22.06.2021 – Menschen & Leben

«Ich bekomme weder Lohn noch Taschengeld»

Zürcher*innen mit besonderen Berufen: Irene Gassmann ist Priorin im Kloster Fahr, nahe dem Zürcher Stadtrand. Ihr Leben als Benediktinerin spielt sich innerhalb der fast 900 Jahre alten Klostermauern ab. Dass die Schwestern ein Nachwuchsproblem haben, stellt die Priorin vor Herausforderungen, die sie mit kreativen Strategien meistert. Allerdings hadert die Feministin damit, dass sich die katholische Kirche mit der Gleichstellung schwertut.

Ich treffe Irene Gassmann via Online-Meeting. Sie sitzt in einem grossen Büro – ihrem Priorat – im Kloster Fahr. Seit rund 35 Jahren lebt sie hier und seit 18 Jahren leitet sie als Priorin die Schwesterngemeinschaft. Irene ist eine fröhliche Frau, aufgeschlossen für Neues und überlegt in ihren Antworten.

Als Benediktinerin folgt Irene der beinahe 1500 Jahre alten Regel des heiligen Benedikt von Nursia. Ihr Tag beginnt um 5.30 Uhr und ist durch Arbeits-, Gebets- und Lesungseinheiten klar strukturiert. Die Arbeitseinheiten erinnern fast an die einer Geschäftsführerin.

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«Ich bin für die Schwestern verantwortlich.»

«Ich habe oft Sitzungen mit meiner Assistentin, der Verwaltung oder der Buchhaltung. Priorin zu sein betrachte ich allerdings nicht als Beruf, sondern eher als Dienst an der Gemeinschaft. Ich bin zudem dafür verantwortlich, dass es den Schwestern gut geht und sich jede voll entfalten kann.»

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Mit 56 Jahren ist Priorin Irene das jüngste Vollmitglied des Benediktinerinnenklosters. Die Hälfte der insgesamt 20 Schwestern ist bereits über 80 Jahre alt. Seit einem Jahr lässt sich zudem eine Novizin, also eine angehende Nonne, ins Klosterleben einführen. Trotzdem: Es fehlt an Nachwuchs. Und damit auch an jungen Schwestern, die das Kloster in die Zukunft führen würden. Deshalb und weil das Kloster finanziell auf eigenen Beinen stehen muss, hat die Priorin vor fünf Jahren einen Strategieprozess in Gang gesetzt.

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«Wir bieten Frauen Ruhe.»

«Bisher betrieben wir unseren Bauernhof, das Restaurant und den Weinbau selber und beschäftigten insgesamt 40 Angestellte. Weil wir dies aufgrund unseres Alters aber nicht mehr stemmen können, haben wir die Betriebe verpachtet und den Weinbau mit dem Kloster Einsiedeln fusioniert. Zudem werden wir uns künftig noch stärker auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren: auf das Beten und die Gastfreundschaft. Wir bieten Ruhe suchenden Frauen an, für einige Zeit mit uns im Kloster zu leben. Leider fiel dieses Angebot wegen der Pandemie in den letzten Monaten weg. Aber vor Corona war die Nachfrage riesig. Das liegt unter anderem daran, dass sich viele Frauen lieber an weibliche Kirchenpersonen wenden, diese aber in den Gemeinden schwer zu finden sind.»

Den Wunsch, Nonne zu werden, hatte Irene Gassmann bereits im Alter von 21 Jahren. Damals besuchte sie für ein halbes Jahr die Bäuerinnenschule, die vom Kloster als Internat betrieben wurde.

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«Man darf nicht auf Zeichen warten.»

«Im Internat erlebte ich hautnah mit, was es heisst, Nonne zu sein, und ich spürte, dass ich hier meine Sehnsucht stillen konnte. Denn einerseits wollte ich damals als Bäuerin arbeiten und gleichzeitig viel Zeit für Gott haben. Ich merkte, dass ich im Kloster beides haben konnte. Diese Entscheidung war für mich ein grosser Schritt und ich war überzeugt, dass ich dafür eine Stimme hören musste. So bat ich Gott, mir ein Zeichen zu schicken. Aber das tat er nicht. Irgendwann hatte ich keine Geduld mehr zu warten und fasste den Entschluss, trotzdem ins Kloster zu gehen. Heute weiss ich, dass man nicht auf Zeichen warten, sondern Entscheidungen selber treffen muss.»

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«Wir erhalten eigentlich nur Geld, wenn wir uns etwas kaufen müssen, Schuhe zum Beispiel, oder wenn wir in die Ferien fahren.»

Nach ihrem Eintritt ins Kloster absolvierte Irene Gassmann eine Ausbildung als Hauswirtschaftslehrerin und übernahm danach für zehn Jahre die Leitung der Bäuerinnenschule, die später eingestellt wurde. 2003 wählten sie die Schwestern zur Priorin.

«Wir Schwestern bekommen für die Arbeit weder Lohn noch Taschengeld. Das brauchen wir auch gar nicht. Für Krankenkasse, Versicherung, Kleider und Körperpflegemittel ist gesorgt. Wir erhalten eigentlich nur Geld, wenn wir uns etwas kaufen müssen, Schuhe zum Beispiel, oder wenn wir in die Ferien fahren. Dieses Jahr verbringe ich meine Ferien mit zwei Freundinnen im Wallis. Ich freue mich darauf, einen anderen Rhythmus zu leben und mit anderen Menschen zusammen zu sein. Wir werden wohl wandern, faulenzen und vielleicht eine Ausstellung besuchen. Bestimmt werden wir aber viele spannende Gespräche führen.»

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«Es ist unverständlich, dass Menschen von kirchlichen Diensten ausgeschlossen werden, nur weil sie weiblich sind.»

Es ist nicht übertrieben, Priorin Irene als Feministin zu bezeichnen. Angefangen hat ihr Interesse an diesen Anliegen 2016, als sie mit anderen Frauen für das Projekt «Eine Kirche mit den Frauen» nach Rom pilgerte, um für die Gleichheit in der Kirche zu kämpfen.

«Wir stehen dafür ein, dass Frauen auch in der Kirche Leitungsfunktionen übernehmen und mitbestimmen können. Ich muss allerdings gestehen, dass ich in der letzten Zeit keine Kraft mehr hatte, weiterzukämpfen, da sich diesbezüglich absolut nichts verändert. Ich akzeptiere die Argumente der Gleichstellungsgegner nicht, die nicht einsehen, dass vor 2000 Jahren die Welt eine andere war. Es ist einfach unverständlich, dass Menschen von kirchlichen Aufgaben ausgeschlossen werden, nur weil sie weiblich sind.»

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