16.02.2021 – Menschen & Leben

«Männer suchen sich oft zu spät Hilfe»

Interview: Eva Hediger Fotos: Sarah Ley

Felicitas Heyerick und Oliver Daume wollen für Männer und deren Sorgen da sein. Deshalb lancieren die beiden Zürcher Kulturschaffenden das Hilfsangebot «Männer reden». Ihnen ist aber klar: Ihre Zielgruppe ist alles andere als gesprächig.

Mit «Männer reden» möchtet ihr ein Beratungsangebot für den «heterosexuellen, weissen Cis-Mann» schaffen. Wieso habt ihr euch gerade für diese Zielgruppe entschieden?

Felicitas Heyerick: Es ist uns wichtig zu betonen, dass das Angebot «Männer reden» inklusiv ist. Doch anders als beispielsweise in der LGBTQIA*-Community gibt es für den heterosexuellen, weissen Cis-Mann eben kaum Räume, in denen er ungehemmt reden kann.

Braucht er das überhaupt?

Felicitas: Ganz klar – gerade weil in unserer Gesellschaft oft noch der Glaube besteht, Männer müssten ihre Probleme selbst lösen.
Oliver Daume: Wir Männer wurden so sozialisiert, dass wir denken, keine Schwächen zeigen zu dürfen. Das habe ich bei mir selbst, aber auch in meinem Freundeskreis immer wieder beobachtet.

«Es gibt immer noch unheimlich viele Tabus unter Männern.»

Oliver Daume

Wie denn?

Oliver: Dass Männer nicht weinen sollen, dass sie immer alles im Griff haben müssen und sich nicht beklagen sollen. Es gibt immer noch unheimlich viele Tabus unter Männern – zum Beispiel Beziehungsprobleme oder zu grosser Leistungsdruck.
Felicitas: Uns ist bewusst, dass wir uns nicht gerade die einfachste Zielgruppe ausgewählt haben: Der Mann sucht sich leider oft erst dann Hilfe, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

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Mit welchen Themen kann ein Mann sich an euch wenden?

Oliver: Da sind wir ganz offen – von der unsicheren Jobsituation bis hin zu Schwierigkeiten mit der eigenen Sexualität. Uns ist es wichtig, auch bei vermeintlich kleinen Problemen da zu sein. So, dass sich gar nicht erst zu viel Druck aufbauen kann.
Felicitas: Ohne verallgemeinern zu wollen: Meine Erfahrung zeigt, dass Frauen sich viel früher über ihre Sorgen austauschen. Das erleichtert sie. Wir möchten auch Männern diese Erfahrung ermöglichen – dass ein offenes Ohr sehr viel Druck nehmen kann. Genau das bieten wir an.

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«Der Mensch und seine Geschichte stehen bei uns im Fokus.»

Felicitas Heyerick

Ihr hört euren Klienten also einfach zu?

Felicitas: Wir stellen unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit jenen zur Verfügung, die sie brauchen. Wir sind keine medizinischen oder psychologischen Fachpersonen. Wir kommen beide aus der Kulturbranche und haben mit den verschiedensten Leuten zu tun. Mit Menschen kommunizieren und sie lesen ist also allein von Berufs wegen unsere Stärke.
Oliver: Dass wir keine Fachleute sind, sehen wir nicht als Defizit, im Gegenteil. Männer haben es bei uns einfacher, sie müssen keine Angst haben, sofort irgendeine Diagnose zu erhalten. Es wäre schön, wenn wir die Männer über einen längeren Zeitraum begleiten könnten. Aber natürlich ist auch ein einmaliges Gespräch okay.

Wie habt ihr euch auf diese Coaching-Aufgaben vorbereitet?

Oliver: Wir beschäftigen uns schon seit Jahren mit dem Thema «toxische Männlichkeit». Wir haben viele Bücher gelesen und uns mit Freund*innen und Familien ausgetauscht. Aber natürlich haben wir nicht die perfekte Methode gegen toxische Männlichkeit.
Felicitas: Wir haben einen einfachen Ansatz: Der Mensch und seine Geschichte stehen bei uns im Fokus. Wir sprechen mit den Männern und greifen dabei auf unseren ganz persönlichen Erfahrungsschatz zurück. Eigentlich so, wie man es auch in einer guten Freundschaft macht.

Infos

Mehr Infos über «Männer reden» findest du hier. Die Gespräche werden aktuell am Telefon oder per Zoom geführt. Ausserdem läuft noch bis zum 21. Februar eine Crowdfunding-Kampagne auf Wemakeit. Hier kannst du das Projekt unterstützen.