19.06.2019 – Storys & Specials

Plötzlich fehlt ein Sinn

Wie erleben Blinde und Sehbehinderte eigentlich Zürich? Jean Baldo und Monika Schenk haben es uns auf einer rasanten Stadtführung der Blinden Kuh gezeigt – und uns Sehende an unsere Grenzen gebracht.

Wir stehen im Büro des Dunkelrestaurants Blinde Kuh und staunen. Unsere Stadtführer Jean Baldo und Monika Schenk demonstrieren uns gerade, wie sie im Alltag elektronisch kommunizieren. In einem so rasanten Tempo, dass die meisten Anwesenden nichts verstehen, liest ein Programm Jean eine Nachricht auf dem Smartphone vor. Eine Teilnehmerin erkundigt sich, ob Jean eigentlich auch so schnell spreche – und das Tempo während der Führung gedrosselt habe. «Wir Blinden neigen ein wenig dazu, auszuholen und langsamer zu sprechen – damit die Sehenden uns auch verstehen», sagt er und liest mithilfe einer Braille-Tastatur eine andere Nachricht vom Computer ab. Bereits auf der vorherigen Tour durch die Stadt war von einer möglichen Unsicherheit unserer Guides nichts zu spüren. Sie schritten zielsicher voran und nahmen auch Abkürzungen ohne Probleme, während wir Teilnehmer teils unbeholfen hinterherstolperten, um den Anschluss nicht zu verpassen.

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Monika Schenk (Fotos: Thomas Schwander)

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«Davor hätte ich mir nicht vorstellen können, wie es ist, nicht mehr sehen zu können.»

Bei Monika setzte die Sehbehinderung mit zwölf Jahren ein. In der Schule sah sie plötzlich nicht mehr bis zur Wandtafel. Ihre Mutter ging mit ihr zum Arzt. Dieser stellte fest, dass die Sehschärfe im Zentrum ihrer Netzhaut abnahm. Heute sieht sie mittig nur stark verschwommen. «Davor hätte ich mir natürlich nicht vorstellen können, wie es ist, nicht mehr richtig sehen zu können», sagt sie. 

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Jean kam zehn Wochen zu früh zur Welt und verlor das Augenlicht wegen einer Sauerstoffüberdosis im Brutkasten komplett. Doch weder er noch Monika liessen sich durch ihre Sehbehinderung in ihrer Laufbahn beirren. «Meine Neugierde habe ich nie verloren. Ich wollte immer genau verstehen, wie Dinge funktionieren», erzählt beispielsweise Jean, der die Hotelfachschule Zürich erfolgreich absolvierte.

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Jean Baldo

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Unsere Führung mit Monika und Jean umfasste auch einen Stopp beim schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband. Dort bekamen wir von Augenoptiker Christoph Galli zwei Pappbrillen: die eine sollte den Blick einer stark sehbehinderten Person vermitteln, die andere den Röhrenblick. Mit dem Röhrenblick den Flyer vor sich auf dem Tisch zu lesen, war schwierig genug, ihn mit der anderen Brille zu entziffern, blieb auch mit grosser Konzentration unmöglich. Wie Monika und Jean lernten, ihren Alltag zu meistern, können wir uns nur vage vorstellen.

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Viele Leute getrauen sich im Alltag nicht, Monika Fragen zu stellen.

Ab und zu kommt es zu kleineren Zwischenfällen in Jeans und Monikas Alltag. So erzählt uns Jean, wie er einmal in einem Ärztehaus ins falsche Wartezimmer gelotst wurde. Beim Warten habe ihn plötzlich ein seltsames Gefühl beschlichen und er fragte nach. Die Arztgehilfin meinte nur: «Nein, mein Herr, hier ist nicht der Zahnarzt. Sie sind beim Frauenarzt gelandet!» 

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Auch Monika kennt als Mutter zweier inzwischen erwachsener Töchter einige solcher Geschichten. «Aber ein Problem war die Sehbehinderung eigentlich selten für andere, sondern nur für mich», sagt sie. Viele Leute getrauen sich im Alltag nicht, Monika Fragen zu stellen. Deshalb gibt es seit 2016 diese Stadtführungen, bei denen wichtige Anlaufstellen für Blinde und Sehbehinderte aufgezeigt und alle Fragen beantwortet werden.

Infos

Für die Stadttouren des Dunkelrestaurants Blinde Kuh kann man sich als Gruppe von mindestens 6 und maximal 15 Personen anmelden. Auf der zweistündigen Tour durch Zürich erzählen zwei Guides aus ihrem Alltag und zeigen Anlaufstellen und wichtige Einrichtungen für Blinde und Sehbehinderte auf. Weitere Infos findest du hier.