedlung an der Limmat. Damals musste er wegen Leichen und Dealern öfters die Polizei rufen. Heute findet der Architekt die Lage nur noch fantastisch.

«Schau, eine Wohnungsbesichtigung», sagte ein Spaziergänger zu seiner Begleitung. Doch die Leute warteten an diesem Samstag im September nicht fast eine Stunde, um eine freie Wohnung im Rotach-Haus zu besichtigen. Sondern um wenigstens für ein paar Minuten den Zürcher Vintage-Wohntraum leben zu können – und durch die grossen Fenster einen Blick auf die Limmat zu werfen.

1928 wurde die Zürcher Rotach-Siedlung für eine Ausstellung geplant.

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Ruggero Tropeano machte es an diesem «Open House»-Tag möglich. Der Architekt, Dozent und Buchautor lebt seit Ende der 80er in der Siedlung: Erst bewohnte er mit seiner Familie eines der zwei 6-Zimmer-Häuser. Heute nutzt er eines der kleineren Appartements als Büro und gelegentliche Schlafstelle. Dieses zeigte er der Öffentlichkeit. Sein Hauptdomizil ist ein Haus in Meilen. «Aus der gleichen Zeitepoche», fügt Ruggero an.

Heute stehen die Häuser unter Schutz.

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1928 wurde die Zürcher Rotach-Siedlung für die damalige Ausstellung «Das neue Heim II» von Max Ernst Haefeli geplant. «Das ist ein Mann, der zu den Architekturheiligen der Stadt zählt», schrieb der «Tages-Anzeiger» kürzlich über ihn. Er hat in der Architektengemeinschaft Haefeli Moser Steiger unter anderem das Freibad Allenmoos, das Kongresshaus und das heutige Universitätsspital gebaut. Als er die Siedlung Rotach im Stil des Neuen Bauens plante, war er Ende 20. Sein Credo lautete: «Licht, Luft, Sonne».

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Auch heute findet Ruggero die Siedlung «fantastisch». Dass sie noch stehe, grenze allerdings an ein Wunder, weiss der Architekt. Vor einigen Jahrzehnten sollte sie einer mehrspurigen Autostrasse weichen. Der Schweizerische Werkbund intervenierte mit Erfolg. Bereits in den Jahren zuvor hatte die Besitzerin – die Genossenschaft Rotach – auf grössere Unterhaltsarbeiten verzichtet: Ende der 80er erschien ihr eine grosse Investition in das Haus zu riskant. Rückblickend könne man das als Vorteil betrachten, so Ruggero. «Es ist viel Originalität erhalten erblieben.»

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1988 kaufte Ruggero mit seiner damaligen Frau und einem Architektenkollegen der Genossenschaft die Siedlung ab. Sie renovierten die Häuser sanft – und wurden dafür mit einem Preis ausgezeichnet. Ein grosser Eingriff sei überhaupt nicht nötig gewesen, berichtet Ruggero. «Es war schon alles da, was man sich wünscht – von der Waschküche im Obergeschoss bis zum Dampfabzug in der Küche. Der hat über die Jahrzehnte immer noch gut funktioniert.» Auch vom Treppenhaus schwärmt Ruggero: «Es ist so geräumig, dass ich darin meine Zitronenbäume überwintern konnte.»

«Es war schon alles da, was man sich wünscht.»

Ruggero Tropeano

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Das Haus entsprach ganz Ruggeros Wünschen. Doch die Umgebung? «Es herrschte ein Belagerungszustand», erinnert er sich. Am Platzspitz hatte sich Ende der 80er die offene Drogenszene breit gemacht. Doch der Architekt und seine Familie liessen sich nicht vertreiben. «Ich blieb hartnäckig», erinnert er sich. Er rief immer wieder die Polizei an, traf sich mehrmals mit dem Ombudsmann des Kantons Zürich und montierte schliesslich am Weg zum Haus ein Holztor. «Die Polizisten haben es sofort wieder entfernt», erzählt er. Doch Tage darauf lagen im Garten vor den Rotach-Häusern zwei Tote. «Keine Süchtigen, sondern vermutlich Drogenhändler», erzählt Ruggero. Er meldete dies der Polizei und brachte wieder ein Tor an – diesmal eines aus Metall. «Bald darauf kehrte Frieden ein», so Ruggero.

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Zum neuen Abschnitt der Rotach-Häuser gehörte auch eine Adressänderung: Früher lagen sie noch an der Wasserwerkstrasse, heute am Lux-Guyer-Weg. Diesen Anschriftswechsel hat Ruggero angestossen. Lux Guyer war die erste Architektin der Schweiz und eine ihrer Bauten, die Frauenkolonie, liegt am Ende des Wegs.

Heute stehen die Rotach-Häuser unter Schutz. «Nichts darf verändert werden», sagt Ruggero. Nicht einmal Details wie Steckdosen. «In meiner Wohnung ist fast alles noch Original», erzählt er. Einzig den Trog in der Küche musste er ersetzen. Der alte steht heute im Museum für Gestaltung. Auch anderes hat Ruggero dem Museum geschenkt – darunter fast seine komplette frühere Hauseinrichtung. «Ich wollte, dass sie zusammenbleibt.» Eine Schenkung sei die einzige Möglichkeit dafür gewesen.

Museal fühle sich seine Retro-Wohnung aber niemals an, bemerkt Ruggero.

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Doch auch in seiner heutigen Wohnung stehen ausgewählte Möbel. «Vieles habe ich vor der Sperrmüll-Sammlungen auf der Strasse entdeckt», erinnert sich Ruggero. Damals habe noch niemand von Vintage gesprochen. «Aber ich hatte ein Auge dafür.» Er sei schon während seiner Kindheit in Italien viel von Design umgeben gewesen, das habe ihn geprägt, erzählt er. Einiges hat er auch erstanden, zum Beispiel im Brockenhaus oder als die ETH ihr altes Mobiliar verkaufte. «Die Stühle kosteten damals nur zehn bis fünfzehn Franken.» Glück ist es auch zu verdanken, dass in den Rotach-Häusern wieder die ursprünglichen Schiebetüren eingebaut sind. «Wir haben sie damals auf dem Platzspitz gefunden.» Die Drogenhändler hätten sie aus den Veranden unter dem Haus mitgenommen und als Verkaufstische verwendet.

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Museal fühle sich seine Retro-Wohnung aber niemals an, bemerkt Ruggero. «Es ist ja alles noch gebrauchstüchtig.» Angst, etwas zu beschädigen, hat er nicht. «Man kann vieles reparieren und man darf es pflegen.» Nur auf seinen Haefeli-Stuhl, der unter anderem 1927 an der Weissenhof-Wohnausstellung in Stuttgart gezeigt worden ist, legt er zur Sicherheit ein Kissen.

Adresse

Rotach-Häuser
Lux Guyer Weg 5
8006 Zürich