13.11.2020 – Zeitreise | Stadt & Geschichte

Streiten, Fluchen, Prügeln

«Autsch! Himmelstärnewätter!»: Was ein handfester Ehestreit des 17. Jahrhunderts mit modernen Comics verbindet.

In der guten Stube des 17. Jahrhunderts geht es hart zur Sache. Mit grossem Kochlöffel und einem Bratrost bewaffnet, attackieren sich ein Mann und eine Frau, wohl ein Ehepaar, vor heimischer Kulisse. Die Ehefrau hat ihn beim «Kampfarm» gepackt, um die Hiebe mit dem Rost abzufangen, gleichzeitig den Kochlöffel zum Zuschlagen ausholend. Derweil versucht sich der Gatte vom Griff zu befreien und tritt mit dem Fuss nach ihr.

Die Gewalt in Paarbeziehungen, wie auch die Gewalt an Kindern, stellt eine Erscheinungsform der häuslichen Gewalt dar, die damals wie leider auch heute noch grosses menschliches Leid verursachen. Vor diesem Hintergrund ist es daher schwierig, dieser problematischen Thematik ein komisches Element abzugewinnen, wie es wohl auf diesem runden Gebäckmodel gegen Ende des 17. Jahrhunderts inszeniert wurde. Denn die Darstellung selbst und dazu ein kleines Detail zeigen, dass diese Gewaltszene um 1700 eher als «humorvolle» Ermahnung zum friedvollen Zusammenleben von Eheleuten geschaffen worden ist.

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Rundes Gebäckmodel aus Holz mit einem handfesten Ehestreit, um 1690. (Foto: Schweizerisches Nationalmuseum)

Bei Hochzeiten wurde auch bildlich zum Frieden ermahnt.

Das Ausformen von Gebäckspeisen, wie Lebkuchen oder Anisplätzchen, hat in der Schweiz seit dem 15. Jahrhundert Tradition. So wurden beispielsweise zu hohen Festtagen die Mahlzeiten mit figürlich dekoriertem Gebäck ergänzt, welche thematisch das Fest untermalten. An Taufen und Hochzeiten wurden Glückwünsche, Hoffnungen und eben auch Ermahnungen mit modellierten Süssspeisen übermittelt. Bei Hochzeiten wurden neben den Themen Liebe, Kindersegen und Eheglück auch bildlich zum Frieden ermahnt. Die Verbindung zwischen Mann und Frau sollte als Gemeinschaft gelebt werden und nicht, wie auf dem oben erwähnten Gebäckmodel dargestellt, in einem «Ehekrieg» enden.

Kooperation

Dieser Artikel ist ursprünglich auf dem Blog des Landesmuseums erschienen. Dort gibt es regelmässig spannende Storys aus der Vergangenheit. Zum Beispiel «Männer­ty­pen auf dem Rasen».

Dass ein handfester Ehestreit im 17. Jahrhundert als «spassig» und gleichzeitig als Mahnung gelten kann, fusst gerade in der damaligen Auffassung des Ehelebens zwischen Mann und Frau. Mit der Reformation wurde das öffentliche, das religiöse wie auch das private Leben teilweise neu geregelt. Dabei wurde die Lebenswelt klar auf die patriarchalische Ordnung ausgerichtet, gesetzlich verankert und zunehmend staatlich überwacht. Einfach gesagt ergibt sich folgende Weltordnung: Wie Gottvater über die Menschheit thront, so untersteht das Volk der Obrigkeit (Patrizier) und der Hausvater (Pater familias) herrscht über die Familie und das Gesinde. In diesem Sinne wurde dem Ehemann die «gerechte» Herrschaft über die Familie übertragen, in die sich die Ehefrau unterzuordnen hatte. Diese «Männerherrschaft» umfasste auch die Disziplinargewalt, welche es dem Ehemann erlaubte, unter anderem auch mit Schlägen «korrigierend» auf das Verhalten und die Lebensweise seiner Frau einzuwirken.

Gleiches galt nicht für die Frau. Somit mochte diese Ehestreit-Szene, neben der Ermahnung, für den damaligen Betrachter auch eine erheiternde Funktion gehabt haben: Ein Mann, ein Wüterich, der versucht, seinen Machtanspruch mit Schlägen durchzusetzen und dabei Gleiches von seiner Frau vergolten bekommt, wurde als Witzfigur betrachtet.

Kann es sich bei diesem Stern um eben eine solche Bildformel handeln?

Ein kleines Detail in der Darstellung verdient besondere Aufmerksamkeit. Es handelt sich um den kleinen fünfstrahligen Stern, welcher auf Augenhöhe der Frau abgebildet ist. Es könnte sich hier um ein mimetisches, also nachahmendes, Piktogramm handeln, womit auf den inneren Zustand der Person verwiesen wird. Die Interpretation des Sterns als «Zustandspiktogramm» in solchen Szenen ist heute stark geprägt durch die Verwendung dieses Zeichens in Comics und Trickfilmen. So wird das Symbol zum Beispiel in Cartoons mit Schmerz oder Trunkenheit verbunden. Man sieht Sternchen. Kann es sich bei diesem Stern um eben eine solche Bildformel handeln? Die bildende Kunst des Mittelalters und der Neuzeit hielt den Schmerz in Mimik und Gestik, aber auch in der Abbildung physischer Auswirkungen von Traumata fest, etwa durch zugefügte Wunden oder Verletzungen.

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Zwei Frauen verprügeln einen Mönch, eine Federzeichnung von 1521. Urs Graf (1485 – 1527/28) verbildlichte hier den Schmerz des Mönchs durch Mimik und eine klaffende Kopfwunde. (Foto Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Amerbach-Kabinett 1662, Inv. U.X.92)

Das Hinzufügen eines Sterns als Zeichen des Schmerzes würde sich mit der eher «humorvollen» Inszenierung der Tätlichkeiten auf dem Gebäckmodel verbinden lassen. Eine andere Sichtweise könnte auch auf eine weitere Gefühlsregung der Frau hinweisen: Sie ist «stärndonnerswild». Dieses Adjektiv ist laut dem Schweizerischen Idiotikon in der Schweiz im 17. Jahrhundert nachzuweisen.

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Beispiel für die Verwendung des Sterns als «Schmerzpiktogramm» bei «Popeye the sailor» von E.C. Segar 1933.

Eine weitere Auslegung des Sterns könnte auch ein Hinweis auf einen ausgestossenen Fluch sein. So waren und sind Kraftausdrücke wie «Himmelheiligstärnewält!» oder «Stärnedonnerwätter!» gängige Flüche, wie das Idiotikon erklärt. Unbotmässiges Fluchen wurde durch die Obrigkeit geahndet. Zudem war es sicherlich unschicklich, auf einem Süssgebäck, welches anlässlich eines Festes wie einer Hochzeit kredenzt wurde, einen solchen verbalen Ausfall anzubringen. Auch hier lassen sich Kraftausdrücke in Comics zum Vergleich heranziehen. Wüste Flüche werden in diesem Medium oft durch kodierte Zeichenfolgen abgebildet, besonders wenn diese auch an Kinder und Jugendliche adressiert sind. Aus ähnlichen Gründen könnte sich der Schnitzer des Holzmodels auf das Piktogramm beschränkt und die Interpretation dem kundigen Betrachter des 17. Jahrhunderts überlassen haben.