Stadt & Geschichte | Zeitreise

Auf der Suche nach James Joyce in Zürich

Der Einfluss von James Joyce auf die Weltliteratur ist tiefgreifend. Einen grossen Teil seines Werks Ulysses schrieb der Schriftsteller in Zürich – einer Stadt, die er sehr mochte und in der er sich während seines turbulenten Lebens mehrmals niederliess.

Geboren 1882 im Dubliner Vorort Rathgar, wuchs James Joyce als eines von zehn Kindern auf. Sein Vater war ein verarmter Steuereintreiber, der jedoch grossen Wert auf Bildung legte. So besuchte Joyce eine Reihe ausgezeichneter katholischer Schulen und schrieb sich schliesslich am University College in Dublin ein. Er zeichnete sich durch seine akademischen Leistungen aus, enttäuschte aber sowohl seine Familie als auch seine Erzieher, als er es ablehnte, Priester zu werden und seine Ambivalenz gegenüber dem Katholizismus zum Ausdruck brachte. Inspiriert von den grossen Dichtern und Schriftstellern der Vergangenheit, beschloss Joyce stattdessen, sein Glück als Autor im Paris der Belle Époque zu versuchen. Während seines ersten Aufenthalts in Paris verdiente Joyce seinen Lebensunterhalt, indem er Studierenden an der Sorbonne Englischunterricht erteilte und Buchrezensionen schrieb. 1903 kehrte Joyce nach Irland zurück, da seine Mutter im Sterben lag. Im folgenden Jahr heiratete er eine Frau aus Galway, Nora Barnacle. Obwohl sie in Bezug auf ihre persönlichen Vorlieben und ihre Emotionalität völlig verschieden waren, hatten sie eine lebenslange, leidenschaftliche Verbindung. Es war Nora, die Joyce überredete, in die italienische Stadt Triest zu ziehen, die damals unter österreichisch-ungarischer Herrschaft stand. Dort konnten sie neu anfangen und die Last ihrer Schulden verringern.

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Fotografie von James Joyce mit seiner Frau Nora, Sohn Giorgio und Tochter Lucia, Paris, 1924. University College Dublin, Digital Library

Auf dem Weg nach Triest machte Joyce im Oktober 1904 zum ersten Mal in Zürich Halt und verbrachte eine Woche in der Stadt, in der Hoffnung, eine Stelle als Lehrer zu bekommen. Zwischen 1906 und 1915 wohnte James Joyce mit Nora und ihren beiden neugeborenen Kindern Giorgio und Lucia in Triest, hielt sich aber auch häufig in Rom und Dublin auf. Joyce konzentrierte sich weiterhin auf seine schriftstellerische Tätigkeit und unterrichtete gleichzeitig Englisch an der Berlitz-Schule in Triest. 1907 veröffentlichte Joyce einen Gedichtband mit dem Titel Chamber Music, aber zu seinem Leidwesen erhielt er kaum finanzielle Unterstützung. Joyce hielt hartnäckig an seinen Bemühungen fest, aber er musste sieben Jahre warten, bis der amerikanische Dichter Ezra Pound Dubliners mit einer positiven Rezension sein Leben für immer veränderte. Pound half Joyce ausserdem, die Veröffentlichung von A Portrait of the Artist as a Young Man in einer britischen Zeitschrift zu erreichen.

Kooperation

Dieser Artikel ist ursprünglich auf dem Blog des Landesmuseums erschienen. Dort gibt es regelmässig spannende Storys aus der Vergangenheit. Egal ob Doppelagent, Hochstapler oder Pionier. Egal ob Künstlerin, Herzogin oder Verräterin. Tauche ein in den Zauber der Schweizer Geschichte.

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Fragment aus dem Manuskript für A Portrait of the Artist as a Young Man, ca. 1912-1921. British Library

Trotz dieser Erfolge sollte sich Joyces Schicksal, wie das aller Europäerinnen und Europäer, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 unwiderruflich ändern. Italien unterzeichnete am 26. April 1915 den Vertrag von London und erklärte Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 den Krieg. Da er wusste, dass die Italiener Triest begehrten, und damit rechnete, dass sie ihre Kräfte gegen das österreichische Küstenland und die Krain richten würden, verpfändete Joyce bald alle seine Möbel und floh mit seiner Familie in die Schweiz.

«…wenn man Minestra auf der Bahnhofstras­se verschüt­tet, kann man sie ohne Löffel aufessen…»

James Joyce über die Schweizer Hygiene

Zürich & litera­ri­scher Erfolg

Wladimir Lenin, Tristan Tzara, Jean Arp, Hugo Ball, Albert Einstein – sie alle fanden in Zürich während des Ersten Weltkriegs oder in dessen unmittelbarer Folge Sicherheit. Auch Joyce genoss das pulsierende, fruchtbare kulturelle Milieu der grössten Schweizer Stadt. Er verkehrte in Bars in ganz Zürich, traf Freunde und machte neue Bekanntschaften im Café Odeon. Als Gourmand genoss Joyce auch seine Besuche im Restaurant Kronenhalle und im Restaurant Weisses Kreuz, allerdings nur, wenn er die finanziellen Mittel dazu hatte. Es überrascht nicht, dass Joyce einen grossen Teil seiner Zeit in der Zentralbibliothek Zürich verbrachte. Aus den Bibliotheksunterlagen geht hervor, dass er Bücher über die antike griechische Literatur und Geschichte konsultierte und auslieh, vermutlich um Ulysses zu schreiben. In seiner freien Zeit stillte Joyce seinen Durst nach englischen Zeitschriften und Theaterstücken, indem er die Museumsgesellschaft und das Kaufleuten-Theater besuchte.

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Postkarte mit dem Café Odeon, Datum unbekannt. Baugeschichtliches Archiv, Stadt Zürich

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Restaurant Weisses Kreuz an der Seefeldstrasse, Fotografie von Friedrich Ruef-Hirt, 1905-1910. Baugeschichtliches Archiv, Stadt Zürich

Es ist auch bekannt, dass ihn die Zürcher Augustinerkirche am Münzplatz – die die päpstliche Unfehlbarkeit ablehnte – sehr amüsierte. Sein Lieblingsplatz in Zürich lag jedoch am Zusammenfluss von Sihl und Limmat im Platzspitz-Park hinter dem Landesmuseum. Es war ein Ort der Ruhe und der Besinnung in einer bewegten Zeit seines Lebens. Auf einer Tafel in der Nähe des Landesmuseums wurde ihm zu Ehren der Buchstabe «i» in «Sihl» und «Limmat» durch «j» ersetzt.

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Kunstwerk von Hannes + Petruschka Vogel, Ljmmat Sjhl: Hommage à James Joyce, 2004, Zürich. Foto: Pietro Mattioli. Stadt Zürich, Kunst im öffentlichen Raum

Joyces Zeit in Zürich war arbeitsreich und rastlos. Obwohl Joyce zunehmend finanzielle Vermächtnisse und Geschenke von Spendern – wie W.B. Yeats, dem Paten der irischen Renaissance in der Literatur – sowie gelegentlich Vergütungen für seine Werke erhielt, zog er viel um, sehr zum Leidwesen von Nora. Aufgrund schwankender finanzieller Verhältnisse bewohnte die Familie Joyce allein im Zürcher Seefeldquartier vier verschiedene Wohnungen. Zwischen 1918 und 1919 wohnte die Familie in zwei weiteren Häusern an der Universitätstrasse im Quartier Oberstrass.

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Im ersten Stock der Universitätstrasse 38 (heute Haldenbachstrasse 12) wohnte Joyce im Jahr 1918 und schrieb fünf Kapitel von Ulysses. Baugeschichtliches Archiv, Stadt Zürich

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James Joyce auf einem Ausflug nach Luzern, mit seiner Frau Nora, Hans Curjel und Carola Giedion-Welcker (von links nach rechts), 1935. KEYSTONE / Zurich James Joyce Foundation / Sigfried Giedion

Ulysses und häufige Besuche in Zürich

Joyce konzentrierte sich während seines Aufenthalts in Zürich auf das Schreiben der ersten Kapitel von Ulysses, obwohl sich seine Sehkraft aufgrund eines Glaukoms und des Grauen Stars verschlechterte. Ulysses, das lose auf Homers Odyssee basiert, schildert die Ereignisse und Interaktionen dreier Dubliner im Laufe eines einzigen Tages im Jahr 1904. Die Art und Weise, in der Homers Epos die Welt der alten Griechen widerspiegelt und interpretiert, faszinierte Joyce. Er versuchte, etwas Ähnliches zu tun, indem er das geschäftige Leben seiner edwardianischen Figuren im frühen zwanzigsten Jahrhundert widerspiegelte und interpretierte. Joyces bahnbrechende literarische Innovationen im Bereich der Erzähltechnik und der stilisierten Sprache haben die Art und Weise, wie Romane geschrieben und genossen werden können, neu definiert.

Ulysses erschien ursprünglich zwischen 1918 und 1920 als Teilausgaben in Zeitschriften. Eine vollständige Ausgabe wurde in Grossbritannien und den Vereinigten Staaten nicht veröffentlicht, da sie als zu vulgär und skandalös wahrgenommen wurde. In Frankreich wurde 1922 eine limitierte Ausgabe von Sylvia Beach veröffentlicht.

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Erste Ausgabe von Ulysses, publiziert von Sylvia Beach, der Besitzerin der Buchhandlung Shakespeare and Company in Paris, 1922. British Library

Erst nach einem Gerichtsverfahren im Jahr 1934 erschien Ulysses schliesslich in den Vereinigten Staaten in gedruckter Form und wurde von vielen Seiten gelobt. Joyce lebte inzwischen wieder in Paris, reiste aber häufig nach Zürich, um sich einer Augenoperation zu unterziehen und seine Tochter Lucia psychologisch zu behandeln. Während seiner Besuche schrieb er weiter - mehrere Kapitel von Finnegans Wake entstanden in den Hotels an der Bahnhofstrasse. Zunehmend geschwächt und gesundheitlich angeschlagen, kehrte Joyce nach dem Fall Frankreichs 1940 in die Schweiz zurück. Geplagt von einer Mischung aus Augenproblemen und einem Zwölffingerdarmgeschwür, starb er am 13. Januar 1941 und wurde auf dem Friedhof Fluntern auf dem Zürichberg begraben. Kurioserweise befindet sich Joyces Grab nicht weit von einem anderen berühmten Autor, dem Nobelpreisträger Elias Canetti.

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Grabmal von James Joyce auf dem Friedhof Fluntern, 1972. Baugeschichtliches Archiv, Stadt Zürich

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