15.10.2019 – Storys & Specials | LGBT-Kolumne

Freundschaft oder Liebe?

Kolumne: Anna Rosenwasser

Einmal im Monat schreibt Anna Rosenwasser, wie sie in Zürich lebt und liebt. Im Oktober erzählt die Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz, wie sie die deutsche Sprache zur Verzweiflung bringt. Denn ihre Freundin ist nicht irgendeine Freundin von ihr.

Der Typ am Telefon wollte mir eine Art Recycling-Service andrehen, und ehrlich gesagt hatte er mich schon fast im Sack. War ein Sonderangebot. Dann schaltete sich meine Vernunft ein. «Klingt echt gut», sagte ich, «aber ich muss das erst noch mit meiner Freundin absprechen.» – «Klar, sprechen Sie es mit Ihrer Kollegin ab.» Oh. Da muss er mich falsch verstanden haben. Meine Freundin ist nicht irgendein Kumpel. Sie ist meine Freundin. Nun gut, Missverständnis.

Die deutsche Sprache hat Berührungsängste.

«Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen bereits morgen einen Vertrag schicken», sagte er, und ich krebste zurück, «neinnein, ich will wirklich erst abklären, ob meine Freundin den Service auch will, wir wohnen zusammen.» Er zeigte Verständnis. «Klar, sprechen Sie es nochmals mit Ihrer WG ab.» Meine Freundin und ich wohnen zu zweit. Ich würde bescheiden sagen: Es ist mehr als eine Wohngemeinschaft. «Wir wohnen zu zweit», korrigierte ich – die Grösse des Haushalts war auch relevant für das Angebot –, «dann klären Sie’s einfach ab mit der Kollegin, und ich schicke Ihnen bei Bedarf mehr Infos zu», sagte der Typ. Mein Bedarf sank gerade um ein halbes Stockwerk tiefer. Mir war irgendwie nicht mehr nach diesem Angebot.

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Die deutsche Sprache hat Berührungsängste. Und zwar mit allem, was irgendwie mit Berührungen zu tun hat: Liebe, Sex und alles dazwischen. Sobald es um Nähe geht, redet unsere Sprache um den heissen Brei. Für viele wichtige Dinge gibt es nur vage Umschreibungen, als habe man Angst vor der direkten Nähe. «Rummachen» (Womit? Wo? Wie? Mit Rum?). «Etwas mit jemandem anfangen» (Eine Karriere? Ein Puzzle?). «Gefühle für jemanden haben» (Hass? Trauer? Freude?). Es ist, als wäre Zuneigung selbst Lord Voldemort in Person, und wir würden alles daran geben, die Dinge nicht beim Namen zu nennen.

Aber die Frau, mit der ich eine Beziehung führe, ist auch meine Freundin.

Und welcher Vollzeit-Löli kam auf die Idee, freundschaftliche Verhältnisse gleich zu benennen wie romantische Verhältnisse? Die Frauen, mit denen ich seit Jahren eine enge Freundschaft führe, sind eigentlich nicht irgendwelche Freundinnen, sie sind meine Freundinnen. Aber die Frau, mit der ich eine Beziehung führe, ist auch meine Freundin. Muss ich jetzt wirklich «eine Freundin» zu meinen Freundschaften sagen und «meine Freundin» zu meiner Beziehung? Als wäre Besitz das, was die beiden unterscheidet?

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Das Problem wäre gelöst, wenn ich hetero wäre und nur mit Frauen befreundet. Bei jeder Freundin wäre klar, dass wir nichts miteinander haben (wieder so ein Lord-Voldemort-Begriff), und wenn ich einem Typen nahe wäre, gäbs keine Frage, welcher Art diese Nähe ist. Es wäre so einfach – aber Menschen ticken nicht so. Viele von uns sind mit Leuten unterschiedlicher Geschlechter befreundet, und zahlreiche Menschen sind nicht hetero; aus «meine Freundin» eine Freundschaft rauszulesen, geht schlicht davon aus, dass ich nicht mit einer Frau zusammensein kann. (Übrigens, «zusammensein», auch wieder ein Lord-Voldemort-Wort.)

Als ich mit Männern zusammen war, stand jedenfalls immer ausser Frage, dass ich mit «mein Freund» meinen Schatz meinte. Niemand sagte dann einfach, «aaaah, dein Kollege, ihr habt sicher eine herzige platonische WG, so schön. Hach, Freundschaft.» Ich glaub nicht, dass der Recycling-Typ am Telefon das extra gemacht hat. Ich gehe nicht davon aus, dass er Lesben hasst und an Hetero-Prides geht (letztens gab es tatsächlich eine, in den USA. Wobei, eigentlich ist auch jede Fasnacht eine Hetero-Pride). Die Frage ist eher: In welcher Welt leben wir, in der es unvorstellbar ist für irgendeinen jungen Mann, dass die Frau am anderen Ende des Telefons mit einer Frau in einer Beziehung sein könnte? Eine Welt, in der nicht nur unsere Sprache Berührungsängste vor Neuem hat. Sondern auch wir selbst.