11.01.2021 – Essen & Trinken | Gastro-Kolumne

Wie man sein Essen sozialverträglich liefern lässt

Kulinarische Kurierdienste erleben derzeit einen Boom. Von der gelieferten Qualität abgesehen, gibt es bei der Entschädigung der Fahrer*innen Missstände. Ein neuer Service aus Zürich versucht, diese zu beheben und gleichzeitig nachhaltiger beim Verpacken zu sein.

Lieferdienste für warmes Essen aus der Restaurantküche erleben im Zug der Pandemie einen Boom. Leider wird dieser von einer überbordenden Verpackungsflut begleitet. Was im Lokal auf einem Porzellanteller an den Tisch gebracht wird, muss für die Lieferung so verpackt werden, dass es warm bleibt, aber nicht wegen gestautem Dampf feucht und schlapp wird. Es mag möglich sein, diese Verpackungen frei von schädlichen Kunststoffen zu produzieren, aber nicht alle Küchen im Liefergeschäft nehmen diese Mühe und vor allem Kosten auf sich.

Dabbavelo will fairer und nachhaltiger sein.

Ein zweiter Vorbehalt betrifft die Arbeitsverhältnisse der Kuriere. Die meisten sind Teil der Gig-Economy, in der getreu dem von Uber perfektionierten Konzept auf eigenes Risiko gearbeitet wird. Diese Scheinselbstständigkeit gefährdet die Zukunft unseres Sozialsystems. «Es gibt globale Unternehmer, die gemerkt haben, dass sie massiv sparen können, wenn sie nur Selbstständige beschäftigen», schreibt Wirtschaftsjournalist Werner Vontobel auf der linksliberalen Basler Plattform Bajour.ch. Wir bezahlen jedoch auf unserem Lohneinkommen rund 40 Prozent Steuern und Sozialabgaben, um anderen zu helfen, wenn ihre durchschnittlich 38 Jahre im Erwerbsleben abgelaufen sind oder wenn sie gar nicht arbeiten können. Und dafür gibt es gesetzliche Grundlagen. «Im ‹innovativen› Modell der Scheinselbstständigkeit werden diese Nebenkosten erst auf die Erbringer*innen der Leistung abgewälzt, und wenn sie diese Kosten nicht mehr selbst tragen können, muss der Staat einspringen.» Wie der «Tages-Anzeiger» recherchiert hat, gehen von 100 Franken für vier Pizze 70 Franken an die Pizzeria, 8.50 Franken an den Kurier und 21.50 Franken an Uber. Das ergibt unmöglich tiefe Stundenlöhne; Beiträge ans Gemeinwesen (AHV, IV etc.) werden nur vom Fahrer bezahlt, weil er als «Unternehmer» fungiert – am meisten profitiert letztlich der Besitzer des App-Dienstes.

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Die Zürcher Genossenschaft Ultrakurier mit ihrem Spin-off Dabbavelo versucht hier Abhilfe zu schaffen – nicht nur bei Wegwerf-Verpackungen, sondern auch bei der Scheinselbstständigkeit der Fahrer*innen. «Unsere Fahrer*innen sind im Stundenlohn angestellt und haben einen regulären Arbeitsvertrag, in dessen Rahmen alle Sozialkosten bezahlt werden», sagt Ultrakurier-Geschäftsführer Moritz Fischer. Der Kurierdienst für Geschäftskunden befinde sich derzeit im Januarloch, aber die Arbeit für das erfolgreiche Kulinarik-Start-up Dabbavelo sorge dafür, dass die Fahrer*innen trotzdem korrekt entschädigt werden können.

Auch auf Wegwerf-Geschirr sollen die Restaurants verzichten.

Dabbavelo hat noch höhere Ziele: Die Idealist*innen hinter dem Start-up wollen das gesamte Lieferwesen auf Mehrweg-Verpackungen umstellen. Die Idee stammt aus Indien, wie auch der Name der in Holland hergestellten Behältnisse: Sie werden Dabbas genannt. Effektiv in Dabbas geliefert wird derzeit das Essen erst von einem Betrieb, nämlich der Alpenrose im Kreis 5. Die übrigen bei Dabbavelo angeschlossenen Betriebe verpacken ihre Gerichte noch konventionell oder sind derzeit wegen Corona-Massnahmen geschlossen.

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Dass nicht alle Betriebe in Dabbas ausliefern, hat seinen Grund. Derzeit fehlt Dabbavelo das Geld für die Anschaffung weiterer Dabba-Sets für die 24 kompetent ausgesuchten Restaurants, mit denen Dabbavelo zusammenarbeitet. Zu ihnen zählt das mexikanische Lokal Luchador ebenso wie das Ooki Izakaya, Yume Ramen, Vee’s Bistro, Oh my Greek, die Stubä oder das tolle Löweneck – hier ist die Küche offen, weil das sonst chronisch ausgebuchte Restaurant für die Hotelgäste da sein muss. Das Mehrweggeschirr wird bei der nächsten Lieferung natürlich wieder mitgenommen und das erstmalig zu leistende Depot wird angerechnet. In der Homebase von Dabbavelo wird das Geschirr gereinigt und wieder auf die angeschlossenen Betriebe verteilt.

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Auf der Webseite des Crowdfunding-Dienstleisters wemakeit läuft derzeit ein Crowdfunding über 30'000 Franken, um eine ausreichende Anzahl von Dabbas für alle Betriebe zu finanzieren. «Wir wollen eine neue Lieferkultur in der Stadt etablieren», sagt Dabbavelo-Geschäftsführer Mike Diaz. Derzeit sei der Mehraufwand für eine Umstellung auf Mehrwegverpackungen für die Restaurants ohnehin nicht zu stemmen. «Aber das Geld aus dem Crowdfunding wird uns helfen, beim Abflauen der Pandemie gut aufgestellt in den Startlöchern zu stehen.»

Weil mich die Arbeit am Herd entspannt, bin ich kein regelmässiger Kunde von Lieferservices. Aber ich fände es toll, wenn dieses soziale und nachhaltige Unternehmen auf solide Beine käme und man in Zukunft sein Essen mit gutem Gewissen bei einem Lieferdienst bestellen könnte. Und bei genauerem Nachdenken – ich werde wohl nicht darauf warten und mir als Nächstes eine Tortilla vom Löweneck mit feiner Aioli-Sauce gönnen. Gott, wie ich das Auswärtsessen vermisse!

Hier geht’s zum Crowdfunding.

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