30.10.2020 – Menschen & Leben

«Ich darf mich vor nichts ekeln»

Zürcher*innen mit besonderen Berufen: Statt in Pension zu gehen, bildete sich Louisa Erismann zur Privatdetektivin aus. Sie weiss: Bei einem Verdacht auf eine Äffare gibt es für ihre Klient*innen selten ein Happy End.

Sherlock Holmes ist wohl der berühmteste Detektiv aller Zeiten. Und mit den Kriminalromanen der englischen Schriftstellerin Agatha Christie wurde der Mord zum Meisterwerk. Die schrullige Hobby-Ermittlerin Miss Marple und der clevere belgische Detektiv Hercule Poirot lösten jeden noch so unmöglichen Fall. Doch auch in der Realität gibt es Detektiv*innen. Eine davon ist Louisa Erismann, die erst im Rentenalter zu ihrem Traumberuf fand.

«Als Kind wollte ich Detektivin werden. Schon damals war ich sehr neugierig. Wenn ich etwas wissen wollte, ging ich dem nach, bis ich ein Resultat hatte. Ich hatte ein gutes Gespür dafür, wenn etwas nicht stimmte oder mir etwas verschwiegen wurde. Daher sagten immer wieder Bekannte zu mir, ich sei wie Sherlock Holmes.»

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«Dieser Beruf fordert viel von mir.»

Louisa Erismann absolvierte eine Ausbildung als Fotografin und führte mit ihrem Ex-Mann ein Optik- und Fotogeschäft. Viele Jahre war sie für ein internationales Unternehmen im Aussendienst tätig. Nach der Pensionierung wollte sie weiterarbeiten, doch niemand stellte sie ein.

«Der Wunsch, Detektivin zu werden, wurde immer grösser. Und da ich während meiner Berufslaufbahn schon so viele Erfahrungen gesammelt hatte, dachte ich mir, jetzt ist der beste Zeitpunkt, einen neuen Weg einzuschlagen.»

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Louisa absolvierte die Ausbildung zur diplomierten Privatdetektivin. Diese dauerte rund ein Jahr. Gleichzeitig bildete sie sich zur diplomierten Coach aus. Mit ihren eigenen Ersparnissen gründete sie vor knapp sechs Jahren im Zürcher Seefeld eine Privatdetektei.

«Dieser Beruf fordert viel von mir. Es kann plötzlich das Telefon klingeln. Dann muss ich innert Stunden für einen Einsatz bereit sein.»

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«Manchmal sitzen die Klient*innen weinend da.»

Es kann vorkommen, dass Louisa sieben Tage pro Woche arbeitet, zum Teil auch nachts. Am Montag weiss sie oft nicht, was sie erwartet. Man müsse bereit sein, viel Zeit draussen zu verbringen, und das bei jedem Wetter, erzählt die Detektivin.

«Das Observieren von Personen kann bis zu mehreren Stunden dauern. Manchmal kauere ich hinter einem Busch oder bin im Auto. Und bei dieser Arbeit darf ich mich vor nichts ekeln: Es kann vorkommen, dass eine Ratte mit mir im Gebüsch sitzt.»

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Als Detektiv*in brauche man eine psychisch und physisch gute Gesundheit sowie einen wachen Geist, ausgezeichnete Menschenkenntnisse und ein fotografisches Gedächtnis, erklärt Louisa. Ausserdem müsse der Leumund einwandfrei sein. Detektiv*innen dürfen keine Schulden und keinen Eintrag im Strafregister haben.

«Detektiv wird oft als Männerberuf angesehen, so wie früher auch der Beruf Polizist. Doch es gibt immer mehr Frauen, die eine Detektiv*innen-Schule besuchen.»

Viele Klient*innen von Louisa hegen den Verdacht, dass sie betrogen werden. Dieser bestätigt sich dann auch oft. Die Zürcherin ermittelt auch bei Diebstahl, Sozialmissbrauch und Internetbetrug. Ausserdem sucht sie vermisste Personen.

«Jeder Fall ist speziell. Es gibt keine Gebrauchsanleitung, wie man einen Fall lösen kann. Tragisch ist es, wenn Kinder im Spiel sind oder wenn die Partnerin oder der Partner fremdgeht.»

«Das Observieren von Personen kann bis zu mehreren Stunden dauern.»

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Louisa hilft es enorm, dass sie zudem auch ein diplomierter Coach ist. So kann sie ihren Klient*innen auch bei schwierigen News beistehen. Oft tauchen dann viele Fragen auf. Es ist Louisa ein grosses Anliegen, dass sich ihre Klient*innen immer gut aufgehoben fühlen.

«Manchmal sitzen die Klient*innen weinend da und es ist meine Aufgabe, sie zu beruhigen und das bestmögliche Resultat zu erzielen. Wenn die Klient*innen noch mehr wissen wollen, bin ich immer per Telefon erreichbar.»