06.10.2020 – Stadt & Geschichte

Nostalgisch, aber kein bisschen verstaubt

Je digitaler die Zeiten werden, desto persönlicher wirkt Handgeschriebenes. Das gilt auch für Kreidetafeln: Sie sind ästhetisch, nützlich und verbreiten urbanes Flair – auch in Zürich. Wir haben dem Trend nachgespürt.

In Zürich sind immer häufiger handgeschriebene Menütafeln vor Restaurants und Bars anzutreffen. Der Lettering-Trend ist vor gut zehn Jahren aus Australien und Grossbritannien zu uns gekommen. «Handlettering» nennt sich die Kunst, von Hand sorgfältig Buchstabe an Buchstabe zu setzen und damit einem Text eine ganz persönliche und einmalige Note zu verleihen. Aus den Tafelbeschriftungen haben Roland und Barbara Vaterlaus eine Geschäftsidee entwickelt.

Bald kamen Anfragen von Gastronom*innen.

Alles begann 2012 mit einer Bieridee: Der Betriebswirtschafter Roland war gerade im Studium für den Master of Business Administration, als er den Auftrag fasste, einen fiktiven Businessplan zu erstellen. So entwickelte er die Idee, einen Onlineshop mit handbeschrifteten Geschenkprodukten anzubieten. 2013 gründete er mit seiner Ehefrau Barbara die Firma Different Design. Schon nach kurzer Zeit kamen Anfragen aus dem Gastrobereich für Kreidetafeln nach Mass und die Beschriftung von Tafeln.

image

Die kreative Seele des Geschäfts ist Barbara. Die ehemalige Primarlehrerin hatte schon immer eine Vorliebe für schöne Schriften. Während Roland und drei weitere Mitarbeitende ihr den Rücken von administrativem Kram freihalten, kann sie sich mit Kreide auf den Tafeln voll ausleben. Weil echte Kreide nicht wasserfest ist, arbeiten professionelle Handletterer übrigens meist mit Kreidemarkern: Mit diesen speziellen Stiften auftgetragen sind die Schriften auf den Tafeln vor Regen und schmierenden Fingerspitzen geschützt.

Auch auf dem Uetliberg stehen Tafeln von Barbara.

Zum Beispiel die 2,50 m hohe Angebotstafel im Restaurant Uto Kulm auf dem Uetliberg: In weisser Schrift auf schwarzem Grund sind die Angebote der Nachmittagskarte festgehalten. Eine grosse Spiegeltafel informiert die Gäste über das Jahresprogramm wie etwa den Sonntagsbrunch und das Tête-à-tête-Angebot mit Candle-Light-Dinner mit Übernachtung. «So eine Tafel ist etwas anderes als eine gedruckte: sauber und klar und doch verspielt», findet Uto-Kulm-Geschäftsführer und Vizedirektor Fabian Fry. Das erste Mal begegnete er dem kreativen Duo, als er im Salesteam des Hotels Hyatt tätig war, wo das Pop-up-Restaurant Hunger eröffnet wurde.

Anzeige

Doch die Handarbeit hat viele Tücken: Die Abstände zwischen den Buchstaben müssen regelmässig sein. Die grafischen Elemente und allfällige Logos oder Illustrationen sollen in Balance zueinander stehen. Zu viel wirkt überladen, zu wenig leer. Die Schrift darf nicht zu verschnörkelt sein, weil man sonst die Botschaft nicht mehr lesen kann. Es darf keine Schreibfehler geben. Barbara kennt all diese Fallstricke und hat sich im Lauf der Zeit viel Routine angeeignet. In Lettering-Workshops gibt sie ihr Wissen weiter.

image

Different Design beliefert nicht nur Kund*innen in Zürich, sondern auch in anderen Städten. Selbst in der Fernsehsendung «Bumann, der Restauranttester» sind die Angebotstafeln schon erschienen. Die Restaurants oder Bars liefern den Text, und Barbara erstellt einen oder zwei Entwürfe mit verschiedenen Schriften und Layouts. «Die Tafel soll dem Ambiente des Lokals entsprechen. In einem Parkhaus würde ich nie eine verschnörkelte Schrift verwenden», sagt die Schriftspezialistin. Nach dem Okay der Kundschaft legt sie los. Kleinere Tafeln beschriftet sie in ihrem Atelier in Frauenfeld und verschickt sie per Post, grössere Tafeln beschriftet sie vor Ort. Je nach Schrift und Grösse steckt sie schon mal mehrere Stunden Arbeit in die Tafeln.

Die Schriften werden auf die jeweiligen Betriebe angepasst.

«Wenn man nur die einzelnen Produktegruppen kommunizieren will, bleiben die Tafeln länger aktuell und es lohnt sich auch eine etwas aufwendigere Beschriftung», erklärt Roland. Am meisten gefragt sind Tafeln nach Mass, die genau auf das Lokal abgestimmt sind. Sehr beliebt sind auch Kreidetafeln mit Rahmen aus Altholz. Und manche Kund*innen wünschen Tafeln aus echtem Schiefer – diese sind allerdings sehr schwer und daher nicht in allen Grössen erhältlich.

image
image

«Handgeschriebenes ist eine Aufwertung, weil man merkt, dass ein Mensch dahintersteht», erklärt Blerim Ismaili. Er hat für verschiedene Agenturen schon mehrmals mit Different Design zusammengearbeitet. Im Auftrag diverser Brands hat er für Events oder Bars massgeschneiderte Werbetafeln gestalten lassen, die sich ins Interieur der Location einfügten: zum Beispiel für das Pop-up-Projekt «Die Apotheke» in der Garage der Ambossrampe. Dem Kommunikationsspezialisten ist klar, dass es auch Schriftprogramme gibt, die Kalligrafie nachbilden. Das sei aber nicht dasselbe, erklärt er: «Es fehlt die persönliche Note.»