19.02.2020 – Essen & Trinken | Trends & Shopping

«Ich will mit dem Laden nicht reich werden»

Text: Valérie Jost Fotos: Nick Soland

Im Betulius & Töchter verkauft Syl Betulius mit ihrem Team Lebensmittel und ausgewählte Boutique-Artikel. Der Quartierladen im Kreis 3 ist aber vor allem auch Begegnungsort – und hat eine bewegte Geschichte hinter sich.

Im Betulius & Töchter kauft das halbe Quartier ein: Pärchen, Alleinstehende, Familien. Auch viele Kinder kommen hierher – allein, weil ihre Eltern wissen, dass hier ein sicherer Ort für sie ist, erzählt Syl. «Dann geben sie mir stolz den Einkaufszettel ab und wir stellen alles mit ihnen zusammen», sagt sie und lacht. Sie kennt fast alle Kundinnen und Kunden persönlich. «Auch viele ältere Menschen schätzen den Laden, weil sie in den grossen Supermärkten oft vom riesigen Angebot und von den Rolltreppen überfordert sind», sagt sie.

Erst kürzlich hat Syl an einer Messe in Paris neue Artikel eingekauft.

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Im Betulius & Töchter findet man das Nötige und noch ein bisschen mehr: «Viele holen im Laden das, was sie vorher beim Grosseinkauf vergessen haben», sagt Syl. Milch, Müllsäcke und WC-Papier sind die Klassiker. Einige erledigen im Betulius & Töchter aber auch den Wocheneinkauf. «Sie haben keine Lust, die Grossverteiler zu unterstützen.» Es gibt auch die ganz bewussten Einkäufer, die genau hinschauen und auch wissen wollen, woher die Produkte stammen. Grundsätzlich hängt die Nachfrage von den Wochentagen ab: Das John-Baker-Brot ist immer sehr beliebt, samstags wird für den Brunch eingekauft, dann ist der Käse gefragt. Ende der Woche gehen auch mehr Wein und Bier über die Theke.

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Viele Kundinnen und Kunden kommen extra in den Betulius & Töchter, um ein Geschenk zu kaufen: «Es macht mir Freude, für den Non-Food-Bereich immer wieder neue Produkte zu finden», sagt Syl. Das Boutique-ähnliche Angebot hatte Betulius & Töchter nicht von Beginn an. Erst durch einen Umbau im Jahr 2009 entstand Platz dafür. Viele fanden den Angebotsmix anfangs seltsam, inzwischen wird er jedoch geschätzt. «Es gibt so viele Gründe, weshalb schnell ein Geschenk gebraucht wird», erzählt Syl. Mit der Sortimentserweiterung konnte sie auch viel lokales Kunsthandwerk integrieren. Und erst kürzlich hat sie an einer Messe in Paris neue Artikel eingekauft – darunter einige, die in Zürich sonst niemand anbietet.

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In die französische Hauptstadt hat sie ihre Tochter begleitet: Lucy Betulius ist 21 Jahre alt und studiert Film in Berlin. «Sie hat sogar einen Film über den Laden gedreht», erzählt Syl lächelnd. Wenn Lucy zwischendurch in Zürich ist, hilft sie regelmässig im Laden aus. Auch ihre zwei Jahre jüngere Schwester Ruby arbeitet neben der Schule hier, immer freitagnachmittags und jeden zweiten Samstagnachmittag. Und auch Syls Ehemann Arniko steht seit Kurzem wieder einmal in der Woche hinter der Theke. Ein echter Familienbetrieb eben.

Betulius steht für die Tradition und die Töchter verkörpern das Moderne, Zukunftsweisende.

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Trotzdem sagt Syl: «Meine Töchter haben andere Pläne, als irgendwann den Laden zu übernehmen.» Doch sie unterstützen Syl gerne, denken mit und halten sie an, gewisse Dinge konsequenter zu machen: egal ob es um Nachhaltigkeit, die Auswahl der Produkte oder darum ging, den alten Tisch vor dem Laden zu ersetzen. «Meine Töchter haben einen frischen Blick auf die Dinge, den ich wegen meiner langen Zeit hier schon nicht mehr habe. Dafür bin ich sehr dankbar.» Hier spiegelt sich auch der Name des Ladens wider: Betulius steht für die Tradition und die Töchter verkörpern das Moderne, Zukunftsweisende.

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Das Leuchten in Syls Augen ist nicht zu übersehen, wenn sie über ihren Laden spricht: Er ist ihr Herzensprojekt. Die Wahlzürcherin mit Berner Wurzeln ist ursprünglich Lehrerin, hat am Architekturdepartement der ETH die Videoabteilung am Lehrstuhl «Bildnerisches Gestalten» aufgebaut und geleitet, dann als Cutterin beim SRF gearbeitet. Doch auch Verkaufserfahrung hat Syl, von ihrer Zeit im Buchhandel. Es war «ein Sprung ins kalte Wasser», als sie den seit den Fünfzigerjahren bestehenden Laden 2006 übernahm. «Ich habe metaphorisch gesprochen viel Lehrgeld bezahlt», sagt sie.

«Ich will im Quartier etwas leisten.»

Der Laden war hoch verschuldet, sie musste klug bestellen und hart kalkulieren. «Es war eine turbulente Zeit. Und es gab definitiv Momente, in denen ich den Laden verkaufen wollte», erzählt sie. Ihn von Schulden zu befreien, sei schwierig gewesen. Sie organisierte zusammen mit Christina Schreiber-Balasso, die seit Sommer 2019 nicht mehr im Laden dabei ist, unzählige Events: Lottoabende, Sponsorenläufe, Versteigerungen, Konzerte und Flohmärkte, und sie zogen einen stadtweiten Catering-Service auf. Mit Erfolg: Mittlerweile sind die Finanzen stabil. Auch weiterhin gibt es im Laden immer mal wieder kleinere Veranstaltungen, sei es für einen guten Zweck oder einfach, um die Quartierbewohnerinnen und -bewohner kulturell zu erfreuen.

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Doch das Leiten des Ladens ist eine konstante Herausforderung: «Kleine Läden haben es immer schwer. Das sagen mir alle, die ebenfalls einen Laden besitzen.» Der Betulius & Töchter überlebt nur dank ihres Zusatzengagements: Ihr pädagogischer Hintergrund brachte sie vor einigen Jahren dazu, IV-Lernende auszubilden. Mittlerweile schlossen unter ihrer Obhut mehrere Jugendliche ihre Lehre ab. Die letzten beiden haben schnell eine Stelle gefunden, momentan befinden sich drei in der Ausbildung. «Hier können die Lernenden von Anfang an alles machen und müssen nicht monatelang nur Regale einräumen», sagt Syl. Und das in einem übersichtlichen Rahmen, einer Art Mikrokosmos. Sie lernen den Umgang mit Kundinnen und Kunden, tätigen Bestellungen, bestimmen mit. Im hinteren Teil der ehemaligen Wohnung backen sie Kuchen und Guetsli, mittags belegen sie Sandwiches nach Kundenwünschen.

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Ihre ethischen Grundsätze vertritt Syl auch bei der Auswahl des Sortiments. «Mir ist es wichtig, vom Produkt und dem Herstellungsbetrieb überzeugt zu sein», erklärt sie. Syl will wissen, mit wem sie es zu tun hat, und auch kleinen Produzenten eine Chance geben: «Es geht mir mit dem Laden nicht darum, reich zu werden, sondern um das soziale Engagement. Ich will im Quartier etwas leisten», sagt sie. Es ist ihr extrem wichtig, das Persönliche in der Zeit von Onlinebestellung und Lädelisterben zu erhalten.

Adresse

Betulius & Töchter
Gertrudstrasse 68
8003 Zürich
+41 44 451 89 70

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag, 9–19 Uhr
Samstag, 9–17 Uhr