10.10.2020 – Trends & Shopping | Menschen & Leben

«Eigentlich bin ich ein zurückhaltender Mensch»

Interview: Eva Hediger Fotos: Jasmin Frei

Sara Streule ist Fashion Bloggerin und Creative Director. Mit ihren bunten Outfits und pinken Haaren fällt sie in Zürich auf. «Viele sprechen mich zuerst auf Englisch an», sagt Sara und lacht. «Die Leute gehen wegen meines Styles automatisch davon aus, dass ich nicht hier lebe.» Mit uns hat die 36-Jährige über Mode, Selbstbewusstsein und Trendteile gesprochen.

Die Mehrzahl der Zürcher*innen trägt zurückhaltende Kleidung. Du nicht.

Die meisten Leute hier wollen nicht auffallen. Wenn mich jemand wegen meines Outfits anspricht, ermuntere ich die Person immer dazu, sich ebenfalls mutiger zu kleiden. Aber natürlich polarisiert man damit auch – das ist nicht unbedingt schweizerisch.

Du hast eine Weile in London gelebt, bist dann aber nach Zürich zurückgekehrt.

Genau – und erlitt einen Kulturschock. Auch weil ich vergessen hatte, wie distanziert Zürcher*innen sein können. Doch mittlerweile fühle ich mich hier wieder völlig zu Hause.

«Ich bin ein Shopping Addict.»

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Ist es dir schwergefallen, Kontakte zu knüpfen?

Ja. Das lag vermutlich auch daran, dass ich eigentlich eher ein zurückhaltender Mensch bin. Das erstaunt viele, weil ich mich ja so auffällig kleide. Doch ich kann gar nicht anders.

Wie meinst du das?

Mode ist für mich Ausdrucksform und Kommunikation. Bereits als Kind habe ich gemerkt: Ich kann mich der Masse anpassen und unglücklich werden. Oder ich kann so sein, wie ich es möchte.

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Ziemlich selbstbewusst.

Ja, vielleicht. Ich bin in einem kleinen Dorf in der Ostschweiz aufgewachsen. Es gab nebst dem Lebensmittelladen und der Bäckerei keine Einkaufsmöglichkeit. Ich glaube, dass mir das half, auf mich selber zu hören – und meinem Stil mehr zu vertrauen als Trends.

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Wie hast du Mode entdeckt?

Manchmal sind wir in die nächste Stadt gefahren. Und ich bin mit meinen Eltern oft und weit gereist. Schon als Zehnjährige habe ich China, Singapur und Bali besucht, und auch in Ägypten habe ich viel Zeit verbracht. Von diesen Reisen habe ich immer Kleidungsstücke und Accessoires mit nach Hause gebracht. Meine Mitschüler*innen sagten früh: «Sara ist immer so speziell angezogen.» Als Teenager hatte ich beispielsweise eine Goth-Phase. Ich trug immer Schwarz und ein Korsett.

Und heute?

Mein Stil entwickelt sich immer weiter – auch weil ich viel über Mode lese und Ausstellungen besuche. Mit meinem Budget ist auch mein Kleiderfundus gewachsen. Verglichen mit anderen gebe ich relativ viel Geld für Mode aus. Doch mein Schrank ist auch mein Tagebuch: Ich habe zu jedem Stück eine Geschichte zu erzählen.

«Mein Schrank ist auch mein Tagebuch.»

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Kannst du dich gut von Teilen trennen?

Ja, denn es ist mir wichtig, dass meine Sammlung nicht ausufert und dass ich alles zügig finde. Ich kuratiere quasi meinen Kleiderschrank.

Und wo findest du neue Stücke?

Das ist sehr unterschiedlich. Da ich ja auch Fashion Bloggerin bin, schicken mir einige Labels ihre Waren zu. Das ist natürlich sehr cool. Ich bin aber auch ein Shopping Addict und stöbere oft im Internet. Vor allem Secondhand-Stücke von bekannten Labels finde ich so. Manchmal jage ich ein bestimmtes Stück richtig.

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Sind dir Markennamen wichtig?

Nein. Aber ich bin ein grosser Fan von Moschino – sowohl von den neuen als auch von den alten Kollektionen. Ich unterstütze auch gerne junge Designer*innen. Mein Bewusstsein für nachhaltige Produktion ist in den letzten Jahren gestiegen. Deshalb versuche ich, gewisse Geschäfte zu meiden.

Denkst du über eine eigene Kollektion nach?

Immer wieder ... Doch eigentlich style ich lieber, als dass ich designe. Vor allem, weil ich so viele junge Modemacher*innen kenne, die wirklich viel Talent haben. Eine von ihnen hat mir letztes Jahr eine Kollektion gewidmet. Das war wie ein Ritterschlag.

«Mode bedeutet für mich auch Selbstliebe.»

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Glaubst du, dass du irgendwann die Freude an der Mode verlieren wirst?

Nein. Vielleicht kann ich mit 80 Jahren aus gesundheitlichen Gründen keine hohen Schuhe mehr tragen. Aber Mode bedeutet für mich auch Selbstliebe: Ich nehme mir Zeit für mich. Jeden Abend lege ich mir das Outfit für den nächsten Tag parat – bis ins kleinste Detail. Den passenden Sonnenschirm oder Ohrringe zu finden, macht mir Spass.

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Ist es dir nie zu viel?

Überhaupt nicht. Einige sagen: «Bei mir selbst sähe das aus wie eine Verkleidung, aber zu dir passt es einfach.» Das finde ich ein unglaublich schönes Feedback: Offenbar spüren diese Menschen, dass mein Äusseres genau meiner Persönlichkeit entspricht.

Dieser Artikel ist nicht gratis.


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