26.11.2018 – Storys & Specials

Der Stadtwanderer testet die Museumswärter

Text: Beni Frenkel

Sie stehen vor den Gemälden und kontrollieren die Tickets. Doch können die Museumsangestellten auch einfache Fragen beantworten? Der Stadtwanderer hat es getestet, und zwar gleich im Landesmuseum.

Mindestens zwei Mal pro Jahr gehe ich zum Schweizer Landesmuseum neben dem Hauptbahnhof. Der häufigste Grund ist die Gratis-Toilette bei der Cafeteria. Denn ich habe eine schwache Blase.

Heute will ich es aber wissen und besuche tatsächlich eine Ausstellung. Eine Warteschlange habe ich vor der Kasse noch nie gesehen. Auch an diesem Tag gibt es keine. Die zwei Leute an der Kasse freuten sich sehr, wieder einmal ein Ticket (für 10 Franken) zu verkaufen. Sie wollten sogar wissen, woher ich komme und welche Postleitzahl die Ortschaft besitzt. Der Grund ist der Kulturlastenausgleich. Die Kantone zahlen in einen Kulturtopf ein, wenn sie von den anderen Kantonen mehr profitieren als sie selber anbieten. Darum sagte ich: «Aus Zug, Postleitzahl 6300.» Denn ich mag diesen Kanton weniger als die anderen Kantone.

Im Museum dachte ich angestrengt nach, was mich mehr interessiert: Hellebarden oder Tafelgeschirr aus dem 19. Jahrhundert. Ich entschied mich, die Museumsleute zu ärgern.

image

Anzeige

Im Museum dachte ich angestrengt nach, was mich mehr interessiert: Hellebarden oder Tafelgeschirr aus dem 19. Jahrhundert. Ich entschied mich, die Museumsleute zu ärgern. Im Landesmuseum gibt es nämlich einen Museumswärter pro Quadratmeter. Oder fast. Ich wollte nun wissen: Stehen die einfach nur herum, oder haben sie ein bisschen Ahnung, was hier ausgestellt wird?

Dann mal los! Zuerst lief ich an einer Ahnenwand berühmter Schweizer vorbei. Unter einem Porträt stand: «Legende wird ersetzt». Aber wer der Typ ist, der eine neue Legende kriegt, wird nicht erläutert. Ich weckte einen Wärter: «Wie heisst dieser Mann?» – «Weiss ich auch nicht», antwortete er mir. Immerhin ehrlich.

Weiter zum Raum mit den Banknoten. Fein säuberlich hängen da die Noten hinter Glas. Ich runzelte meine Stirn: «Wo ist die 250-Franken-Note?» Eine Angestellte des Museums wusste wieder nichts: «Ich nur sein Putzen.» Aha, eine Landesmuseum-Putzfrau, die nicht einmal weiss, wo die 250-Franken-Banknote hängt. Erbärmlich.

«Da können Sie berühren.» Die Frau meinte nicht ihren Körper, sondern ein seltsames Tablet mit Touchscreen.

image

In der Sonderausstellung «Archäologie Schweiz» entdeckte ich ein Öllämpchen. Ich unterbrach eine Museumswärterin bei ihrem Handyspiel: «Ist das ein Öllämpchen?» Die Frau antwortete mit russischem Akzent: «Da können Sie berühren.» Sie meinte nicht ihren Körper, sondern ein seltsames Tablet mit Touchscreen, das vor dem Ausstellungsobjekt angebracht war. Und tatsächlich, das Display zeigte mir an: «Öllampe». Treffer!

Bis dahin war ich ziemlich zufrieden mit dem Landesmuseum-Personal: Sie haben zwar keine Ahnung, was sich links und rechts neben ihnen befindet, aber sie wissen immerhin, wo man drücken muss.

Ich ging wieder runter. In einem hell erleuchteten Raum hing eine Landeskarte an der Wand, die berühmte Dufourkarte. Das Bundesamt für Landestopografie nennt die Karte ein «schweizerisches Kulturerbe». Ich bin immer ein bisschen skeptisch bei solchen Bezeichnungen. Fakt ist, dass auf der Dufourkarte die Höhe des Uetlibergs mit 873 Meter angegeben ist. Das sind drei Meter zu viel. Den berühmtesten Berg der Schweiz falsch abzumessen, zählt meiner Meinung nach nicht zum schweizerischen Kulturerbe.

«Wie alt ist diese Karte?» Die Museumswärterin guckte mich erschrocken an, als hätte ich sie nach ihrem Kontostand gefragt.

image

Neben der grossen Karte stand friedlich eine Museumswärterin. Die weiss sicher alles über die Karte, dachte ich mir, und stellte sie vor eine schwierige Frage: «Wie alt ist diese Karte?» Die Frau guckte mich erschrocken an, als hätte ich sie nach ihrem Kontostand gefragt. Verwirrt guckte sie die Riesenkarte an und studierte die Legende. Da stand aber nichts von der Herstellungszeit. Schliesslich meinte sie: «Diese Karte ist sehr alt.»

Und da hat die Expertin natürlich Recht. Die Karte ist wirklich sehr alt.

Die Mitarbeiter im Landesmuseum sind alle sehr freundlich, sehr hilfsbereit und sehr bemüht. Dennoch: Ein Crash-Kurs in Geschichte könnte nicht schaden – und würde auch mich enorm weiterbringen.

Adresse

Landesmuseum
Museumsstrasse 2
8001 Zürich

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag, 10–17 Uhr
Donnerstag, 10–19 Uhr