30.09.2020 – Trends & Shopping | Menschen & Leben

«Ich mache mein eigenes Ding»

Piet Alder ist hauptberuflich Pilot. Nebenbei hat er 2018 das Musiklabel «Taxi Gauche Records» gegründet. Ein Gespräch über Piets ausgefallenen Modestil, die schwierige Kindheit im Appenzell und weshalb Mode für ihn immer eine Rebellion gegen konservative Einstellungen war.

Piet, wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Schwierige Frage. Ich denke, dass er stark inspiriert ist von den 60er- und 70er-Jahren und der damaligen Musikszene. Also etwas rockig und sicherlich ein wenig ausgefallen. Ich trage gerne Vintage-inspirierte Anzüge, Jacken mit grossem Revers und hohe Stiefel. Ausserdem hatte ich bis vor Kurzem noch längeres Haar, was sicherlich auch den Rocker-Stil unterstreicht.

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Wie hat sich dein Stil entwickelt?

Bei mir ging das von früh an einher mit der Musik, die ich gerade hörte. In den Teenage-Jahren war das vor allem Hip-Hop. Damals trug ich tief sitzende Hosen, oversized Sweater und Basketball-Schuhe. Zu jener Zeit habe ich auch American Football gespielt, was irgendwie auch gut gepasst hat. In meiner Klasse hörten aber die meisten Britpop, was mich beeinflusste und zu einer Veränderung führte: Als ich dann eine Zeit lang in Manchester gelebt habe, habe ich mich stark vom Indie-Rock beeinflussen lassen und begonnen, die Haare länger zu tragen. Dazu Skinny Jeans, die in der Schweiz noch lange nicht in Mode waren.

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«Mein absolutes Vorbild war David Bowie.»

Hast du modische Vorbilder?

Auch hier gibt es bei mir eine Überschneidung zwischen Musik und Mode. Sicherlich wurde ich von legendären Bands wie den Beatles und den Rolling Stones stark beeinflusst und fand deren Look immer extrem lässig. Mein absolutes Vorbild war aber stets David Bowie.
Bowie war nicht nur in seiner Musik, sondern auch in allem anderen seiner Zeit meilenweit voraus. Sein Stil, sein Auftreten und seine Bühnenshows waren für mich immer faszinierend und sehr prägend.

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Mode ist für dich also extrem wichtig?

Unbedingt. Ich wähle sehr bewusst aus, was ich kaufe und anziehe. Ich habe Mühe mit Leuten, die einfach drauflos shoppen und sich nicht viele Gedanken machen. Ich finde, es gibt viele Leute, die extrem zusammengewürfelt und chaotisch rumlaufen. Dabei ist der Stil selbst nebensächlich. Was mir gefällt, muss keineswegs allen anderen gefallen. Wichtig ist meiner Meinung nach nur, dass man sich damit bewusst auseinandersetzt.

Möchtest du auffallen?

Vielleicht ein wenig. Ich möchte aber vor allem das tragen, was mir gefällt und mir Spass macht. Da ich über 1,90 Meter gross bin und mich doch eher ausgefallen kleide, falle ich vielleicht leichter auf. Das ist jedoch nicht per se mein Ziel.

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Wo kleidest du dich in Zürich ein?

Ich shoppe eigentlich nur selten in Zürich, sondern in anderen Grossstädten wie London oder New York. Vor allem in Paris bin ich gerne unterwegs und besuche dort einige Läden, wo ich mir zum Beispiel meine Anzüge schneidern lasse. Durch meinen Beruf als Pilot bin ich immer wieder ein, zwei Tage in solchen Städten und hole mir dort modische Inspiration. Zürich ist hier meiner Meinung noch zu verklemmt und homogen.

Wie meinst du das?

Viele Leute hier tragen Einheitsbrei und nicht das, was ihnen wirklich gefällt. Sie haben Angst, aufzufallen oder blöde Blicke zu kassieren. Ich finde das extrem schade. Jeder sollte sich so kleiden können, wie er gerne möchte. Ganz egal, was für vermeintliche modische Konventionen er damit bricht.

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«Auf dem Land aufzuwachsen war nicht einfach für mich.»

Aufgewachsen bist du in einer kleinen Gemeinde im Appenzell. War dein ausgefallener Modestil dort je ein Problem?

Ja, auf dem Land aufzuwachsen war sicherlich nicht einfach für mich. Da wurde man schnell schief angeschaut, blöd angemacht oder als «Schwuchtel» beschimpft, nur weil man sich anders kleidete oder – in meinem Fall – Skinny Jeans trug. Ausserdem wurde ich sehr religiös und konservativ erzogen. Die Musik, die ich gehört habe und die Art, mich zu kleiden, waren immer auch eine kleine persönliche Rebellion gegen das Leben auf dem Land und gegen meine Erziehung.

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Für die Ausbildung bist du dann nach Luzern gezogen. War es für dich wichtig, das Appenzell zu verlassen?

Auf jeden Fall. Ich wollte die Welt kennenlernen und andere Sichtweisen und Einstellungen. Luzern war hierfür der erste kleine Schritt. Danach kam Manchester. Und als ich dann meinen Flugschein in der Tasche hatte, habe ich nach und nach Millionenmetropolen wie London, New York oder Los Angeles kennengelernt.

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«Meine Eltern halten von meinem Modestil nicht sehr viel.»

Wie steht deine Familie heute zu deinem Modestil?

Meine Geschwister sehen das – denke ich – recht locker. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist leider immer noch sehr schwierig. Von meinem Modestil oder meinem eigenen Plattenlabel halten sie nicht viel. Sie meinen, ich sei irgendwie vom rechten Weg abgekommen. Das ist natürlich sehr belastend, aber ich versuche, mich nicht zu stark davon runterziehen zu lassen.

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Erntest du immer noch blöde Sprüche, wenn du durch die Strassen gehst?

Das kommt auf das Umfeld an. Auf dem Land wird man sicherlich oft komisch angeglotzt, in Zürich ist das definitiv nicht so. Ich nehme mir aber solche blöden Blicke oder Kommentare nicht zu Herzen, sondern mache wie immer einfach mein eigenes Ding. Und das wird sich in Zukunft auch nicht ändern.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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