16.07.2019 – Storys & Specials | Zu Besuch bei

«Das ist der Senioren-Treff der Kreativen»

Text: Eva Hediger Fotos: Jasmin Frei

Der Zürcher Grafiker Mathias Schröder lebt und arbeitet in einer grosszügigen Loft. Sie befindet sich am Rand des Seefelds auf dem SEV-Areal. Mathias’ Mitbewohner? Ein ausgestopfter Löwe, der ein langes Leben hatte.

Der Löwe steht direkt beim Eingang. «Ach, das ist mein Maskottchen», erklärt Mathias Schröder. Seit mehreren Jahren besitzt der Zürcher Grafiker das ausgestopfte Tier. «Es ist der ideale Eisbrecher.» Ob Kunde oder Postbote: Jeder spricht Mathias auf den Löwen an. Dieser lebte bis zu seinem natürlichen Tod in einem Zoo in London. «Das ist mir wichtig», meint Mathias. Ein geschossenes Tier möchte er nicht besitzen. «Wir leben schliesslich nicht mehr zu Hemingways Zeiten, als Jagdtrophäen noch als cool angesehen wurden.»

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Schliesslich verkaufte ihm der befreundete Galerist den Löwen.

Früher wurde der Löwe im Schaufenster einer afrikanischen Galerie ausgestellt. «Er war der Publikumsmagnet», erklärt Mathias, der die Galerie öfters besuchte. Gerne hätte er sich dort eine afrikanische Skulptur gekauft. Die Kunst dieses Kontinents fasziniert Mathias: «Sie ist so abstrakt und gleichzeitig so direkt.» Doch keines in der Galerie erhältliche Objekt konnte sich Mathias leisten. «Was mir gefiel, kostete über 30’000 Franken.» Schliesslich verkaufte ihm der befreundete Galerist den Löwen. «Er fand, ich sei verrückt genug, das Tier in meine Wohnung zu stellen.»

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Seither ziert es den Eingangsbereich – aktuell mit dem Logo «Schröder und Partner». Denn Mathias betreibt in seiner Zürcher Loft eine Agentur für Corporate Design. «Ich schätze es, dass ich Arbeit und Privatleben auch räumlich kombinieren kann», erzählt der Grafiker, «auch weil ich keinen klassischen 9-to-5-Job habe.» Manchmal sitze er bis um Mitternacht an Präsentationen.

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Bereits in seinem vorherigen Haus in Zollikon arbeitete Mathias im Homeoffice. Vor sieben Jahren zog er dann in die Loft auf dem SEV-Areal. Dieses liegt unweit des Bahnhofs Tiefenbrunnen. Früher wurden dort elektrische Geräte getestet. «Heute befindet sich hier der kreative Senioren-Treff», sagt Mathias und lacht. «Jetzt war ich etwas zu böse! In dieser Künstler-Kolonie herrscht einfach nicht der Kreis-4-Groove der Jungen.»

«Ich finde es herrlich – ich habe hier viel Freiraum.»

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In den ehemaligen Fabrikgebäuden haben sich verschiedene etablierte Künstler, Designer und Grafiker ihre Büros und Ateliers eingerichtet. Ausserdem probt das Zürcher Kammerorchester in den grossen Hallen. «Das ist schön. Im Sommer habe ich öfters Live-Musik durch die offenen Fenster», freut Mathias sich. Er ist einer der wenigen, die auch auf dem Areal leben. «Ich finde es herrlich – ich habe hier viel Freiraum.»

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Mathias hat seine über 180 Quadratmeter wohnlich eingerichtet.

Durch das Wohnhaus von Mathias geht die Gewerbezone. «Ich darf also hier arbeiten und leben. Das ist selten in Zürich.» Mathias hat seine über 180 Quadratmeter wohnlich eingerichtet: «Ich wollte eine inspirierende Umgebung schaffen.» Viele Möbel hat er mit einem befreundeten Designer selbst entworfen. «Einfach in das nächste Möbelhaus zu fahren – das ist doch langweilig!» Die wenigen Einrichtungsgegenstände, die er trotzdem «ab Fabrik» hat, peppte er mit eigenen Ideen auf. So zum Beispiel das Regal mit Leder-Elementen.

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An den Wänden hängt Mathias’ Kunst. Eine Ausnahme bildet eine Tuschzeichnung eines chinesischen Freundes. «Er war jahrelang mein Mentor», erklärt Mathias, der als Jugendlicher die Zürcher Kunstgewerbeschule besucht hatte. Direkt nach dem Abschluss landete er in Paris – in dieser Stadt hatte er bereits als Kind einige Zeit gelebt.

Danach wanderte Mathias nach New York aus. Dort eröffnete er gemeinsam mit seinem Bruder eine Galerie und kehrte nach einigen Jahren wieder nach Zürich zurück. «Ich wollte mein Business in meiner Heimat aufbauen», so Mathias, «in den Staaten wäre ich immer der Alien geblieben.» Ausserdem bot die Schweiz für seine mittlerweile 17 Jahre alte Tochter die besseren Möglichkeiten. «Das Schulsystem und Ähnliches waren und sind hier einfach ausgereifter», erklärt er. Mathias gründete erst eine Agentur für Events, später eine für Design.

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«Ich verstehe Designer nicht, die mit einer komplett durchgestylten Wohnung ihren Geschmack beweisen müssen», erklärt Mathias. Er schätzt Kurioses, sammelt Kunst und alte Gegenstände. «Ich mag das Koloniale, aber auch die 20er- und 30er-Jahre», führt er aus. Zu fast jedem seiner Gegenstände könne er eine Geschichte erzählen. Von den Kunstwerken aus Asien und Afrika, die er an Auktionen ersteht. Von den Hüten, die er sich eigens in Wien anfertigen lässt. Vom alten Propeller aus dem Ersten Weltkrieg.

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Oder von der Schmetterlingssammlung seines Urgrossvaters. «Er hat in Bremen gelebt, als die Stadt im Krieg bombardiert wurde», erzählt Mathias. Die Familie verlor fast ihren ganzen Besitz. «Aber die fragilen Schmetterlinge sind heil geblieben», sagt Mathias. Schon deshalb würde er diese Sammlung niemals hergeben.

Adresse

SEV Areal
Seefeldstrasse
8008 Zürich
Website