06.02.2019

«Viele sagen: ‹Hui, dass du das kannst›»

Text: Eva Hediger

Rebekka Vermeer wollte lange Zeit Schauspielerin werden. Heute studiert die Zürcherin Medizin und besucht in ihrer Freizeit als Clownin demente Menschen. Uns hat Rebekka von ihren Begegnungen und den Reaktionen ihres Umfelds erzählt.

Du studierst Medizin. In deiner Freizeit betreibst du das «Humor Dessert» und wirst dabei zur Clownin. Wieso?

Eine so direkte und unmittelbare Wertschätzung und Dankbarkeit der Arbeit erlebt man selten. Und ich war schon immer von Clowns fasziniert – die Auftritte von Dimitri habe ich geliebt! Lange Zeit wollte ich Schauspielerin werden, habe mich schliesslich aber doch für Medizin entschieden. Als ich als Angehörige in einem Pflegeheim war, kamen dort zwei Clowns zu Besuch. Ihre Arbeit gefiel mir so gut, dass ich sie gefragt habe, ob ich sie mal begleiten dürfe. Sie meinten, ich hätte die passende Ausstrahlung dazu, und ich durfte sie schliesslich öfters begleiten. Nach eineinhalb Jahren bin ich das erste Mal alleine aufgetreten.

«Ich spiele auf dem Akkordeon Lieder, die die Anwesenden aus ihrer Jugend kennen. Viele blühen dann richtig auf.»

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Wieso weisst du, wie du mit Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, umgehen musst?

Meine Mutter ist mit 48 Jahren an Alzheimer erkrankt. Ich habe sie begleitet und in dieser Zeit vieles gelernt. Die rationale Ebene wird immer relevanter. Als das Sprachvermögen weiter abnahm, wurde die nonverbale Kommunikation wichtiger. Wir hatten es oft sehr lustig zusammen.

Erlebst du das bei deinen Clown-Besuchen auch so?

Ja. Ich betreibe das «Humor Dessert» mit meiner Freundin Lisa Bögli. Wir zeigen keine einstudierten Nummern. Wir haben einen Koffer mit Requisiten und holen eine nach der anderen hervor. Ich spiele auf dem Akkordeon Lieder, die die Anwesenden aus ihrer Jugend kennen. Viele blühen dann richtig auf. Das ist schön.

«Wir wissen also oft gar nicht so genau, wer unter den Gästen von Demenz betroffen ist. Das ist uns auch nicht wichtig – bei uns darf jeder so sein, wie er ist.»

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Was erhaltet ihr für Feedback?

Das «Humor Dessert» findet ja nicht in den Heimen statt. Wir wissen also oft gar nicht so genau, wer unter den Gästen von Demenz betroffen ist. Das ist uns auch nicht wichtig – bei uns darf jeder so sein, wie er ist. Wir möchten einfach, dass die Betroffenen und ihre Angehörigen einen entspannten Nachmittag verbringen. Eine Frau besucht unsere Veranstaltungen regelmässig. Sie hat beim letzten «Humor Dessert» ständig gesagt, wie sehr sie unsere Nachmittage geniesse. Wir haben das Kompliment zehn Mal lachend angenommen und uns jedes Mal wieder neu darüber gefreut.

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Und die Angehörigen?

Kürzlich sind zwei Schwestern gekommen. Ihr Bruder ist erkrankt, war aber nicht dabei. Sie haben uns gesagt, dass sie viel Inspiration für den Umgang mit ihm sammeln konnten – und sie vermutlich zu hohe Ansprüche an ihn stellen. Sie haben realisiert, dass der Moment zählt und man auch indirekt miteinander in Verbindung treten kann – zum Beispiel durch Musik oder vertraute Gegenstände. Es kommen auch immer wieder Grosseltern mit ihren Kindern und Enkelkindern. Das finde ich sehr schön, mehrere Generationen vereint zu sehen.

«Es muss jeder seinen eigenen Umgang mit der Krankheit finden. Es freut uns aber, wenn jemand vielleicht merkt, was seinen Angehörigen anspricht.»

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Gebt ihr auch konkrete Tipps?

Nein. Es muss jeder seinen eigenen Umgang mit der Krankheit finden. Es freut uns aber, wenn jemand vielleicht merkt, was seinen Angehörigen anspricht. Oder die entspannte Stimmung mitnimmt und in der nächsten Stresssituation etwas gelassener reagiert.

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Ihr habt kürzlich per Crowdfunding Geld gesammelt, euer Ziel aber nicht erreicht. Interessiert sich die Gesellschaft zu wenig für Demenzkranke?

Nicht unbedingt. Demenz ist mit grosser Angst verbunden, deshalb verdrängt man das Thema, und was man verdrängt hat, unterstützt man nicht. Wir haben vermutlich auch zu wenig Werbung für die Kampagne betrieben. Durch sie haben wir aber einige direkte Spenden erhalten. Das «Humor Dessert» ist ein Verein und will sich längerfristig durch Mitgliederbeiträge finanzieren. Ich glaube, dass das möglich ist. Ich merke aber, dass Demenz ein Schreckensgespenst ist. Viele, denen ich von meinem Engagement erzähle, sagen: «Hui, dass du das kannst!»

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Wie reagierst du darauf?

Ich versuche ihnen dann von meinen schönen Erlebnissen zu erzählen. Aber diese sind oft schwierig in Worte zu fassen. Ich habe schon öfters meine interessierten Mitstudenten zu einem Clown-Besuch eingeladen. Sie sind überrascht, wie die Erkrankten plötzlich aufblühen – und bei einem Lied sämtliche Strophen mitsingen können.

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Infos

Die «Humor Desserts» werden unregelmässig jeweils an einem Sonntag zwischen 14.30 und 17 Uhr durchgeführt. Die nächsten drei Anlässe finden am 17. Februar, 17. März und 28. April statt.