25.06.2019 – Storys & Specials | Endstation

Die «Miss Albisrieden» ist eine Kuh

Jeder Zürcher kennt den Albisriederplatz, aber wer hat sich schon einmal in Albisrieden – der einen Endhaltestelle der grünen Linie 3 – umgeschaut? Im früheren Bauerndorf kann man beim Schlendern kurz auf Zeitreise gehen und herausfinden, warum dort die «Miss Albisrieden» auf einer Viehschau gekürt wird.

Häufig hört die Fahrt des Stadtzürchers am Albisriederplatz auf. Er zweigt zur Hardbrücke oder in andere Richtungen ab.
 Würde er aber ein paar Minuten länger im 3er-Tram sitzen bleiben, fände er an der Endhaltestelle das «heimelige Albisrieden»: So wurde es vor über hundert Jahren in einem Wanderführer beschrieben. Damals war der Ort am Hang des Üetlibergs noch «in einem herrlichen Obstbaumwald versteckt». Wer heute im Dorfkern zwischen Riegelhäusern und alten Scheunen herumschlendert, fühlt sich wie auf einer Zeitreise.

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Mitten in Albisrieden befindet sich auch das Ortsmuseum, welches die Geschichte des früheren Bauerndorfes für die Besucher und Bewohner konserviert. Diese geht bis in das erste Jahrhundert nach Christus zurück, als ein vermutlich romanisierter Helvetier am Standort des heutigen Letzigrabenbades ein römisches Landhaus baute.

Zugegeben, Albisrieden ist ein schmuckes Kleinod in der Stadt.

Das Ortsmuseum widmet sich aber hauptsächlich dem bäuerlichen Leben von Albisrieden. So befindet es sich auch in einem ehemaligen Bauernhaus. Das «obren Haller» gehörte über 400 Jahre lang der gleichnamigen Familie. Um die Mitte des letzten Jahrhunderts gelangte es in den Besitz der Stadt Zürich.

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1934 wurde Albisrieden in die Stadt Zürich eingemeindet und bildet heute zusammen mit Altstetten den Kreis 9. In den 1950er-Jahren erlebte das einstige Bauerndorf einen ersten grossen Bauboom. Anfänglich bauten Private Reiheneinfamilienhäuser, später folgten baugenossenschaftliche Familienwohnungen im grossen Stil. Die Bevölkerungszahl stieg rapide an.

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Auch heute kann sich das ehemalige Bauerndorf der Modernisierung – Einwohner schimpfen es Aufwertung – nicht entziehen:
 Alte Industriebauen werden durch Wohnhäuser ersetzt, Siedlungen werden renoviert. Auf dem Gelände des ehemaligen Zollfreilagers ist für über 2000 Menschen Lebensraum entstanden – inklusive Läden, Gewerbebetriebe und gastronomische Einrichtungen.
 Aktuell wohnen in der ehemaligen Gemeinde über 21’000 Menschen. Albisrieden wäre auch ohne Stadtanschluss selber zur Stadt geworden.

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Trotzdem sind später einige Scheunen verschwunden, weiss ein Anwohner zu berichten.

Trotzdem wirkt Albisrieden beschaulich. Dass es im Gegensatz zu Altstetten, Schwamendingen oder Seebach noch einen intakten Ortskern besitzt, verdankt es einer Pionierleistung: Bereits in den 1960er-Jahren wurde das alte Dorf der Kernzone zugewiesen. Ab diesem Zeitpunkt waren nur noch gewisse Bauaktivitäten zulässig. Trotzdem sind später einige Scheunen verschwunden, weiss ein Anwohner zu berichten. Er hat sein ganzes Leben in Albisrieden verbracht. Private Bauherren und der Verein Ortsmuseum sorgen dafür, dass Altbauten renoviert werden oder das grosse Wasserrad der alten Mühle erhalten bleibt.

Die Stadt plante vor einigen Jahren, Teile des historischen Kerns dem Bau einer äusseren Verkehrstangente zu opfern. Die geplante und bekannte innere Westtangente wurde gebaut, Albisrieden kam davon. Dass der Ortskern erhalten geblieben ist, verdanke das Quartier wohl auch der Tatsache, dass es immer ein wenig zurückgeblieben sei, vermutet der Bewohner.

In Albisrieden wird das Bäuerliche noch immer zelebriert.

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In Albisrieden wird das Bäuerliche noch immer zelebriert, obschon der letzte Bauer im Viertel seinen Betrieb vor fast zwanzig Jahren aufgegeben hat.
 Bei der alten reformierten Kirche küren die Albisrieder jedes Jahr im September auf der Bezirksviehschau aus den vielen Braunviehrassen und Fleckviehrassen die «Miss Albisrieden».

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Neben der Regionalviehschau bei der Kirche findet im Ortsmuseum auch die alljährliche «Moschtete» statt. Diese lockt bis zu tausend Besucher ins «Dorf», wie es der Albisrieder nennt. Und wenn der «Ur-Albisrieder» das «Dorf» kurz verlässt in Richtung Zürich-Zentrum, dann geht er «in die Stadt».

Zugegeben, Albisrieden ist ein schmuckes Kleinod in der Stadt. Doch die Infrastruktur entspricht teilweise nicht mehr dem heutigen Standard. Die Haltestellen sind veraltet, stellenweise fehlt auch schon mal das Trottoir. Eine Häufung von Unfällen – gerade mit Fussgängern – ist die Folge.

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Trotzdem fürchtet sich die Bevölkerung. Sie hat mitbekommen, wie die Stadt Quartiere um die Langstrasse oder im Norden Zürichs aufwerten will – und diese teurer werden. Die Albisrieder bangen um bezahlbaren Wohnraum und dass mit der Baggerschaufel auch der Charme des Viertels abgetragen wird.

Adresse

Albisrieden
8047 Zürich

Infos

Das 3er-Tram verkehrt zwischen dem Klusplatz und Albisrieden. Für diese Strecke benötigt das Tram ungefähr 31 Minuten. Zum Fahrplan geht’s hier.