22.09.2020 – Trends & Shopping | Menschen & Leben

«Wenn ich mich wie andere Leute anziehe, fühle ich mich verkleidet»

Interview: Eva Hediger Fotos: Jasmin Frei

Als Journalistin schreibt Julia Marx über aktuelle Filme. Stilinspiration holt sich die gebürtige Münchnerin aber von den alten Diven: Die 45-Jährige kleidet sich komplett im Stil der 30er- und 40er-Jahre. Mit uns hat Julia über Wasserwellen, die damalige Weltsicht und Jeans gesprochen.

Julia, seit wann ziehst du dich so retro an?

Relativ konsequent erst seit sechs Jahren. Ich fand die Mode aus den 30ern und 40ern aber schon als ganz kleines Mädchen toll. Als ich die alten Flash-Gordon-Comics meines Vaters anschaute – lesen konnte ich noch nicht –, war ich von den Frisuren und Kleidern der weiblichen Figuren beeindruckt. Ich begriff das damals aber wohl noch nicht als etwas, das aktiv gemacht war.

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Sondern?

Ich ging davon aus, dass die Frauen von Natur aus so ausgesehen haben – und der Look irgendwann wie die Dinosaurier ausstarb. Später hat es mir dann aber gedämmert, dass man sich durchaus auch in der heutigen Zeit noch so stylen kann. Doch das Wissen wird nur noch von wenigen gepflegt: Welcher Coiffeur kann heute noch Wasserwellen legen?

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«Bei einem Kleid muss ich nach jedem Tragen die Nähte flicken.»

Ist die Authentizität sehr wichtig?

Ja, schon. Ich habe einige Kleider von meiner Grossmutter geerbt und mir viele Originalstücke gekauft. Einige sind altersbedingt sehr empfindlich. Bei einem Kleid muss ich beispielsweise nach jedem Tragen die Nähte flicken. Glücklicherweise gibt es auch heute noch Schneiderinnen, die alte Schnittmuster verwenden. Ausserdem gibt es zum Beispiel in Hazel’s Boudoir schöne Reproduktionen zu kaufen. Ich besitze deshalb auch neue Kleider.

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Wo findest du alte Stücke?

Ich bin eigentlich ständig auf der Suche. Ich besuche häufig Flohmärkte und Auflösungen von privaten Haushalten. Manchmal habe ich Glück und finde dort einen tollen Hut oder ein hübsches Accessoire – zum Beispiel ein Ührchen aus den 30ern, das noch funktioniert.

Wohnst du auch im 30er- und 40er-Stil?

Mein Freund und ich bemühen uns darum. Den Grossteil unserer Einrichtung habe ich von meinen Grosseltern geerbt. Sie haben 1936 geheiratet.

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Reizt es dich nie, etwas Modernes zu kaufen?

Nein, weil es mich nicht anspricht. Ausserdem macht es alles viel einfacher, wenn man seinen Stil gefunden hat. Ich muss mich nicht jede Saison fragen, ob mir der aktuelle Trend gefällt oder nicht. Ich trage so etwas wie eine Uniform. Es gibt für mich klare Regeln.

«Dass sich jemand lustig macht, kommt kaum vor.»

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Schlüpfst du nie in Jeans?

Eigentlich nicht. Kürzlich habe ich aber eine Ausnahme gemacht: Ich habe mich als Statistin beworben. Die Vorgabe war, dass man sich unauffällig kleiden soll. Dass ich dafür Jeans angezogen habe, war allerdings ein Fehler. Ich habe mich ziemlich unwohl gefühlt – und die Rolle nicht gekriegt. Eigentlich seltsam: Wenn ich mich wie andere Leute anziehe, fühle ich mich verkleidet. Umgekehrt halten die meisten meine Outfits für eine Kostümierung …

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Wirst du oft angesprochen?

Ja, aber eigentlich immer sehr positiv. Viele finden es toll, wenn ich einen Hut trage. Dass sich jemand lustig macht, kommt kaum vor. Einige fragen mich, ob ich beim Theater arbeite. Was mir auffällt: Viele ordnen einfach alles, was irgendwie altmodisch wirkt, den 50ern zu.

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Auch dein Partner ist ein grosser 30er- und 40er-Jahre-Fan. Zufall?

Es ist halt immer leichter, wenn man die gleiche Leidenschaft hat. Aber natürlich sind unsere Interessen nicht absolut deckungsgleich. Er kann sich sehr für die Technik alter Flugzeuge und Autos begeistern. Das übersteigt irgendwann meine Aufmerksamkeitsspanne.

«Ich wurde auch schon gefragt, ob ich mit Nazis sympthatisiere.»

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Interessiert dich nur die Mode aus dieser Zeit?

Nein, ich möchte schon auch wissen, was damals politisch und gesellschaftlich los war. In der Schweiz waren die 30er natürlich ganz anders als in Deutschland. Dort wurde ich schon mal gefragt, ob ich mit den Nazis sympathisiere. Dabei ist das Jahrzehnt doch so viel mehr! Es ist, als würde man heute sagen: «Wegen Trump finde ich alle amerikanischen Filme schlecht.» Irgendwer hat mal den Ausdruck geprägt: Vintage Style not Vintage Values.

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Wie meinst du das?

Es geht mir um den Stil und nicht um die damalige Weltsicht, auch wenn ich einiges davon übernehme. Zum Beispiel, dass man sich hübsch kleidet und für Gäste den Tisch dekoriert. Aber ich lebe klar in der Gegenwart. Mein Partner und ich führen ein modernes und gleichberechtigtes Leben.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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