08.06.2021 – Menschen & Leben

«Frauen sind jemand!»

Fotos: Tadah / Gataric Fotografie (Box)

Regula Humm ist 88 und hat ihr Leben lang Kunst geschaffen. Ein Gespräch über ihre Berufung und über die Kunst, Familie und Job unter einen Hut zu bringen. Damals. Und heute.

Regula, wie vereinbart man das Künstlerleben mit der Familie?

Ich bin so aufgewachsen, dass man immer irgendetwas macht. Aber natürlich auch, dass die Familie sehr wichtig ist. Und genau da begann mein Zwiespalt: Eine Familie wollte ich eigentlich nie haben. Trotzdem hat es sich so ergeben. Und als die Kinder da waren, wollte und musste ich natürlich auch die Verantwortung für sie übernehmen. Damit einher ging der Haushalt – etwas, das ich allerdings auf keinen Fall tun wollte.

Und das in einem solch grossen Haus. Da muss ganz schön viel gewischt und geputzt werden.

Ich habe im Landdienst gelernt, wie man die Küche und den Boden wischt. Und das machte ich auch. Aber das Hauswirtschaften als Mittelpunkt meines Lebens zu sehen, gar als das, was meine Tage füllen sollte: Jesses, nein. Ich habe mich auch nie als treusorgende Mutter gesehen.

«Meine Mutter sagte einst, mit einem Kind bekommst du einen zweiten Haushalt. Da wurde ich schier ohnmächtig.»

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Dein Bruder war auch Kulturschaffender? Eine Künstlerfamilie durch und durch also?

Jein. Mein Vater war ein Bauernkind und wurde Sekundarlehrer. Mein Mutter war ausgebildete Klavierlehrerin, doch sie konnte ihren Beruf nie ausüben – dafür hätte man damals sehr emanzipiert sein müssen.

Wie viele Kinder wart ihr denn?

Bei dieser Frage zögere ich jeweils. Wir waren vier und trotzdem nur drei ... Das erste Kind meiner Eltern starb mit zwei Jahren. Bis meine Schwester zur Welt kam, ging es ziemlich lang. Darauf folgten dann mein Bruder und später ich. Ich war mir immer sicher, dass ich nicht auf der Welt wäre, wenn mein Bruder nicht gestorben wäre. Dies ist auch der Grund, warum ich selbst dann doch vier Kinder bekommen habe.

Wieso?

Ich kann das nicht erklären, es ist total absurd. Aber das war so in mir drin. Dieses erste Kind hat meinen Eltern immer gefehlt. Und es hat auch uns Geschwistern gefehlt. Ich ging oft mit dem Bäbiwagen zum Friedhof rauf zu seinem Gräbli. Dieser Bruder und sein Tod, das hat mich immer beschäftigt.

1954 hast du das erste deiner vier Kinder geboren. Und es hat dein Leben komplett verändert. Wie bist du in diese nicht vorgesehene Rolle reingekommen?

Meine Mutter sagte einst, mit einem Kind bekommst du einen zweiten Haushalt. Da wurde ich schier ohnmächtig. Meine Schwiegermutter gab mir ein Körbchen voller Flickfächtli, um Socken zu flicken, und ich dachte: Um Gottes willen, das auch noch? Ich hatte damals schon grosse Aufträge, die mich sehr beschäftigten. Mit dem Kind war das dann fertig. Auf ein Mal.

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Bei Tadah dreht sich alles um die Vereinbarkeit – im Online-Magazin mit spannenden Interviews mit Eltern und im ersten Schweizer Coworking Space mit Kinderbetreuung. Ob mit oder ohne Kind – schaut doch vorbei auf tadah.ch. Oder direkt im wunderschön eingerichteten Space in Zürich Albisrieden.

«Irgendwie ging es immer.»

Du musstest also eine Zwangspause einlegen. Warst du manchmal eifersüchtig auf deinen Mann?

Es hat mich schon zurückgeworfen. Und wenn ich ehrlich bin, war ich auch etwas eifersüchtig. Ich denke, ein Mann kann sich das nicht so vorstellen. Doch damals war halt klar, dass ich die Kunst, wenn überhaupt, irgendwie neben dem Kind machen musste.

Wie bringt man denn eine sechsköpfige Familie mit Kunst durch?

(Lacht) Das weiss ich auch nicht. Aber es ging immer. Wir hatten das Glück, stets günstige, aber schöne Wohnungen zu haben. Heute würde allerdings niemand so wohnen wollen – mit Kohleheizung, ohne fliessend Warmwasser oder in einem Abbruchhaus. Damals in Zürich hatten wir zwei Wohnungen zusammen für 370 Franken. Ein Zimmer hatten wir sogar noch untervermietet.

Hattest du nie Ängste wegen des Geldes?

Doch. Es gab schon diese Monate, in denen wir schon am 20. kein Geld mehr hatten. Und auch zu den Zeiten, in denen mein Ehemann Ambrosius einen Fixlohn hatte, war dieser verschwindend klein. Aber wie gesagt: Irgendwie ging es immer.

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Und wann nahmst du wieder einen Pinsel in die Hand?

1960 hab ich wieder angefangen zu malen. Da war mein drittes Kind, Severin, gerade geboren. Aber ich hatte Hilfe: ich hatte jemanden für zwei Stunden die Woche angestellt – eine ehemalige Hebamme.

Künstler*innen entwickeln sich, adaptieren ihren Stil. Gibt es bei dir einen Vor-Mutter-Stil und einen Nach-Mutter-Stil?

Das kann ich nicht sagen. Ich fange sowieso bei jedem Werk wieder neu an. Ich beginne immer sehr intuitiv zu arbeiten und tue dies auch nicht in einem einzigen Stil. Manchmal mache ich heute wieder lineare Zeichnungen – so was habe ich schon vor 50 Jahren gemacht. Ich weiss noch, dass man uns an der Kunsti sagte: Zeichnet nur abstrakt. Keine Figuren. Nicht malen. Das habe ich dann grad «z’leid» gemacht.

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Wenn du die Mütter von heute anschaust und siehst, wie sie ihre Zeit aufteilen zwischen Job und Familie, was denkst du?

Ich habe damals einfach versucht, das Ganze positiv zu sehen. Sonst geht’s ja auch nicht. Auf dem Land lebten wir in einem kleinen Zwei-Zimmer-Haus. Das Wasser war immer gefroren, die Winter waren eiskalt. Ich habe mit den Kindern gespielt, geheizt, gekocht, gespielt, geschwatzt. Ich wollte einfach das Beste draus machen. Ich bin mir aber sicher: Heutzutage würde ich auch arbeiten.

Du bist auch mit jüngeren Künstlerinnen vernetzt. Wie leben sie das Künstlerinnen- und Muttersein?

Die meisten haben Kinder. Sie sagen: Wichtig ist, dass man immer regelmässig seine Stunde im Atelier hat.

Zieht sich die Kunst durch die ganze Familie Humm?

Unser Sohn Tobias ist definitiv ein Künstler. Er ist Töpfer. Viele seiner Werke stehen auch bei uns daheim. Micha, unsere Älteste, hat Deutsch studiert und wurde dann Deutschlehrerin. Severin wollte zuerst einen «richtigen» Beruf lernen. Er hat bei uns gesehen, dass es nicht immer einfach ist als Künstler*in. Imanuel, der Jüngste, ist Schauspieler. Er ist also auch künstlerisch tätig, wenn auch mehr mit dem Mund als mit den Fingern.

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Ist man als Künstlerfamilie liberaler? Freier? Weniger autoritär?

Ich habe meine Kinder schon machen lassen. Ich weiss nicht - habe ich sie überhaupt erzogen?

Was war früher anders am Muttersein?

Ich hatte eine sehr vielseitige und begeisterungsfähige Mutter. Sie hat zwar nie mit uns gespielt, Fakt war aber: Wir hatten es gut. Es war auch immer jemand da. Meine Mutter war meistens guter Laune. Ob das heutzutage in den Familien auch so ist, kann ich nicht beurteilen und auch nicht werten.

Findest du, dass das Frauen- und Rollenbild sich zum Positiven verändert hat?

Absolut. Weil Frauen jemand sind. Als der Film «Die göttliche Ordnung» in die Kinos kam, sagten mir meine Schwiegertöchter, ich müsse den unbedingt sehen. Aber wozu? Ich hatte genug gesehen – ich hab’s selbst erlebt. Ich durfte ja nicht mal unterschreiben, um das Haus meiner Eltern auf mich zu überschreiben. Wir waren «nur» Frauen. Unsere Männer mussten für uns unterschreiben. Das war absurd. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen.

Was sollte die «moderne» Frau besser wieder ablegen?

Eine penetrante Selbstverwirklichung unter dem Opfer der Kinder finde ich schade. Das meine ich nicht böse und viele müssen ja auch arbeiten gehen – das ist auch gut so. Aber: Es hat alles seinen Preis. Und das scheinen viele nicht sehen zu wollen.

«Ich bin immer berührt, wenn mir jemand schreibt, dass er sich immer wieder an meinen Bildern erfreue.»

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Du schaffst etwas, das dich überdauert. Ist das ein schöner Gedanke?

Ich weiss, dass viele Künstler*innen, ganz besonders Männer, das brauchen. Ich fände es schon schön, wenn meine Werke bleiben würden. Denn es sind auf eine Art auch ein wenig meine Kinder. Ich habe eine gewisse Arroganz, dass ich meine, ich mache etwas besser und schöner. Ein Schauspieler sagt: Mein Werk bleibt nicht. Da hat man auch keinen Ballast zum Rumtragen. Aber wir Künstler*innen haben diesen Ballast. Was macht man denn damit anderes als horten, verkaufen, weitergeben, ausstellen?

Ihr habt euer Haus, dieses Museum.

Ja, wir haben es schön hier. Aber es ist auch schön zu hören, wie es den Kunstwerken ergeht, die nicht mehr hier sind. Ich bin immer berührt, wenn mir jemand schreibt, dass er sich immer wieder an meinen Bildern erfreue. Einmal schrieb mir eine Frau aus Olten, sie habe diesen Wandbehang immer noch so gern. Das tut einem schon gut. Oder jemand, der mir ein Tuch abgekauft hat und mehr bezahlt hat, als ich verlangt habe.

Zu guter Letzt: Was rätst du uns Müttern von heute?

Wehrt euch für die Arbeit, die ihr gern macht, vernachlässigt dabei aber eure Familie, eure Kinder nicht. Ich weiss, dieses Thema ist so schwierig. Aber ganz gleich, wie ich es gemacht oder eben nicht gemacht habe – und hier kommt wieder meine Arroganz zum Tragen – mein Leben ist für mich ein Gesamtkunstwerk.

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Dieses Interview erschien im März 2018 auf Tadah.ch. Mittlerweile ist Regula 91 Jahre alt, sie malt immer noch täglich. Ihr Mann ist verstorben.