28.08.2020 – Endstation | Stadt & Geschichte

Zielweg – das Ende einer kurzen Reise

Text & Fotos: Ueli Abt

Die rekordmässig kurze Buslinie 73 führt bis zur Endstation Zielweg. Mit einem Taxibetrieb im Dienst der Verkehrsbetriebe fing alles an. Die Vermutung, der Name habe etwas mit – früher benutzten – Zielscheiben zu tun, ist allerdings kein Volltreffer.

Nein, wie ein Ende von etwas wirkt diese Endstation nicht. Und dies ausgerechnet bei diesem Namen: Zielweg. Den Buschauffeuren bleibt nicht einmal Zeit für eine Zigarettenpause oder um auf charakteristische Weise auf dem Trottoir an der Fahrzeugspitze rumzustehen. Zu eng ist der Fahrplan getaktet. Hier wird nicht angekommen und innegehalten – hier starten die Busse durch.

Die Linie 73 ist rekordverdächtig kurz.

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Die Endstation Zielweg ist vielmehr ein schöner Ausgangspunkt – so etwa für Wander*innen und Biker*innen. Der Üetliberg-Turm ist 500 Meter Luftlinie entfernt, die Burgruine Friesenberg erreicht man zu Fuss in ungefähr 15 Minuten. Letztere macht zwar gerade, was Ruinen zu tun pflegen – zerfallen. Im Fall der Friesenberg-Burg ging es damit in letzter Zeit derart konsequent vorwärts, dass es für die Stadt kein Zustand mehr ist. Das Bauwerk soll nun vor dem Ruin bewahrt werden. Und ist einstweilen schon mal mit metallenen Gittern umstellt.

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Hier fängt für viele der Ausflug an.

Unten im Weiler bei der Busstation gibt es noch ein weiteres Bauwerk, das die besten Tage hinter sich hat. Es ist ein nicht mehr genutzter Pistolenschiessstand. In diesem trainierten einst Mitglieder des Sportschützenverbands Wiedikon. Trafen also auch einmal ins Ziel.

Namenskundler dachten zunächst auch, dass der Zielweg etwas mit Schiessständen zu tun habe – schliesslich führt der Fussweg zudem auch zumindest in die Nähe des Schützenhauses Albisgüetli. Doch damit lagen sie daneben.

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War es stattdessen ein VBZ-Beamter, der nach zwanzig Dienstjahren einer neuen Haltestelle einen Namen geben durfte und sich dabei von konfuzianischen Weisheiten («der Weg ist das Ziel» und so) inspirieren liess? Sehr witzig und schön fabuliert hat das ein*e nicht weiter bezeichnete*r Gastautor*in in einem Blog auf der Website der VBZ.

Die Busse ersetzten das rege genutzte Linien-Taxi.

Ein Körnchen Wahrheit steckt insofern darin, als dass die gesamte Linie eine Neuschöpfung jüngeren Datums ist. Das heisst, die rekordmässig kurzen Linie 73 hat wirklich keine wahnsinnig lange Geschichte.

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1986 begann alles mit dem Linien-Taxi. Wie das Fernsehnachrichtenmagazin «DRS aktuell» damals berichtete, war es zunächst ein zweieinhalbjähriger Pilotversuch. Ein privater Taxiunternehmer chauffierte Personen von der Haltestelle Friesenbergstrasse hoch zum viel besuchten Friedhof Uetliberg, was dazu führte, dass die Passagiere mit dem Busbillett Taxi fahren konnten. Das sei billiger als ein regulärer Busbetrieb. Eine Viertelmillion statt 410’000 Franken für die zweieinhalb Testjahre, wie «DRS aktuell» im Beitrag vorrechnete.

Offensichtlich war die Nachfrage so gross, dass sich die städtischen Verkehrsbetriebe danach für das Beibehalten der Linie, später doch mit Bussen, entschieden. Nur gerade drei Haltestellen liegen heute zwischen den beiden Endstationen Schweighof und Zielweg: Friesenbergstrasse, Friesenberghalde, Friedhof Uetliberg.

Doch welche*r Passagier*in weiss überhaupt, wo der Zielweg liegt?

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Die Endstation Zielweg beschäftigte inzwischen auch schon die Zürcher Politik. Dabei kam der Zielweg zu zweifelhaften Ehren, indem er als Beispiel herhalten musste für eine Station, die – pardon – kein Schwein kennt. Dies im Rahmen einer Schriftlichen Anfrage von Gemeinderat Eduard Guggenheim (AL) aus dem Jahr 2019: Er hatte sich überlegt, wie man das in den Jahren gewachsene VBZ-Netz übersichtlicher machen könnte. Die auf VBZ-Fahrzeugen angezeigten Endhaltestellen seien nicht einmal für in der Stadt Wohnhafte interpretier- und verortbar, wie er in einer schriftlichen Anfrage an den Stadtrat formulierte und kritisierte. Es sei «schlicht unverständlich, wo denn nun der ‹Kienastenwiesweg›, das ‹Dunkelhölzli›, oder ironischerweise ausgerechnet der ‹Zielweg› sein sollen». Guggenheim forderte eine Anzeige auch des Quartiers der betreffenden Endstation an den Fahrzeugen.

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Doch das Anliegen blieb folgenlos. Technisch zu aufwendig, lautete kurz zusammengefasst die Antwort des Stadtrats. Auf einen Hinweis, dass sich der Zielweg im Quartier Friesenberg und auf Gebiet der früher selbstständigen Gemeinde Wiedikon befindet, werden die VBZ-Benutzer also weiterhin verzichten müssen.

Aber vielleicht hilft ja eine schlüssige Erklärung aus der Ortsnamenforschung als Gedächtnisanker? Für den Zielweg ist eine solche spektakulär simpel: Vor Jahren gab es im Gebiet am Fusse des Uetlibergs, beziehungsweise am Stadtrand, auch Äcker. Als «Zileten» bezeichnete man mundartlich die angesäten Reihen, die Ackerzeilen, wovon sich der «Zielweg» ableitet.

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Einen Rest Landwirtschaft spürt man an der Endhaltestelle bis heute, wo an einem Freitagnachmittag beim Stall mitten in der Wendeschleife Mädchen Pferde striegeln und deren Hufe pflegen und Jungs aus den nahen Mehrfamilienblocks Wasserballone am Brunnen, wohl einer früheren Kuhtränke, füllen. Angesichts der Herkunft des Namens aus dem Feldbau passt es ja irgendwie auch, dass sich die Busse, kaum angekommen, gleich wieder vom Acker machen.

Adresse

Zielweg
8055 Zürich

Infos

Das 73er-Bus verkehrt zwischen Schweighof und Zielweg. Für diese Strecke benötigt der Bus ungefähr 5 Minuten. Zum Fahrplan geht’s hier.