26.03.2020 – Endstation

Waidhof – Hier brennt ein zweiter Böögg

Text & Fotos: Ueli Abt

Landluft atmen auf Stadtgebiet? An der Endstation «Waidhof» der VBZ-Linie 62 ist das möglich. In der Waid, einer früheren Aussenwacht von Seebach, bringt eine Zunft jeweils im Frühling einen zweiten Zürcher Böögg auf den Scheiterhaufen.

Hühner auf der Weide, Traktorenlärm, Stallgeruch und schnaubende Rinder: Rund um die Endstation Waidhof gibt es Landeindrücke für sämtliche Sinne. Der Name «Waidhof», Endstation der Linie 62, ist keine leere Versprechung. Hier gibt es einen regelrechten Bauernhof - mit Kühen und Hühnern, Schweinen und einigen Bienenvölkern. In einem Schopf neben dem Stall steht ein Kühltank: Im sogenannten Milchautomaten können sich Passant*innen und Anwohner*innen selbst mit Milch und anderen Landwirtschaftsprodukten eindecken.

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Affoltern oder Seebach? Der jungen Generation ist das egal.

Der Bauernhof ist heute das Herzstück der Waid, einer losen Gruppe von Gebäuden rund um eine Wegverzweigung, irgendwo zwischen Seebach und Affoltern. Es gibt Scheunen, die bis heute auch als solche genutzt werden. Ein 1844 erbautes Haus war Waschhaus und Schweinestall in einem, steht auf einem Schild. Und wer an der Endstation aus dem Bus steigt, steht direkt neben einer Pferdekoppel. Willkommen auf dem Land, möchte man sich zumurmeln.

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Doch tatsächlich liegt die Waid auf Zürcher Stadtgebiet. Der Hof ist im Besitz von Grün Stadt Zürich und wird von einer Familie in Pacht betrieben. Rundherum liegt das offene Land. Felder, Wiesen und Waldstücke - ein geeignetes Terrain für die Naherholung. Jogger*innen und Hundehalter*innen, Velofahrer*innen und Eltern mit ihren Kindern sind hier unterwegs, es gibt Feuerstellen am Waldrand.

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Nebst dem offensichtlich organisch gewachsenen Weiler – der sich ab 1806 aus einem einzigen Hof entwickelte – gibt es im Gebiet Waid aber noch ein architektonisches Kontrastprogramm, und zwar in Form der Genossenschaftssiedlung Schwandenholz. Mit ihren rechtwinklig ausgerichteten Häuserblocks wirkt sie vergleichsweise funktional. Fertiggestellt wurde sie 1998. Der damalige Stadtrat propagierte den Wohnungsbau. «10 000 Wohnungen in zehn Jahren» lautete die Devise, was insbesondere dem nahen Affoltern ein enormes Wachstum bescherte.

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2011 rückte die Busendhaltestelle an ihren heutigen Standort, näher zur Genossenschaftssiedlung hin. Dass seither vor dem Restaurant Waidhof - am vormaligen Platz der Endstation - kein Busbetrieb mehr stört, dürfte die Mitglieder der Zunft zur Waid freuen. Alljährlich begehen sie hier nämlich das Zürcher Sechseläuten auf ihre Weise: Seit 1978 wird an diesem Tag ein eigener Böögg verbrannt.

Der Bauernhof befindet sich auf Stadtgebiet.

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Der inzwischen zur Tradition gewordene Anlass sei aus einer Bieridee entstanden, weiss der heutige Zunftmeister Hansruedi Keller. Zu später Stunde im Restaurant Waidhof hätten sich die Gründer damals gesagt, «so etwas wie die da unten können wir auch».

In den vergangenen Jahren nahmen jeweils bis zu 150 Personen teil. «Wenn es regnet, sind es etwas weniger», sagt der 73-jährige Hansruedi, der seit 2004 Zunftmeister ist. Es gibt Essstände, ein Festzelt sowie eine Wette, wie lange es bis zur Böögg-Explosion dauern wird. Vor der Böögg-Verbrennung spielt der Musikverein Zürich Seebach den Sechseläuten-Marsch.

Das Sechseläuten ist aus einer Bieridee entstanden.

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Foto: Hansruedi Keller

Doch es gibt auch Unterschiede zum Sechseläuten in der Innenstadt: Der Scheiterhaufen wird erst abends um 21 Uhr angezündet. Und noch etwas ist anders als «in Züri unde», wie Hansruedi sagt: In der Zunft zur Waid seien auch Frauen zugelassen und es brauche auch keinen Paten, um aufgenommen zu werden. «Wir sind halb Zunft, halb Verein.»

Man treffe sich auch übers Jahr hinweg: zum Jassen oder Minigolf-Spielen. Vor Jahren hatte ein Vorstandsmitglied für den Verein mit heute rund 150 Mitgliedern Aktien der ZSG-Schifffahrtsgesellschaft erworben. «Mit den geschenkten Tageskarten für die Aktionäre gehen wir jeweils zusammen Schifffahren», erzählt Hansruedi weiter.

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Laut Hansruedi gehören der Zunft sowohl Leute aus Affoltern wie auch Seebach an, auf der Zunftfahne würden denn auch beide Wappen prangen. Ob man zu Affoltern oder Seebach oder einfach zur Stadt Zürich gehöre – für die jüngere Generation spiele dies ohnehin längst keine Rolle mehr.

Das heutige Siedlungsbild scheint ihnen Recht zu geben. Durch die diversen Überbauungen, die eine Verbindung zu Affoltern herstellen, und die Zufahrt von Bus und Privatverkehr von dort her, gehört die Waid heute vielleicht sogar noch etwas mehr zu Affoltern als zu Seebach. Wenn auch die Alteingesessenen sagen, das Restaurant Waidhof und das Böögg-Festgelände liege «auf Seebacher Boden»: Sowohl Affoltern wie auch Seebach gehören seit der Eingemeindung 1934 zum selben Stadtkreis 11.

Adresse

Waidhof
8046 Zürich

Infos

Das 62er-Bus verkehrt zwischen Schwamendingerplatz und Waidhof. Für diese Strecke benötigt der Bus ungefähr 26 Minuten. Zum Fahrplan geht’s hier.