04.09.2020 – LGBT-Kolumne | Menschen & Leben

Auf Leib und Liebe geschneidert

Kolumne: Anna Rosenwasser

Einmal im Monat schreibt Anna Rosenwasser, wie sie in Zürich lebt und liebt. Im September erzählt die Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz, wie unbequem Normen sein können. Und was wir dagegen machen können.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da wurde ich freundlich, aber bestimmt aus manchen Kleiderläden rauskomplimentiert. Einige Jahre passte mein Körper nicht in die Kleidung, die angeboten wurde – mir gab das jedes Mal, wenn es passierte, einen Stich ins Herz. Ich fühlte mich, als wäre mein Körper eine Fehlproduktion. Rückblickend sehe ich das anders: An meinem Körper war nichts falsch. Schliesslich waren es die Kleider, die ihre Aufgabe nicht erfüllten. Kleidungsstücke müssen für Körper gemacht werden – nicht umgekehrt.

Ich fühlte mich, als wäre mein Körper eine Fehlproduktion.

In meiner sturen Traurigkeit fasste ich damals einen Plan. Eines Tages lasse ich mir einen Anzug massschneidern. Kein Laden, aus dem ich rausgeworfen werde. Keine Umkleide, wo ich unpassende Kleidungsstücke wieder ausziehen muss. Der Anzug wird mir folgen, weil mein Körper der Massstab ist. Für ein einziges Mal. Es war eine Art Machtfantasie. Ich glaube, deshalb stellte ich mir auch ausgerechnet einen Anzug vor: Anzüge sind der Inbegriff einer mächtigen, eleganten Norm. (Einer recht männlichen Norm, die etwas untergraben wird, wenn eine Frau sie sich zu eigen macht.)

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Es gibt Dutzende Labels.

Heute passe ich in die meisten Kleidungsstücke. Aber ich erinnere mich oft an die Traurigkeit von damals, als ich mich falsch fühlte. Besonders, wenn es um Labels geht. Für Menschen, die nicht hetero sind (oder trans), gibt es Dutzende von Labels – jahrzehntelang etablierte wie «schwul», aber auch neuartige wie «Demigirl» oder «pansexuell». Die Labels stehen zur Verfügung, wenn man merkt, dass man der Geschlechternorm nicht ganz entspricht – und doch erzählen mir viele Menschen verzweifelt, dass die Labels ihnen nicht passen. «Ich bin eine Frau, und ich stehe auf Frauen, aber lesbisch fühlt sich so negativ an. Mir ist unwohl, mich so zu nennen» oder «Ich bin mir nicht sicher, welches Geschlecht ich selbst habe. Sind wir nicht einfach alles Menschen?» Ja, wir sind alles Menschen. Aber wir sind Menschen, die aus einer Norm fallen. Die Norm ist ein Anzug in Einheitsgrösse, und wer nicht reinpasst, wird ausgegrenzt.

Labels sind dazu da, uns selbst zu finden: Wenn du etwas benennen kannst, wird es realer. Du findest Gleichgesinnte, wenn ihr ein Label teilt. Und unsere Forderungen werden sichtbar: «Gleichberechtigung für trans Frauen!» ist viel aussagekräftiger als «Gleichberechtigung für Menschen!».

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Nun sitzt alles.

Aber: Du musst dich keinem Label anpassen. Weil du nicht für Labels geschaffen wurdest, sondern die Labels für dich. Manchmal braucht das Zeit. Aber die darfst du dir nehmen. Du kannst dich durch den Markt von alten und neuen Labels wühlen, sie anprobieren, dich jederzeit umentscheiden. Die Hauptsache ist, dass du in den Spiegel sehen kannst und denkst: Ja, passt zu mir.

Ja, passt zu mir, denke ich, während ich zum ersten Mal in meinem Leben einen massgeschneiderten Anzug trage. Ich habe jahrelang dafür gespart, ein ganzes Jahrzehnt an dieser Entscheidung rumüberlegt. Nun sitzt alles, und mein Körper fühlt sich richtig an statt falsch wie früher. Genau so bequem, so richtig sollten sich auch Labels anfühlen. Der Vorteil von Labels gegenüber Kleidern? Du kannst bei Bedarf problemlos auch ohne sie durchs Leben gehen. Bei Kleidung wär das etwas schwieriger.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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