12.02.2020 – Storys & Specials

Wie schläft es sich im ehemaligen Horror-Hotel?

Das Hotel Krone galt bis vor Kurzem als Zürichs schlimmste Herberge: Wer hier übernachtete, tat dies oft nur aufgrund eines sehr schmalen Budgets. Doch nun wurden die Räume grosszügig renoviert und sind zwei Jahre lang ein Pop-up. Wir haben das «neue» Hotel Krone am Limmatquai getestet.

Zigarettengestank, Spinnweben, versiffte Teppiche, unbenutzbare Toiletten und Duschen: Ältere Online-Bewertungen des Hotels Krone zeugen von teils prekären Zuständen. Ein ehemaliger Gast empfahl sogar, sich in der Bar nebenan Mut zum Schlafengehen anzutrinken. Einige berichteten von Bettwanzen, viele erwähnten als einzigen Pluspunkt die gute Lage. Andere wiederum fanden, für den günstigen Preis seien die 28 Zimmer in Ordnung und auch nicht mehr zu erwarten – es sei schliesslich Zürich. Höchste Zeit also, sich nach der Renovation selbst ein Bild zu machen!

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Das Hotel vor der Renovation.

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Noch mit den geschilderten Bildern im Kopf steige ich an der Haltestelle Rudolf-Brun-Brücke aus dem Tram. Ich bin zwar überzeugt, dass ich von einem Grossteil der ehemaligen Mängel nichts zu spüren bekommen werde – trotzdem bin ich auf das neue Ambiente gespannt, denn die neuen Fotos habe ich bewusst nicht angeschaut. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich eine junge, praktische Einrichtung à la Jugendherberge oder eher künstlichen, kühlen Stil mit IKEA-Vibe erwarte.

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Als ich gleich gegenüber der Haltestelle durch die Türe gehe, sagt mein erster Eindruck: weder – noch. Im kleinen Treppenhaus leuchten mir neue Visuals entgegen und die Reception darüber besteht aus einem Tisch in der Mitte statt aus einem unpersönlichen Stehpult. In einem Kühlschrank dahinter stehen Softgetränke, Bier und Club Mate zum Verkauf. Eingecheckt werde ich von Anna, die mich herzlich begrüsst.

Im Hotel zeugen nur noch wenige Details von der Zeit vor der Renovation – die noch gar nicht so lange her ist: Sämtliche Arbeiten wurden in nur zwei Monaten abgewickelt. Für den Umbau ist die Zwischennutzungsexpertin «Projekt Interim GmbH» verantwortlich, die von der Eigentümerin des Gebäudes den entsprechenden Auftrag erhalten hatte. Das Projekt hat auch eine neue Hotelmanagerin, Karin Lenherr, eingestellt. Aber trotz der grosszügigen Renovationen erinnert zum Beispiel der Lift, an dessen Metallgriff noch das originale Kronen-Motiv zu sehen ist, an die alten Tage. Und überhaupt zieht sich das Sujet charmant durch das ganze Hotel.

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Als ich mit der Keycard die Tür zu meinem Zimmer öffne, bin ich nicht nur erleichtert, keine Spinnweben zu finden, sondern sogar beeindruckt: Es ist einladend und geschmackvoll eingerichtet. Den Stil könnte man vielleicht beschreiben als … modernen Landhausstil? Oder Vintage Chic? Jedenfalls ist es elegant, sauber und gepflegt. Auf dem Tisch am Fenster warten Wasserkrug und Blumen. Ich ziehe meine Jacke aus und will sie instinktiv hinter der Tür aufhängen – hier klebt statt eines Hakens jedoch ein Notfallfluchtplan. Also ab in den Schrank damit. Ich öffne das Fenster und lasse meinen Blick über die Limmat schweifen. Unter meinem Fenster hängt eine weitere Krone. Nichts würde mich jetzt dazu bewegen, mich in der nahen Bar zu betrinken, um ruhig schlafen zu können.

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Stattdessen schaue ich in der Lobby vorbei. Tische, Bänke, Barstühle und Sofas wechseln sich ab und bilden zusammen trotzdem ein gemütliches Ganzes. Kaffee und Tee gibt es gratis und mitgebrachtes Essen darf ausdrücklich konsumiert werden; das nutze ich natürlich gern und verbringe den restlichen Abend mit Blick auf die Limmat.

Da das Hotel so zentral liegt, bin ich innert einer Viertelstunde im Büro.

Auf dem Weg ins Bett fällt mir auf, dass die meisten Toiletten – die wie die Duschen pro Stock geteilt werden – geschlechtsneutral sind: «whichever» steht auf den Schildern. Für mich ein weiterer Sympathiepunkt, ist Geschlechtertrennung gerade hier doch etwas vom Unlogischsten. Und als ich ins Bett sinke, bin ich sehr froh, keine Angst vor Bettwanzen haben zu müssen: Das Boxspringbett – wie alle Betten im Hotel Krone neu – ist an Bequemlichkeit kaum zu übertreffen und ich schlafe schnell ein.

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Am nächsten Morgen weckt mich um sechs Uhr ein durchfahrendes Tram. Denn die Vorhänge sind zwar blickdicht, über die Wände und den Schall kann man aber nicht dasselbe sagen: Das Gebäude ist aufgrund seines hohen Alters – 500 Jahre! – sehr hellhörig. Hat man wie ich einen leichten Schlaf, sollten aber Ohrstöpsel das Problem beheben können. Ich widerstehe dem Drang, mich einfach nochmals umzudrehen und weiterzuschlafen, und gehe stattdessen duschen. Auf Spiegel wurde hier wohl extra verzichtet, damit die Gäste ihr Styling in die Zimmer verlegen – denn auch die Duschen werden geteilt. Also mache ich es auch so und wasche meine Haargel-Finger im Zimmer mit der bereitgestellten Seife – zum Trocknen nehme ich das Duschtuch, da hier kein Handtuch hängt. Bodylotion wiederum steht zur Verfügung, ein Angebot, das meine Winterhände dankend annehmen.

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Beim Checkout sitzt heute jemand anderes, doch ich werde nicht weniger herzlich ausgecheckt. Und da das Hotel so zentral liegt, bin ich innert einer Viertelstunde im Büro. Mein Fazit: So günstig kann man nirgends in Zürich so schön übernachten.

Adresse

Pop-up-Hotel Krone
Limmatquai 88
8001 Zürich
Website

Informationen

Das Hotel besteht als Pop-up bis Ende Oktober 2021. Die Zimmer kosten ab 80 (Einzelzimmer) und 135 (Doppelzimmer) Franken pro Nacht, Sicht auf die Limmat gibt es gegen einen moderaten Aufpreis.