10.03.2021 – Essen & Trinken

Die vegane Hauptstadt

Pflanzlicher Delikatessenladen, vegane Burger, ei- und milchfreie Bäckerei: Zürich scheint immer veganer zu werden. Laut Umfragen liegt die Stadt bei pflanzlichen Ersatzprodukten ganz vorne – nicht erst seit der «Veganuary»-Kampagne. Ist das ein Hype, der schnell vorbei sein wird? Die Trendforschung widerspricht: Pflanzliche Produkte haben Zukunft.

Anfang Jahr war die Werbung auf Plakatwänden und in Trams zu sehen: «Probier’s vegan diesen Januar», stand dort. Die Kampagne lief nicht nur in Zürich – und nicht nur in der Schweiz. In 192 Ländern fand der «Veganuary» statt. Die jährliche Kampagne fordert die Menschen auf, im ersten Monat des Jahres vegan zu leben. Und bestenfalls dabei zu bleiben. 2019 sei das bei über zwei Dritteln der Teilnehmenden der Fall gewesen, so die britische Organisation.

Nicht, dass Veganismus in Zürich neu wäre: In den vergangenen Jahren öffneten gleich zwei Handvoll vegane Gastronomiebetriebe ihre Tore, vom Foodtruck bis zum Spitzenrestaurant, vom Burgerladen bis zur Bäckerei. Die Zahl der veganen Food-Festivals Zürichs wuchs mit jedem Jahr. Vergangenen Januar kamen die besagten Veganuary-Plakate hinzu, begleitet von ähnlichen Kampagnen seitens der grossen Supermärkte.

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«Es ist ein gesellschaftlicher Wandel»

Laura Lombardini

Das Ausmass des Schweizer Veganuary 2021 hat dabei selbst seine eigenen Initiant*innen überrascht. «Wir waren selbst erstaunt, wie der Veganuary einschlug», erzählt Laura Lombardini. Sie ist die Geschäftsleiterin der Veganen Gesellschaft Schweiz, die die Kampagne hierzulande durchführte. «Vor einem Jahr, als wir die Kampagne zum ersten Mal durchführten, waren sich manche Detailhändler, mit denen wir zusammenarbeiteten, noch unsicher, ob es sich lohnt, mitzumachen. Diesen Januar haben sie sogar uns geflasht damit, zu welcher Grösse sie es gebracht haben.» Bis vor wenigen Jahren sei sie noch öfters gefragt worden, ob Veganismus ein Trend sei. «Heute hören wir die Frage weniger. Es ist kein Trend, sondern ein gesellschaftlicher Wandel», sagt Laura.

Zürich ist die vegane Hauptstadt der Schweiz.

Die Bewegung weg von Tierprodukten bestätigt der kürzlich erstmals publizierte «Plant Based Food Report» von Coop. Dieser betont das Konsumverhalten der Leute, die gelegentlich bewusst auf Tierprodukte verzichten – sogenannte Flexitarier. Alleine ihre Zahl ist um 15 Prozent gestiegen. Dabei spielt Zürich eine tragende Rolle: Die Stadt ist auf Platz 1, was den Konsum von Fleischersatz, Milch- und Joghurt-Alternativen betrifft. Nur im Bereich der Käse-Alternativen landete Zürich auf dem zweiten Platz; den ersten besetzt Luzern.

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Tierische Produkte durch pflanzliche Lebensmittel ersetzen: ein unaufhaltsamer Trend? Vor einem Jahr noch kommunizierte der Branchenverband Proviande: «Gesellschaftliche Themen wie der zunehmende Tierschutzaktivismus und die aktuellen Klimadiskussionen […] verstärken den Trend zu einer Ernährung mit weniger oder ganz ohne Fleisch. Zudem ist es heute einfach, sich fleischlos und trotzdem kulinarisch abwechslungsreich zu ernähren.» Ein Jahr später liess der Branchenverband hingegen verlauten, der Fleischkonsum der Schweizer*innen sei ungebrochen. Stagniert der Veganismus? Verschwindet er zurück in seine Nische?

Noch gibt es wenig konsequente Veganer*innen.

Trendforscherin Christine Schäfer geht davon aus, dass pflanzliche Ernährung beständig bleiben wird. «Die vegane Ernährung bewegt sich mit grossen Schritten in Richtung Mainstream.» Die Trendforscherin vom Gottlieb Duttweiler Institut, zu deren Fokus der Bereich Food gehört, beobachtet den Wandel seit mehreren Jahren. «Ersatzprodukte sind prominenter in den Läden und immer mehr Gastronom*innen bieten vegane Alternativen an.» Eine weitere Möglichkeit, den Trend einzuschätzen, seien Investitionen: «Das Geld von Investor*innen fliesst vermehrt in pflanzliche Ersatzprodukte. Das ist ein starkes Signal. Auch die Lebensmittelgiganten wittern das Geschäft und investieren.» Zudem weist laut Schäfer eine weitere Entwicklung darauf hin, dass veganes Essen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist: Fast Food. «Die meisten grossen Ketten haben begonnen, pflanzliche Alternativen in ihr Sortiment aufzunehmen. Auch hier will man zunehmend Flexitarier ansprechen.» Und der konsequente Veganismus? Laut Umfragewerten noch immer eine Nische, sagt die Trendforscherin. «Aber ein Umdenken findet statt.»

Diese veganen Pop-ups findest du aktuell in Zürich:

Vee Cheese, LangstrassenKultur, Langstrasse 113a, bis 11.3., Website
Bakery Bakery, Löwenhalle Hauptbahnhof, bis 29.4., Website
Momobil (Momos), Löwenhalle Hauptbahnhof, bis 29.4., Website
An Chay, Sihlfeldstr. 49, bis 26.3., Website