06.07.2021 – LGBT-Kolumne | Menschen & Leben

Was wir im Schlafzimmer machen

Kolumne: Anna Rosenwasser

Einmal im Monat schreibt Anna Rosenwasser, wie sie in Zürich lebt und liebt. Im Juli erzählt die LGBT-Aktivistin und Autorin von einem Gespräch mit ihrem Bruder und einer scheinbar belanglosen Aussage: «Mir ist ja egal, was ihr im Schlafzimmer macht.»

«Ich find’s natürlich völlig okay, dass du auf Frauen stehst», sagte mein Bruder neulich schulterzuckend zu mir, «mir ist ja egal, was ihr im Schlafzimmer macht.» Da haben wir sie. Eine der häufigsten Aussagen über homo- und bisexuelle Menschen. Ein Satz, der wohlwollend klingt, weil er sagen will: «Mir ist eure Sexualität einerlei, mir geht’s um den Menschen.» Stattdessen sagt er: «Mir ist egal, wie ihr Sex habt.»

Ich bin froh, ist es meinem Bruder egal, was ich im Schlafzimmer mache. Wäre es ihm nicht egal, wäre das seltsam für alle Beteiligten. Aber: Warum muss er das sagen? Warum sagen Leute so häufig genau diese Formulierung, wenn es um Homosexualität geht – «es ist mir egal, was ihr im Schlafzimmer macht»? Ich interpretiere die Aussage meistens so: Was die Person sagen will, ist: «Es geht hier ja bloss um die Sexualität, und das geht mich nichts an, viel Spass bei was auch immer, aber ausserhalb der sexy-time bist du für mich einfach ein Mitmensch, unabhängig von deiner Sexualität.» Und das wäre okay. Das wäre okay, wenn ich ausserhalb des Schlafzimmers genau das gleiche Leben hätte wie Menschen, die zufälligerweise hetero sind.

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Genauso, wie mein Bruder nicht aufhört, heterosexuell zu sein, wenn er sein Schlafzimmer verlässt, bin ich weiterhin bisexuell, wenn ich meines verlasse.

Also, nicht falsch verstehen, mir ist es überhaupt nicht egal, was Leute im Schlafzimmer machen, ich bin immer offen für stundenlange detailreiche Gespräche über Sex. Dazu gehört auch, dass ich akzeptiere, dass Leute unterschiedlich gern über Sex reden, und mit meinem eigenen Bruder würde ich vermutlich nicht stundenlang detailreich über Sex reden, und das ist uns beiden recht. Es ist also gewissermassen gegenseitig: Ihm ist egal, was ich im Schlafzimmer mache. Und mir ist es im Gegenzug egal, was er im Schlafzimmer macht. Eine wohlmeinende, geschwisterliche Gleichgültigkeit (die mir übrigens lieber ist als dieses angeekelte «Iiih, mein Geschwister hat Sex, was für eine grässliche Vorstellung»). Aber: Genauso, wie mein Bruder nicht aufhört, heterosexuell zu sein, wenn er sein Schlafzimmer verlässt, bin ich weiterhin bisexuell, wenn ich meines verlasse.

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Wenn mein Bruder aus seinem Schlafzimmer kommt, könnte er seiner Partnerin in der Küche spontan einen Heiratsantrag machen und die Verlobung wäre rechtlich anerkannt und die darauffolgende Ehe auch. Sie könnten daraufhin händchenhaltend durch die Stadt spazieren und niemand würde sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung beleidigen oder sogar angreifen. Wenn er von seinem Spaziergang nach Hause käme, würde mein Bruder im Fernsehen nirgends eine Diskussion finden darüber, ob er aufgrund seiner Heterosexualität ein guter Vater sei oder nicht. Man kann also sagen: Die Heterosexualität meines Bruders hört nicht in dem Moment auf, in dem er aus dem Schlafzimmer rauskommt.

Gut, wenn dir egal ist, was ich im Schlafzimmer mache.

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Wenn ich aus dem Schlafzimmer rauskomme – vielleicht nach einem Mittagsschlaf oder einer Meditations-Session oder einem guten Buch, so viele schöne Möglichkeiten im Schlafzimmer! –, bin ich auch noch immer bisexuell. Ich bin genau genommen in jedem erdenklichen Zimmer bisexuell. Zum Beispiel auf dem Standesamt, wo meine Partnerin und ich nicht heiraten dürften. Oder in der Praxis einer Konversionstherapie, weil es in der Schweiz noch immer erlaubt ist, Homosexualität heilen zu wollen.

Man könnte also sagen: Gut, wenn dir egal ist, was ich im Schlafzimmer mache. Wichtig ist nämlich erst, was passiert, wenn ich es verlasse.