13.11.2018 – Storys & Specials

Der Stadtwanderer isst Tscholent

Text: Beni Frenkel

Dort, wo früher die Autos durch Zürich brausten, steht heute die Zeit still. Ein Koscherladen und eine Synagoge verwandeln die Weststrasse schon fast in ein altes polnisches Schtetl. Tipp der Woche: Tscholent essen und den Menschen zugucken.

Am Donnerstag bin ich in den jüdischen Einkaufsladen Koscher City gegangen. Da gibt es nämlich heissen Tscholent zum Mitnehmen. Der grosse Suppentopf ist gleich neben der Kasse. Tscholent, das ist eine ostjüdische Mahlzeit, die vor allem aus Bohnen besteht. Es gibt zwei Lager im Judentum: Die einen lieben Tscholent, die anderen sitzen nach der Mahlzeit drei Stunden auf dem Klo.

Vor dem Suppentopf steht ein alter Rabbi. Er schöpft sich von der zähflüssigen Suppe in einen kleinen Plastikteller. Dann beginnt er zu essen. Natürlich verbrennt er sich die Zunge. Er jammert laut. Ich gucke hilflos im Laden herum. Kein Erster-Hilfe-Koffer in Sicht. Ich sehe nur einen anderen Rabbi, aber der ist jung.

Der junge Rabbi beginnt zu klatschen und zu tanzen, derweil der alte Rabbi stöhnt. Noch nie habe ich so etwas Bizarres gesehen.

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Der junge Rabbi ist Kassierer. Durch den Lautsprecher schallt jüdische Musik. Es hört sich an wie Peter Alexander aus den frühen 1980er-Jahren. Halt einfach jüdisch. Der junge Rabbi beginnt zu klatschen und zu tanzen, derweil der alte Rabbi stöhnt. Noch nie habe ich so etwas Bizarres gesehen.

Ich verlasse diese Szenerie und gehe durch den Laden. In den Regalen liegen Süssigkeiten in allen Farben. Ganz hinten im Geschäft finde ich ein Salatdressing von Knorr. Aber nur «Knorr» ist in lateinischen Buchstaben angeschrieben, alles andere auf Hebräisch. Im Koscher City wird auch Thunfisch verkauft. Und zwar in der XXXL-Ausführung: eine 1,8-Kilogramm-Dose. 1,8 Kilogramm Thunfisch? Wer isst das? Vielleicht eine Familie mit zehn Kindern.

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Ich staune: Sie kriegen in wenigen Minuten ein Bündel Noten. Plötzlich starren sie mich an. Ich verschwinde wieder in den Laden.

Ich trete kurz aus dem Laden heraus. Vis-à-vis des Koscher City befindet sich eine Synagoge. Männer in langen Bärten eilen von der Synagoge in den Koscher-Laden oder umgekehrt. Die Weststrasse, früher die inoffizielle Autobahn von Zürich, ist zahm geworden. Die Weststrasse ist wie ein Tyrannosaurus, der jetzt friedlich auf dem Sofa schnurrt. Nur selten fährt hier ein Auto durch. Die Velofahrer kurven um die Passanten und Rabbiner und fluchen.

Vor allem wegen zwei Bettlern fluchen sie. Der eine trägt einen roten Bart, der andere einen silbergrauen. Sie halten jeden auf und zeigen auf ein Papier. Da steht wahrscheinlich, dass sie Geld benötigen. Ich staune: Sie kriegen in wenigen Minuten ein Bündel Noten. Plötzlich starren sie mich an. Ich verschwinde wieder in den Laden.

Da steht immer noch der alte Rabbi. Er hat sich nochmals einen Teller Tscholent genommen. Und der junge Rabbi? Der vertieft sich in ein jüdisches Buch. Ich warte eine weitere Minute, bis der Suppentopf endlich mir gehört. Dann fülle ich mir den Teller voll. Es dampft herrlich. Ich bin eigentlich so erzogen worden, dass man zuerst bezahlt und dann erst isst. Aber wie der alte Rabbi kann auch ich mich nicht zurückhalten – und verbrenne mir die Zunge.

Adresse

Koscher City
Weststrasse 115
8003 Zürich

Öffnungszeiten

Montag bis Mittwoch, 7.30–19 Uhr
Donnerstag, 7.30–22 Uhr
Freitag, 7.30–13 Uhr
Sonntag, 9–12 Uhr