14.07.2020 – Stadt & Geschichte

An diesem «Drogenparcours» sollten alle teilnehmen

Text: Lothar Lechner Bazzanella Fotos: Baugeschichtliches Archiv

Auf dem Platzspitz herrschte in den 80er- und 90er-Jahren die wohl berüchtigste offene Drogenszene der Welt. Mithilfe einer App kann jetzt jede*r den Alltag eines damals Süchtigen miterleben.

Heute deutet nichts mehr auf das Drogenelend hin, das sich in den 80ern und 90ern mitten in Zürich abgespielt hat: Bis zu 2000 Süchtige deckten sich am Platzspitz täglich mit hartem Stoff ein. Jetzt will der Verein «Einfach Zürich» an diese Zeit erinnern: Mit dem «Drogenparcours» – einer digitalen Führung – kann jede*r einen Einblick in die damalige Drogenszene erhalten.

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Die Behörden waren damals überfordert.

Eine App führt Interessierte über den Platzspitz und zeigt Informationen und Bilder von damals. Die Nutzer*innen erleben den Alltag eines Drogensüchtigen im ehemaligen «Needle Park» hautnah mit – vom Abrutschen in die Szene über den verzweifelten Kampf gegen die Sucht bis zum für viele geglückten Ausstieg.

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Abgerundet wird der Digitalparcours von höchst eindrücklichen Videosequenzen, in welchen direkt oder indirekt Betroffene die Geschehnisse von damals schildern. Zu Letzteren gehört auch Cornelia Wietlisbach, die als Pflegefachfrau am Platzspitz arbeitete. «Zürich wurde damals von der Drogenszene buchstäblich überrollt. Die Politik und die Behörden wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten», erklärt Cornelia, die mit 24 Jahren ihren ersten Arbeitstag am Platzspitz hatte.

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Das Projekt richtet sich an alle Altersgruppen.

«Vor fast 30 Jahren stand ich hier in einem Berg voll Spritzen», erzählt die Pflegefachfrau. «Jeden Tag hatten wir mit Messerstechereien, Schusswechseln und Überdosen zu kämpfen.» Seit dieser Zeit habe sich extrem viel geändert, so Cornelia weiter. Heute noch arbeitet sie als Betreuerin in der Kontakt- und Anlaufstelle Selnau.

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Es sei wichtig, das Drogenthema offen anzusprechen und nicht zu vergessen, was hier noch vor wenigen Jahrzehnten Alltag war, erklärt sie. «Nur so können wir Drogensüchtigen ohne Vorurteile begegnen und einfach versuchen, ihnen zu helfen.»

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Das Projekt «Digitalparcours» soll einen wichtigen Teil zu dieser Aufklärungsarbeit beitragen. Er richtet sich deshalb an ein Publikum jeglichen Alters. «Es freut uns, dass sich viele junge Menschen kritisch mit dem Thema auseinandersetzen», so Vera Baumann. Sie hat den «Drogenparcours» zusammen mit «Einfach Zürich» entwickelt. «Gerade aus solch schrecklichen Themen – den sogenannten Troubled Pasts – kann man wichtige Lehren ziehen», erklärt sie.

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Von der Geschichte des Platzspitzes könne man aber nicht nur lernen, was damals alles schieflief. Man sieht auch, wie sich der Umgang mit dem Thema Drogensucht verändert hat – und wie komplex und vielschichtig dieses Thema ist. «Das habe ich erst während der Arbeit für dieses Projekt verstanden», erzählt Vera, die bereits ein Lehrmittel zum Film «Platzspitzbaby» (2020) erarbeitet hat. Der Spielfilm, der auf wahren Begebenheiten beruht, erzählt die Geschichte der elfjährigen Mia und ihrer drogensüchtigen Mutter Sandrine. «Ich habe gelernt, dass die Drogensucht keine Entscheidung, sondern eine Krankheit ist», sagt Vera abschliessend.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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Adresse

Platzspitz
Platzpromenade 5
8001 Zürich

Öffnungszeiten

Täglich, 5.30–22 Uhr

Infos

Die App «Actionbound» kann für den «Drogenparcours» geladen und genutzt werden. Zusätzlich werden jeweils am 13. August und am 24. September dialogische Expertenführungen am Platzspitz angeboten. Weitere Informationen gibt es hier.