09.09.2020 – Trends & Shopping | Menschen & Leben

«Ich breche Tabus»

Bürgerlich heisst sie Maryli Maura Herz-Marconi. Doch die meisten Zürcher*innen kennen die Sängerin und Schauspielerin unter ihrem Künstlernamen La Lupa. Die gebürtige Tessinerin kleidet sich auch abseits der Bühne extravagant. Wir haben mit La Lupa über Mode, Schönheit und die Bahnhofstrasse gesprochen.

La Lupa, wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Er ist ganz sicher extravagant. Aber er entspricht zu hundert Prozent meinem persönlichen Geschmack und keinem anderen Trend.

image
image
image

Mit deinen bunten Kleidern und Hüten fällst du in Zürich auf. Gefällt dir das?

Ich kleide mich nicht deswegen so. Ich mache es für mein Verständnis von Schönheit. Jeder hat diesbezüglich seine ganz eigene Meinung. Aber jeder sollte dieses Schönheitsbewusstsein pflegen und sich damit auseinandersetzen. Wie schon Dostojewski gesagt hat, wird die Schönheit die Welt retten.

Glaubst du das?

Die Schönheit in allem wird die Welt retten. Auch jene in meinen Stücken, wo ich Gesang, Sprache und meine Bühnenkostüme miteinander verbinde. Sie zeigen meine ganz persönliche Idee von Schönheit. Würden sie hässlich sein, würde ich die Welt, deren Teil ich doch bin, auch ein klein wenig hässlicher machen. Und das versuche ich tunlichst zu vermeiden.

image
image

«Was ich vor Jahrzehnten getragen habe, ist heute Mode.»

Hattest du dieses Verständnis für Mode und Schönheit schon immer?

Das hat sich natürlich mit den Jahren weiterentwickelt. Vor allem wenn man jung ist, weiss man noch nicht, was einem gefällt oder was einem steht. Ich hatte aber bereits als junges Mädchen ein Auge für solche Sachen. Zum Beispiel habe ich schon sehr früh meine Haare im Sommer hochgebunden und ein buntes Tuch durchgeflochten. Damals war ich die Einzige, heute ist es ein Trend.

Anzeige

Was hältst du von Trends?

Nicht sehr viel. Alle sollten doch ihren eigenen persönlichen Geschmack ausleben dürfen. Wenn die Gesellschaft vorgibt, was gerade schön ist, dann denken Menschen, sie hätten einen guten Geschmack, weil sie das tragen, was gerade alle tragen – unabhängig davon, ob es ihnen steht, ob sie die richtige Figur dazu haben oder ob es tatsächlich schön ist.

image
image

Du kaufst also nie etwas, weil es gerade in ist?

Ich kaufe gar keine Kleidung. Nur Stoffe, aus denen meine Schneiderin mir dann Kleider fertigt. Diese entsprechen meinem persönlichen Geschmack und stehen mir. In irgendeiner Luxusboutique würde ich doch sowieso nie etwas in meiner Grösse finden. Die Kleider dort sind für junge, schlanke Frauen gemacht – und deshalb meint jede Frau, diese Figur haben zu müssen, um dieses Kleid tragen zu dürfen. Das ist doch verrückt.

image
image

Was hältst du von Zürich als Modestadt?

Ich denke, dass es sehr viele extrem teure Läden gibt, die auch viele hässliche Sachen verkaufen. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man da einkaufen will und kann.

«Man kann sich auch sehr günstig extravagant kleiden.»

image

Viele Menschen halten teure Designerware automatisch für schön.

Ja, das ist ein grosser Trugschluss. Vor allem Menschen ohne Geschmack glauben das. Sie kaufen vielleicht per Zufall ab und zu mal schöne Sachen. Aber nicht, weil sie sie wollen, sondern weil sie meinen, wenn es teuer sei, könne es nur schön sein.

image

Man kann sich also auch günstig extravagant kleiden?

Auf jeden Fall. Vor allem, wenn man jung ist und ein wenig Geschmack hat, geht das sehr einfach. Aber Achtung: Ein Kleid alleine reicht da nicht, es muss schon clever kombiniert werden. Hut, Schmuck, Schuhe und Tasche müssen passen. Und dabei sind vor allem die kleinen Details, die Accessoires wichtig. Die sind nämlich meistens der feine Unterschied zwischen einem «Wow, ist das ein schönes Kleid» und einem «Wow, sieht das alles schön aus». Aber um sich so zu kleiden, muss man nicht viel Geld aus dem Fenster werfen, im Gegenteil.

Du hast gerade Hüte angesprochen. Sie sind dein Markenzeichen. Wie viele besitzt du?

Etwa 200. Ich finde, dass der Hut das vielleicht wichtigste Accessoire ist. Auch bei Männern. Hüte sagen viel aus und verleihen dem Gang und der Körperhaltung eine gewisse Eleganz.

image
image
image

«Es braucht keinen Mut, sich so zu kleiden.»

Wie häufig wirst du auf deinen Stil angesprochen?

Immer wieder. Entweder, weil die Leute amüsiert sind oder weil es ihnen tatsächlich gefällt. Wirklich kritisiert werde ich nur sehr selten. Gerade ältere Menschen sind oft begeistert von meiner Art, mich zu kleiden. Ich höre dann immer wieder den gleichen Satz: dass ich mutig sei, mich so anzuziehen. Dann antworte ich stets, dass dies rein gar nichts mit Mut zu tun hat. Mut ist auf einer ganz anderen Stufe. Wovor sollte ich denn Angst haben, wenn ich mich einfach so kleide, wie es mir am besten gefällt? Was kann mir Schlimmes dabei passieren?

image

Freust du dich über solche Bemerkungen von Fremden oder stören sie dich?

Ich bin froh, wenn ich Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Egal wie. Ich glaube auch, dass viele merken, dass es in Ordnung ist, wenn man dem eigenen persönlichen Geschmack folgt. Ich breche einfach an ihrer Stelle deren Tabus und hoffe, ihnen damit einen Anstoss zu geben.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

hellozurich steht für eine vielfältige und tolerante Stadt. Wir erzählen Geschichten von Menschen und Orten, die Zürich prägen. Unser Engagement kostet Geld. Als unabhängiges Magazin sind wir auf deine Hilfe angewiesen.

Unterstütze uns ab 8 Franken pro Monat und erhalte als Supporter den hellozurichPass. Mit unseren Partnern offerieren wir dir über 200 exklusive Vorteile.