09.10.2019 – Storys & Specials | Zu Besuch bei

«Ich bin hier stark verwurzelt»

Text: Eva Hediger Fotos: Jasmin Frei

Kaum jemand besucht Zürich, ohne durch das Niederdorf zu schlendern. Doch auch bei den Zürcherinnen und Zürchern ist die Altstadt beliebt. Viele von ihnen leben und arbeiten hier – darunter der Schreiner Thomas Heuberger.

Die Werkstatt und die Wohnung von Thomas Heuberger liegen im Innenhof des Rindermarkts 17. Die Werkstatt befindet sich im Untergeschoss, die Wohnung im obersten Stock des gleichen Hauses. Seit 1995 lebt Thomas hier, fünf Jahre später ist seine Frau Karin eingezogen. Ursprünglich wurde die Dachgeschosswohnung für Thomas’ Vater ausgebaut. Das Paar hat sie nach seinen eigenen Wünschen angepasst und unter anderem einige Wände entfernt. «Die Wohnung hat die ideale Grösse für uns», so Thomas, «auch wenn wegen der Dachschräge etwas Fläche verloren geht.»

Thomas hat miterlebt, wie sich das Niederdorf in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat.

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Die Einrichtung besteht aus einer Mischung aus Alt und Neu: Neben dem Sofa spendet eine Lampe von einem unbekannten Designer Licht – «Ich denke, die stammt aus Italien» –, daneben steht ein Amethyst. «Es ist uns wichtig, dass die Wohnung nicht zu überladen wirkt», erklärt Thomas. Einzelne Möbel haben Karin und er im Niederdorf gekauft. So zum Beispiel die Salontischchen, die sie erst kürzlich bei einem benachbarten Antikhändler erstanden haben.

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«Wir haben keinen klar definierten Stil.»

«Wir haben keinen klar definierten Stil», so Thomas. Gegessen wird an dem Designertisch «Saarinen». Dahinter steht Thomas’ Lieblingsstück: ein Sideboard, das der Schreiner vor der Müllhalde bewahrt hat. «Ich werfe nicht gerne Sachen weg.» Er hat das Möbel vor der Verbrennung gerettet und aufgefrischt. «Jetzt wirkt es ziemlich modern», freut er sich.

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Die meisten Wohnungsbesucherinnen und -besucher interessieren sich jedoch mehr für die mittelalterliche Tresortür oberhalb des Sideboards. Dahinter verbirgt sich allerdings kein Familienschatz, sondern nur eine Wand. «Ich weiss gar nicht genau, woher die Türe stammt», bemerkt Thomas. Doch mit ihrem sechsfachen Schloss ist sie wohl einzigartig. «Es kamen schon die verschiedensten Schlosser, um sie anzuschauen», erzählt Thomas. «Ein Kunstschlosser aus der Umgebung wollte sie gar nachbauen, doch ich weiss nicht, ob er das geschafft hat.»

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Zu Thomas’ weiteren Wohnungs-Highlights zählt der kleine Balkon mit Sicht auf die Uni. «Wir vermissen manchmal einen Garten», berichtet Thomas. Als kleinen Ersatz hegt und pflegt das Paar auf dem Balkon und vor den Fenstern verschiedene Blumen und Pflanzen – darunter Chili, Erdbeeren und Tomaten. «Wir wechseln uns jedes Jahr mit der Bepflanzung ab.» Auch im Innenhof stehen einige Töpfe sowie ein alter japanischer Kirschbaum.

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Dass die Schreinerwerkstatt nur wenige Treppenstufen von seiner Wohnung entfernt ist, schätzt Thomas: «So verschwende ich keine Zeit für den Arbeitsweg.» Vor über achtzig Jahren hat Thomas’ Grossvater die Schreinerei gegründet. Zuvor hatte er das Haus am Rindermarkt «Zum grossen Steinbock» sowie das Haus im Innenhof «Zum kleinen Steinbock» erstanden. «Sie sind beide über 600 Jahre alt, aber immer noch sehr gut im Schuss», weiss Thomas. Das liege auch an der guten Bausubstanz und der stetigen Pflege.

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Bereits als Kind hat Thomas viel Zeit in der Werkstatt verbracht. Er hat miterlebt, wie sich das Niederdorf in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Früher war das Gewerbe hier stark verbreitet. Doch dann zogen immer mehr Wohlhabende in die Altstadt, das Dörfli wurde aufgewertet. «Für die Schreinerei wurde der Standort schwieriger», erzählt Thomas, «die Maschinen störten die Nachbarn, die Zufahrt für Kunden wurde eingeschränkt.»

«Das lokale Handwerksgewerbe wird wieder stärker wertgeschätzt.»

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Thomas versucht, solche Veränderungen positiv zu sehen. «Rückzug war für mich nie eine Option. Schon aus Traditionsgründen nicht!», sagt Thomas. Heute erhält er vermehrt Aufträge aus der Nachbarschaft. «Das lokale Handwerksgewerbe wird wieder stärker wertgeschätzt.» Und Thomas nimmt Rücksicht: «An Wochenenden oder vor sieben Uhr am Morgen schalte ich keine Fräse an.»

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Auch privat schätzt Thomas das Niederdorf. «Ich bin hier stark verwurzelt», sagt er, der jahrelang in der Geschäftsvereinigung Limmatquai/Dörfli aktiv war. Noch kann er es sich nicht vorstellen, woanders hinzuziehen. «Obwohl ich eigentlich gerne Veränderungen mag», verrät Thomas. «Aber hier fühlen meine Frau und ich uns einfach am wohlsten.»

Adresse

Heuberger AG
Rindermarkt 17
8001 Zürich
+41 44 253 63 63
Website