03.03.2021 – LGBT-Kolumne | Menschen & Leben

Sind mit 20 alle bi?

Kolumne: Anna Rosenwasser

Einmal im Monat schreibt Anna Rosenwasser, wie sie in Zürich lebt und liebt. Im März erzählt sie von Eltern, die sich vor ihren Kindern als bisexuell outen – ohne es überhaupt zu merken: «So war ich auch mal.»

Dies war der Moment. Der Moment, auf den sich Liam länger vorbereitet hatte, als er es sich gern eingestehen würde. Ehrlich gesagt: Er hätte nicht mehr gedacht, dass es in seinem Leben noch ein Coming-out geben würde. Erstens, weil sein Freundeskreis so locker mit dem Thema Bisexualität umgeht, dass er sich gar nie so richtig outen musste. Der andere Grund, warum Liam nicht mehr an ein Coming-out geglaubt hatte, war etwas schwerer. Schwerwiegender. Nie, niemals, dachte er sich, würde er sich bei seinem Vater outen. Jahrelang war er sich da sicher, das stand ganz ausser Frage. Aber dann hatte sein Vater mal nebenbei erwähnt, dass es rückständig sei, dass die Ehe für alle in der Schweiz noch nicht eingeführt sei, und seither hirnt Liam daran rum, es ihm einfach zu sagen: dass er bi ist. Dass er das schon immer war. Und voraussichtlich bleiben wird.

Der Vater winkte nur ab.

«Willst du Kaffee?», fragte der Vater nach dem Zmittag bei Liams monatlichem Besuch. Es hatte Fleischkäse gegeben. «Ich muss dir etwas sagen», antwortete Liam. Schnell, als würden die Worte sonst wieder zurück in seinen Hals kriechen. Der Vater setzte sich wieder. Wenn nicht jetzt, dann schaffe ich es niemals, dachte sich Liam, und sagte: «Ich stehe nicht nur auf Frauen. Sondern … auch auf Männer.» Das Gesicht seines Vaters war erst blank, dann leicht verwirrt. Als verstünde er ein Fremdwort nicht. Dabei hatte Liam sich ganz bewusst überlegt, nicht «Bisexualität» zu sagen und auch nur von Männern und Frauen zu reden, nicht etwa noch von weiteren Geschlechtern. War das zu sehr vereinfacht? War es noch immer zu kompliziert? Er hätte sich am liebsten unter dem Küchentisch versteckt. Wie bei einem Erdbeben.

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«So war ich auch mal.»

«Ah», machte der Vater da. Nickte kurz, dann winkte er ab. Er winkte ab, als hätte Liam etwas Nebensächliches, Unwichtiges gesagt. «Das ist doch normal in deinem Alter. Da findet man alle schön. Frauen, Männer, alles.» Liam machte zustimmende Geräusche. «Ich war damals», sagte da der Vater, noch immer locker, «auch so. Wie alle. Abenteuerliche Zeit, hehe. Trinkst du deinen Kaffee schwarz?»

Als Liam die Haustür hinter sich schloss, war er nicht ganz sicher, was gerade passiert war. Klar, er hatte sich als bi geoutet. Aber … hatte sich sein Vater gerade auch geoutet? Was heisst: «abenteuerliche Zeit, hehe»? Ging es wirklich allen so? Sind alle Leute bi? Oder ist es doch wahr, was ihm schon schwule und heterosexuelle Mitmenschen an den Kopf geworfen hatten: «Ist das eine Phase?!»

Bisexualität verschwindet nicht durch eine Heirat.

«Nein, oder? Wir sind nicht alle einfach kurz bisexuell Anfang zwanzig, oder?», fragt mich Liam nervös, aber auch zittrig wegen der Kälte, durch die wir hindurchspazieren. Ich kann nicht anders als zu schmunzeln. Nein, wir sind nicht alle einfach kurz bisexuell. Manche Menschen sind homosexuell, manche hetero, manche asexuell. Und gleichzeitig höre ich diese Geschichte so oft – dass Eltern beim Coming-out so nebenbei sagen: «Ach was, so war ich auch mal.» Was sexuelle Orientierung angeht, wuchsen viele unserer Eltern mit zwei Kategorien auf: normal und Freak. Es gab keine Bisexualität und es gab auch keinen «normalen» Weg, queer zu sein. Es gab oftmals einfach ein Alter, in dem das freie Erleben von Anziehung knapp drinlag, als vorübergehende Rebellion, bevor die Ehe anrollte. Aber: Bisexualität – und Homosexualität – verschwindet nicht mit dem Heiraten. Oder mit einer Beziehung. «Manchmal frage ich mich, wie viele unserer Eltern eigentlich gar nicht hetero wären, wenn sie die Wahl hätten», sagt Liam, während er sich die Hände reibt. «Hey voll», antworte ich, «jetzt bleibt nur noch die Frage: Wer sagts deinem Vater?»

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