01.03.2021 – Stadt & Geschichte

Vom gefeierten Star zum «abnormalen Mann»

Text: Eva Hediger

1957 wurde der bekannte Komponist Robert Oboussier in seiner Zürcher Wohnung auf brutalste Weise ermordet. Doch das Mitleid galt bald dem jugendlichen Täter.

Am Pfingstsonntag 1957 erwachte Zürich mit einer Schocknachricht: Der stadtbekannte Komponist Robert Oboussier war tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Die Brust und der Rücken der Leiche waren mit Messerstichen übersät. Der Schädel war mit einem Gewichtsstein zertrümmert worden, überall war Blut.

Robert Oboussier wurde 1900 in Antwerpen geboren. Die Mutter war Deutsche, der Vater Auslandschweizer. Seine Flucht vor dem Nationalsozialismus führte Oboussier 1939 nach Zürich. Er wurde Vizedirektor der Suisa, war im Vorstand des Schweizerischen Musikverbandes und arbeitete als Musikkritiker und Komponist. Nur zehn Tage vor seinem Tod feierte er in der Tonhalle eine Uraufführung.

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Tonhalle (Foto: Kantonale Denkmalpflege)

«Robert Oboussier ist verstummt; sein Werk wird – davon sind wir überzeugt – weiter für ihn reden.» Er sei ein «wertvoller Mensch» gewesen, der «kaum irgendwelche Feinde hatte», schrieb der «Tages-Anzeiger» kurz nach seiner Ermordung.

Homosexualität war seit Jahren nicht mehr verboten.

Doch nur wenige Tage später veränderte sich der Ton. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass der bald 60-Jährige immer wieder Bekanntschaften mit jungen Strichern pflegte. Gleichgeschlechtliche Prostitution war damals verboten, Sex mit Minderjährigen sowieso.

Gleichgeschlechtliche Handlungen waren aber ab 1942 erlaubt. Doch trotz der liberalen Gesetzgebung lebte kaum ein schwules oder lesbisches Paar seine Liebe offen aus.

Die breite Bevölkerung missbilligte Homosexualität weiterhin, nahm sie gar als eine Art Genfehler wahr. Das machte auch die Berichterstattung der «Neuen Zürcher Zeitung» deutlich. Sie informierte ihre Leser*innen, dass Oboussier «in den Kreisen abnormal veranlagter Männer» verkehrt habe. Es bleibe von ihm deshalb ein «zwiespältiges, menschlich fragwürdiges Bild» zurück.

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Wurde der Komponist wegen seiner Neigung erpresst?

Zu Lebzeiten verheimlichte Robert Oboussier seine Neigung – und machte sich damit auch erpressbar. Bald fasste die Polizei einen Mann, dem Oboussier in den letzten Jahren Beträge von bis zu 30 000 Franken bezahlt hatte. Die Polizei vermutete deshalb, dass er den Komponisten erpresst habe. Doch der Verdächtigte musste bald darauf freigelassen werden.

Der wahre Mörder wurde einen Monat später durch einen Zufall gefasst. Die Polizei kontrollierte den 18-jährigen Walter an der Sihlporte. Kurz zuvor war dieser aus der Erziehungsanstalt Aarburg getürmt. Einen festen Wohnsitz hatte der Teenager nicht.

«Eine nicht sehr glückliche Erziehung» habe Walter genossen, schrieb die «NZZ» nach seiner Festnahme. Wegen gewöhnlicher «Lausbubenstreiche» sei Walter in die Mühlen der Vormundschaft und Justiz geraten. Walter brach die Schule ab. Fortan lungerte er in der Stadt herum, besuchte Filmvorführungen. In den Kinos sah er Männer, die mit Messern hantierten. Das imponierte dem Jugendlichen. Am Limmatquai besorgte er sich ein eigenes Klappmesser. Es hatte eine Klingenlänge von über zehn Zentimetern. Mit dem Messer würde er später Oboussier erstechen.

Der Mörder wurde zum Opfer.

Der Komponist sprach Walter im Arboretum an. Damals war die Grünanlage ein bekannter Treffpunkt für Schwule. Als «moralisch schlimmster Sumpf» bezeichnete die «NZZ» den Ort.

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Arboretum um 1952. (Foto: Baugeschichtliches Archiv, Wolgensinger Michael)

Walter begleitete Oboussier in dessen Wohnung. Dort habe dieser von ihm «widerliche Handlungen» verlangt, wie Walter bei der Polizei aussagte. Am Morgen habe er die Aufdringlichkeiten nicht mehr ausgehalten. Erst warf Walter das Messer nach Oboussier, dann schlug er mit dem Kilostein aus der Küche auf seinen Kopf ein.

Trotz der gewaltsamen Tat wurde Walter von den Medien und der Bevölkerung bemitleidet. Er wurde zum Opfer, Oboussier zum Täter. Journalisten bezeichneten Letzteren als «triebhaft» und «pervers».

Walter war zehn Jahre lang in Haft. Noch im Gefängnis verlor er die Sympathien der Öffentlichkeit. An einer Fernsehdiskussion im Jahr 1960 zum Thema «Halbstarke» wurde der Mörder erwähnt. Er habe «Schundliteratur» gelesen, wechselnde Beziehungen zu Frauen gepflegt. Seine Tat wurde jetzt klar als jene eines Halbstarken eingeordnet – eine Gruppe Jugendlicher, die in der folgenden Zeit stark von der Polizei kontrolliert wurde.

Robert Oboussier und sein Schaffen wurden vergessen. Seine Kompositionen wurden nicht mehr gespielt, Kirchenkonzerte abgesagt. 2001 wurde sein Grab auf dem Friedhof Manegg aufgehoben.