27.05.2020 – Endstation | Stadt & Geschichte

Bahnhof Altstetten: viel Raum – für alle

Text & Fotos: Ueli Abt

An der Nordseite des Bahnhofs Altstetten sind auf einer der letzten Brachen Wohntürme in die Höhe gewachsen. Eigentlich paradox: Ausgerechnet dort, wo Zürich verdichtet wurde, lässt ein neuer Platz der Stadt noch etwas Spielraum.

Zürcher Plätze werden oft dominiert von den Tramhaltestellen: Am Albisrieder-, Parade-, Buchegg-, Hottinger-, Limmat- und Klusplatz lassen Tram-Perrons und Wartehäuschen, vielleicht noch ein Kiosk und Fahrbahnen nicht mehr viel Platz. An der Endstation Bahnhof Altstetten Nord ist das anders. Hier lässt der Vulkanplatz in der Mitte der generös angelegten Wendeschleife so viel Raum, dass man die Haltestellen für Tram und Bus aus der Distanz glatt übersehen könnte.

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Kein Wunder: Diese Endstation wurde sorgfältig geplant. Erst seit 2011 gibt es sie. Damals brachte die Entwicklung von Zürich West einen neuen Verlauf für die Tramlinie 4, deren vormalige Endstation das Werdhölzli gewesen war. Nördlich des Bahnhofs Altstetten war die grösste städtische Brache verblieben. Heute steht hier unter anderem ein 80 Meter hohes Wohnhochhaus der SBB. Zusammen mit den ebenso hohen Triple-Towers des Komplexes mit Namen Volcano ein paar Hundert Meter entfernt, ist nördlich des Bahnhofs gewissermassen Downtown Altstetten entstanden.

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Hier arbeiten Designer, Coiffeusen und Therapeuten.

Eine schöne Überbauung – auch von der Idee her – findet man schräg übers Eck am Vulkanplatz: die Siedlung des Projekts Fogo. Ein wenig erinnert die Anlage aus containerartigen Baueinheiten und Metalltreppen an ein urbanes Gartenrestaurant – das farbig gestrichene Holz bringt einen Hauch von schwedischer Dorfidylle. Ein Bistro gibt’s hier auch, im Kern geht es aber um einen Mix aus Wohnraum für Flüchtlinge, Kleingewerbe, Bildung und Kultur. Hier arbeitet die Designerin, der Architekt, die Psychotherapeutin und die Coiffeuse. Es gibt Wohnraum für Jugendliche und Alphabetisierungskurse für Ausländer.

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Der Vulkanplatz an sich, nun ja. Er hat vier Ecken, man kann ihn überqueren oder es sich auf einer seiner Sitzgelegenheiten bequem machen – das ist immerhin schon etwas. Er gehört zum Typ Platz, wie er in den letzten Jahren oft entstanden ist. In Oerlikon und im Industriequartier, wo immer es zwischen imposanten Fassadenfronten etwas Luft zu schaffen galt. Leicht sandig sind sie jeweils, das Exemplar in Altstetten ist aktuell mit Löwenzahn überwuchert - und nur ein Spürchen öd.

Sein vergleichsweise spektakulärer Name führt direkt in die Geschichte des Quartiers und seiner industriellen Vergangenheit. Um aber vom Vulkanplatz an den Ort zu gelangen, der ihm den Namen gab, muss man ein paar Schritte in Richtung Westen gehen, der Vulkanstrasse entlang.

Im Turm leben jene, die «gehobene Ansprüche» haben.

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Zunächst kommt man an der Schreinergenossenschaft Hobel vorbei, auf der anderen Strassenseite produziert eine Bäckerei ihre Waren. Dann biegt man nach links und geht zwischen zwei Bürogebäuden einer Grossbank hindurch. Bei der Unterführung zu den Bahnperrons nach rechts gebogen. Noch ein paar Dutzend Meter sind es bis zum Vulcano. In den drei 80 Meter hohen Türmen wohnen jene, die «gehobene Ansprüche» haben, wie es im Internetauftritt des Wohnkomplexes mit Hotel und japanischem Restaurant heisst.

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Geht der Name auf einen römischen Gott zurück?

Dieser Abschnitt der Vulkanstrasse zwischen Gleisen und dem Komplex Volcano hiess früher Damm-Strasse. Als 1933 Altstetten in die Stadt Zürich eingemeindet wurde, musste die damalige städtische Benennungskommission einen neuen Namen finden, um Verwechslungen mit der auf Stadtgebiet bereits vorhandenen Dammstrasse in Wipkingen auszuschliessen.

Die Wahl fiel auf einen Firmennamen eines Industriebetriebs. Dieser lag auf dem Grundstück des Vulcano. Hier produzierte Anfang des 20. Jahrhunderts die Schweizerische Automobil & Motorboot Fabrik Vulcan AG ihre Fahrzeuge – Autos, Lastwagen, Busse und Boote.

Zwar findet das Zürcher Stadtarchiv heute keine Belege, dass die Vulkanstrasse ihren Namen von der Firma erhielt. Eine plausiblere Erklärung gibt es allerdings nicht.

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Dass etwa die Benennung direkt auf den römischen Gott Vulcanus zurückgeht, wie früher Ortsnamenforscher vermuteten, ist eher unwahrscheinlich. Zwar zogen auch die Römer einst durch Altstetten, die Römerstrasse führte entlang der heutigen Badenerstrasse von Turicum nach Aqua Basilae, wie Baden damals hiess. Der römische Gott des Feuers und der Schmiedekunst könnte in einer Branche, in der Metall geschmolzen, gegossen und bearbeitet wurde, zum Firmennamen des damaligen Fahrzeugherstellers Vulcan inspiriert haben.

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Klar ist, dass das Quartier damals industriell geprägt war. Es gab eine Gummifabrik sowie die Hero Biscuits AG, an welche heute die Hero-Strasse erinnert. Die Firmengeschichte der Vulcan AG dauerte nicht sehr lange, sie endete im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Die Vulkanstrasse aber blieb, und als nach der Jahrtausendwende die Stadt den neuen Platz in der Tramendschleife plante, schlug die städtische Strassenbenennungskommission den Namen Vulkanplatz vor, was der Stadtrat 2006 absegnete.

Adresse

Bahnhof Altstetten
8048 Zürich

Infos

Das 4er-Bus verkehrt zwischen Bahnhof Tiefenbrunnen und Bahnhof Altstetten. Für diese Strecke benötigt das Tram ungefähr 32 Minuten. Zum Fahrplan geht’s hier.