11.05.2021 – Zeitreise | Stadt & Geschichte

Dichterin Sisis langer Weg ins Buchregal

Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn war auch eine Dichterin. Warum ihre persönlichen Notizen im Bundesarchiv liegen und warum sie erst 1984 publiziert worden sind ...

Im Jahr 1890 verfügte Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, dass ihre Tagebücher nach Ablauf einer 60-jährigen Sperrfrist «dem Herrn Presidenten der Schweitzer Eidgenossenschaft» übergeben werden sollten. Am 3. Juli 1951 erhielt Eduard von Steiger, damals amtierender Bundespräsident, eine verschlossene Kassette mit den Texten von «Sisi». Zuvor war diese von Elisabeths Bruder, Herzog Carl Theodor von Bayern, in Kreutz bei Tegernsee aufbewahrt worden. Nach dessen Tod 1909 nahm sich sein Sohn Ludwig von Bayern der Sache an und trat im Juni 1951 mit Karl Sebastian Regli, dem Schweizer Konsul in München, in Verbindung.

Die Männer hatten angenommen, wichtige Dokumente in der Kassette zu finden.

Regli brachte die wertvolle Fracht nach Bern, wo sie im Amtszimmer des Bundespräsidenten geöffnet wurde. Die Anwesenden, neben von Steiger waren auch der Bundeskanzler, der Chef der Abteilung Verwaltungsangelegenheiten, der Sekretär des Justiz- und Polizeidepartements und der Bundesanwalt anwesend, waren wohl etwas perplex, als sie die Gedichtbände der österreichischen Kaiserin sahen. Die Männer hatten angenommen, wichtige Dokumente in der Kassette zu finden. Vielleicht hofften sie auch, einen Abschiedsbrief von Kronprinz Rudolf zu entdecken. Der Sohn von Sisi hatte sich Ende Januar 1889 das Leben genommen.

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Bundesrat Eduard von Steiger. (Foto: Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern ZHBLU)

Die Gedichtbände von Sisi brachten die Schweizer Politiker in Verlegenheit. Was sollte mit dem Nachlass der österreichischen Kaiserin geschehen? Léon Kern, Leiter des Bundesarchivs, wurde beigezogen und prüfte die Qualität der Texte. Sein Urteil war klar: «D'une manière générale, ces poésies n'ont pas une grande valeur littéraire.» Kern ging sogar noch weiter und meinte, Sisis Worte könnten sensible Personen schockieren. Er kam zum Schluss, dass die Texte dem Ruf der verstorbenen Kaiserin schaden könnten: «En tout cas, elles n'ajoutent rien à la gloire d'Elisabeth.»

Kooperation

Dieser Artikel ist ursprünglich auf dem Blog des Landesmuseums erschienen. Dort gibt es regelmässig spannende Storys aus der Vergangenheit. Zum Beispiel «Ländli­cher Sport oder städti­scher Kommerz?».

Elisabeth kritisierte aber nicht nur, sondern versuchte sich auch als Dichterin.

In ihren Tagebüchern kritisierte Sisi den österreichischen Hof und die Monarchie. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie diese Staatsform für nicht mehr zeitgemäss hielt. Weil sie davon ausging, dass ihre liberalen und antiklerikalen Texte in der Heimat nicht gut angekommen und eventuell sogar vernichten worden wären, vermachte sie ihre Tagebücher nach einer langjährigen Sperrfrist der Schweiz. Elisabeth kritisierte aber nicht nur, sondern versuchte sich auch als Dichterin. Sie verehrte den scharfzüngigen Deutschen Heinrich Heine und schrieb Gedichte in seinem Stil.

Und auf der Nordsee wilder Wogen,
Geliebter, lagst du hingestreckt,
Mit tausend Fasern eingesogen
Hab ich dich salz- und schaumbedeckt

Elisabeth von Österreich-Ungarn

Zweifellos, Heine konnte es besser. Aber was tun mit dem Vermächtnis einer Kaiserin? Zumal diese gefordert hatte, die Gedichte zu veröffentlichen und den Erlös für «politisch Verurteilte und deren hülfebedürftiger Angehörigen» zu spenden. Der Bundesrat zögerte. Schliesslich wurde ein Schreiben an Ludwig von Bayern aufgesetzt. Darin bat Eduard von Steiger den Herzog, nach Bern zu kommen, um «mit uns über das gestellte Dilemma eine Aussprache zu pflegen». Das Ziel der Schweizer Landesregierung war klar. Sie wollte die Publikation der Tagebücher verhindern, denn «es erhebt sich vielmehr die Frage, ob die Veröffentlichung dieser Schriften dem Andenken der Kaiserin nicht eher abträglich sein könnte, was wir, auch mit Rücksicht auf das bayrische Köngishaus und das österreichische Erzhaus zu vermeiden suchen möchten».

Das bayrische Königshaus stimmte dem Plan der Eidgenossen zu und so verschwanden die persönlichen Notizen der Kaiserin im Bundesarchiv. Dort gerieten sie – ganz wie beabsichtigt – in Vergessenheit. Im November 1977 traf ein Gesuch von Jean Rudolf von Salis ein. Der ehemalige Geschichtsprofessor der ETH Zürich bat um Einsicht. Allerdings nicht für sich selbst, sondern für eine junge Historikerin: «Es wäre ihr Wunsch, Einsicht zu nehmen in den versiegelt beim schweizerischen Bundespräsidenten liegenden literarischen Nachlass der Kaiserin.» Die Anfrage wurde eingehend geprüft und schliesslich als seriös eingestuft. Das Geschäft wurde an den Bundesrat weitergereicht. Doch ein wichtiges Mosaiksteinchen fehlte noch: Der bayrische Herzog. Ludwig war 1968 gestorben und so wandte sich Bundesrat Hans Hürlimann an dessen Erben Max Emanuel. «Wir gestatten uns die Anfrage, ob Sie gegen die Einsichtsgewährung irgendwelche Einwendungen zu erheben haben», schrieb Hürlimann am 10. Februar 1978 an den Herzog. Das hatte der Adlige nicht.

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Hans Hürlimann (links) beim Staatsbesuch von König Juan Carlos, 1979.

Am 1. Dezember 1980 stimmte der Bundesrat einer Veröffentlichung der Sisi-Tagebücher zu.

Schnell fasste die deutsch-österreichische Historikerin Brigitte Hamann den Entschluss, die Sisi-Notizen zu publizieren. Am 1. Dezember 1980 stimmte der Bundesrat einer Veröffentlichung der Sisi-Tagebücher zu. Allerdings sollte das Andenken an die österreichische Kaiserin auch knapp 30 Jahre nach Öffnung der Kassette geschützt werden. Deshalb knüpfte die Schweizer Landesregierung eine Publikation an Auflagen: Die Veröffentlichung musste streng wissenschaftlich sein. Eine «allfällige populäre oder journalistische Ausweitung» des Nachlasses kam für den Bundesrat nicht in Frage. Ausserdem musste ein allfälliger Erlös gemäss den Wünschen von Sisi an ein Hilfswerk überwiesen werden.

Die Gedichte von Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn wurden 1984 veröffentlicht und sind bis heute im Buchhandel erhältlich. Ein Teil des Erlöses fliesst jeweils dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zu. Das hatte der Bundesrat 1980 beschlossen und damit den letzten Willen von Sisi umgesetzt.