04.11.2020 – LGBT-Kolumne | Menschen & Leben

Wer ist homoflexibel?

Kolumne: Anna Rosenwasser Teaser: Screenshot Youtube

Einmal im Monat schreibt Anna Rosenwasser, wie sie in Zürich lebt und liebt. Im November tanzt die Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz mit einem Mann, der beide Geschlechter anziehend findet. Doch ist er deswegen gleich bi?

Die Nacht war nicht mehr jung, geschweige denn jugendfrei. Um uns herum tanzten Leute aller Geschlechter oben ohne, es wurden noch mehr Komplimente rumgereicht als Shots. Die Stimmung war ausgelassen und eingeschworen; wir waren ein paar Handvoll Freund*innen, die einen harmlosen Abend mit Freude eskalieren liessen. Frei nach Miley Cyrus: It’s our party, we can do what we want. It’s our party, we can love who we want.

«That’s bi», protestierte eine Frau neben uns.

Fred und ich tanzten auch. Sehr nah, obschon wir uns sonst nicht nahestehen. «Weisst du», sagte er irgendwann, «ich würde mich nicht nur als schwul bezeichnen. Hie und da finde ich auch mal eine Frau heiss.» Neben ihm wurde Natascha hellhörig. «That’s bi», sagte sie beiläufig, um dann weiterzutanzen. Fred ignorierte sie. «Also ich bin schon schwul, aber mit einer Frau ins Bett gehen, das könnte ich mir vorstellen», fuhr er fort. «That’s bi», sagte Natascha noch einmal. «Homoflexibel ist ein passendes Wort dafür», so Fred, «ich finds gut, dass es dieses Label gibt.» Mittlerweile war Natascha stehen geblieben und rief Fred von der Seite protestierend «That’s bi!» entgegen. Es war ein lustiger Anblick, er so nah an mir, sie entzürnt daneben. Ich widersprach keinem von beiden; man muss den richtigen Zeitpunkt finden für Widerstand. Und widerstehen konnte ich in dieser Situation eh nicht.

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Fred hat den Begriff der Homoflexibilität nicht erfunden. Den gibt es schon seit den Nullerjahren. Er beschreibt homosexuelle Menschen – also Schwule und Lesben –, die sich in Ausnahmesituationen auch mal zu einem anderen Geschlecht hingezogen fühlen. Das Konzept gibts übrigens auch auf der anderen Seite des Ufers: «Heteroflexibilität» beschreibt, wenn heterosexuelle Menschen sich selten auch mal zu jemandem des eigenen Geschlechts hingezogen fühlen.

Fred hat den Begriff nicht erfunden.

Aber Moment mal. Sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen, dafür gibts doch bereits ein Wort? «That’s bi», wie Natascha es diplomatisch ausdrückt. Das muss nicht 50/50 sein; viele Bisexuelle haben Tendenzen zu einem Geschlecht. Wo also ist die Grenze zu Homo- und Heteroflexibilität? Was ist so flexibel daran, am Homo-Sein festzuhalten, wenn man laut Definition bi ist?

Wir Bisexuellen erleben unser ganzes Leben lang, wie die Welt so tut, als gäbe es uns nicht: Von uns wird erwartet, dass wir uns für ein Geschlecht entscheiden. Dass wir eigentlich im Innersten hetero sind oder unser Coming-out als Schwule oder Lesben etwas einfach machen wollen. Irgendwie glaubt man nicht so recht an uns Bis. Wenn dann noch Leute antanzen – wortwörtlich –, die sich als heteroflexibel oder homoflexibel einordnen, sieht das schnell so aus, als wollten sie einfach der Einordnung der Bisexualität ausweichen.

Manche brauchen solche Zwischenschritte.

Lesbisch, schwul, bi: Das sind grosse Worte. Es ist kein leichter Schritt, sie für die eigene Anziehung zu verwenden. Manchmal braucht es kleinere Schritte, genauere Abstufungen, um sich wohlzufühlen. Wer Jahrzehnte gebraucht hat, um sich in der Lesbenwelt zurechtzufinden, will das lieb gewordene lesbische Label vielleicht nicht abgeben. Wer ein glückliches heterosexuelles Leben führt und nur selten mal zaghaft mit Homo-Gedanken spielt, mag vermutlich nicht gleich die Bisexuellen-Flagge schwingen. Klar, Homoflexibilität und Heteroflexibilität sind nach Definition eigentlich auf dem Bi-Spektrum. Aber unsere Gefühlswelt ist kein Wikipedia-Eintrag; unsere Identitäten richten sich nicht nach Definitionen. Vielleicht macht das Wort «Heteroflexibilität» es einer Person leichter, zu akzeptieren, dass sie nicht nur auf ein Geschlecht steht. Womöglich unterstützt das Label «Homoflexibilität» manche Schwule und Lesben darin, dass sexuelle Orientierung etwas Wandelbares ist. Frei nach Miley Cyrus: We can kiss who we want. We can screw who we want.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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