30.06.2021 – Stadt & Geschichte

Die Landiwiese und das nackte Mädchen mit erhobenen Händen

Text: Lothar Lechner Bazzanella Fotos: Baugeschichtliches Archiv ETH / Roland Fischer

Wo heute Sonnenliebhaber*innen liegen, gab es früher nur Wasser. Doch warum schüttete die Stadt die Landiwiese und die Saffa-Insel künstlich auf?

Die Landiwiese gehört zu den beliebtesten Zürcher Orten, um im Sommer die Sonne zu geniessen, mit Freund*innen ein Bier zu trinken oder sich im See zu erfrischen. Sie liegt zwischen dem Strandbad Mythenquai und der Werft der Zürcher Schifffahrtsgesellschaft. Von der Wiese aus führt eine kleine Brücke auf die herzige Saffa-Insel.

Die Landiwiese ist ein Platz für Ausstellungen, Konzerte und weitere Kulturveranstaltungen. So finden hier unter anderem das Zürcher Theaterspektakel, der Ironman und alle drei Jahre Teile des Züri-Fäschts statt. Eine solche Grossveranstaltung war auch der Grund für die Entstehung und den Namen der Wiese: Sowohl Landiwiese als auch Saffa-Insel wurden erst vor wenigen Jahrzehnten künstlich erbaut und aufgeschüttet.

Patriotismus wird grossgeschrieben und die Schweizer Armee dabei glorifiziert.

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Vom 6. Mai bis 29. Oktober 1939 – in der Zeit des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs am 1. September – findet in Zürich die Schweizer Landesausstellung statt. Hauptschauplatz für die Ausstellung ist das linke Seeufer bei Wollishofen. Doch weil schlichtweg zu wenig Platz vorhanden ist, entscheidet man sich kurzerhand dafür, das Seeufer massiv aufzuschütten. Mit tonnenweise Schutt, der beim Ausbau des Enge-Tunnels übrig geblieben ist. Es entsteht eine neue Wiese. Sie erhält den Kurznamen der Landesausstellung: Landi.

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Die Hauptaufgabe der Ausstellung ist – inmitten der Säbelrasselns und der Provokationen der Vorkriegszeit –, das Selbstbewusstsein der Schweizer*innen zu stärken. So heisst es im Reglement der Landi wörtlich: «Die Ausstellung soll ein Bild schweizerischer Eigenart und Kultur, schweizerischen Denkens und Schaffens vermitteln, sie soll die vorwärtsstrebenden wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Kräfte unseres Landes sammeln und darstellen.» Heimische Errungenschaften aus Industrie, Technik und Architektur werden gezeigt und gefeiert. Auch die Schweizer Armee wird dabei glorifiziert. Patriotismus wird grossgeschrieben.

Hermann Hallers beliebteste Motive sind weibliche Akte und Porträt-Büsten.

Im Rahmen der Landi 39 bekommen viele Schweizer Kunstschaffende die Möglichkeit, ihre Werke auf dem neu gebauten Areal auszustellen. Dazu gehört auch der Bildhauer Hermann Haller. 1880 in Bern geboren, gilt Haller als der Begründer der modernen Plastik in der Schweiz. Seine beliebtesten Motive sind weibliche Akte und Porträt-Büsten. Für sein Lebenswerk erhält Haller 1933 von der Universität Zürich den Ehrendoktor.

Sechs Jahre später soll er für die Landesausstellung eine Plastik schaffen. Heute sticht dieses Kunstwerk auf der Landiwiese sofort ins Auge: das Mädchen mit erhobenen Händen. Nackt, die Arme in den Himmel gestreckt und auf einem meterhohen Podest stehend, überragt Hallers Plastik die Landiwiese.

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Doch nicht nur diese Kunstwerke von Haller sind in Zürich zu sehen. In seinem Atelier gegenüber dem Centre Le Corbusier gibt es zahlreiche Originalwerke des Künstlers. Ausserdem stammt das Reiterstandbild von Hans Waldmann vor dem Fraumünster von Haller.

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«Wir sind damals, nach dem Krieg, davon ausgegangen, dass die Frauen nun auch ihre politischen Rechte bekommen. Das ist aber etwa gar nicht automatisch geschehen.»

Knapp zwanzig Jahre nach der Landi findet in Zürich 1958 die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit statt. Wiederum wird hierfür ein Teil des Sees aufgeschüttet. Es entsteht in Ufernähe und kurz vor der Landiwiese eine kleine Insel. Man tauft sie nach der Abkürzung der Ausstellung: Saffa.

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An der Saffa 1958 nimmt auch Elisabeth Pletscher teil, die massgeblich bei der Einführung des Frauenstimmrechts 1989 im Kanton Appenzell Ausserrhoden beteiligt war. Über die Saffa sagt sie: «Wir sind damals, nach dem Krieg, ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Frauen nun auch ihre politischen Rechte bekommen. Das ist aber etwa gar nicht automatisch geschehen. Und an der Saffa, fünfzehn Jahre später, haben wieder so viele Frauen gezeigt, was sie alles können. So habe ich mich entschieden, nie ‹Nein› zu sagen, sollte ich angefragt werden, mich für etwas einzusetzen: Was ich tun kann, das tue ich.» Dass diese starken Worte perfekt zu der anmutigen Plastik von Hermann Haller passen, ist ein Glücksgriff der Geschichte. Das Mädchen mit den erhobenen Händen begleitet die Saffa 1958 und thront auch heute noch auf der Landiwiese und blickt von hier aus über die Saffa-Insel auf den Zürichsee.

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Adresse

Landiwiese
Mythenquai
8038 Zürich