03.06.2021 – Menschen & Leben

«Ich bleibe, bis das Baby geboren ist»

Zürcher*innen mit besonderen Berufen: Corina Rose Macsay steht als Doula Frauen während der Schwangerschaft und der Geburt zur Seite. Dabei kennt die 55-Jährige keinen Schichtplan.

Egal, ob eine Geburt mitten in der Nacht losgeht, sie lange dauert oder schwierig ist: Corina Rose Macsay bleibt an der Seite der Gebärenden. Die 55-Jährige ist eine Doula, also eine Geburtsbegleiterin. Sie steht der werdenden Mutter und deren Partner bei, was immer auch geschieht. Sie begleitet eine Frau auch zum Kaiserschnitt, sollte dies erforderlich sein. Corina ist seit fünf Jahren hauptberuflich Doula.

«Ich arbeite sowohl mit alleinstehenden Frauen als auch mit Paaren zusammen. Ich begleite sie auf informative und empathische Art durch die Schwangerschaft, bin während der Geburt für sie da und unterstütze sie auch im Wochenbett. Als Doula bin ich im gesamten Prozess des Eltern-Werdens dabei und kenne die Paare sowie deren Wünsche oder Ängste. Ich bereite die Frau so auf die Geburt vor, dass sie möglichst selbstbestimmt gebären kann.»

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«Als Doula bin ich im gesamten Prozess des Eltern-Werdens dabei.»

Der Begriff Doula stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie «Dienerin der Frau». Die Tradition, dass geburtserfahrene Frauen werdenden Müttern beistehen, ist eigentlich alt, wurde in den USA wiederentdeckt und kam so auch nach Europa.

«Die Erfahrung hat gezeigt, dass Frauen in Begleitung einer Doula weniger medizinische Interventionen brauchen. Dies liegt daran, dass die Doula der Frau beisteht, sie emotional trägt und dadurch ihr Selbstvertrauen stärkt. So kann sie sich oft leichter auf die Anforderungen der Geburt einlassen.»

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Kinder und Bildung – beide waren in Corina Macsays Leben schon immer wichtig. Deshalb liess sie sich ursprünglich zur Primarlehrerin ausbilden. Sie ist eine Frau, zu der man rasch Vertrauen fasst. Ihre offene Art wirkt professionell, ohne oberflächlich zu sein. Im Gegenteil, die Frau hat Tiefgang, und sie kennt auch die traurigen Seiten des Lebens. Ihr erstes Kind verstarb im Alter von 15 Monaten an einer plötzlichen Erkrankung. Mit ihrem Mann, einem Amerikaner, lebte sie nach diesem tief einschneidenden Ereignis in den USA. Dort brachte sie zwei weitere Kinder zur Welt – eines mit einer Doula. Nach acht Jahren kehrte die Familie in die Schweiz zurück.

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«Wegen Corona begleitete ich mehr alleinstehende Frauen.»

Corina ist Mitglied beim Verband Doula CH, dem 212 aktive Doulas angeschlossen sind. Der Verband verzeichnet 214 Geburtsbegleitungen im letzten Jahr, 34 davon im Raum Zürich. Eine Doula ist kein Ersatz für eine Hebamme und übernimmt keinerlei medizinische Verantwortung. Eine Begleitung kostet ab rund 900 Franken und wird nicht von der Krankenkasse übernommen.

«Ich bin Doula geworden, weil ich gerne mit natürlichen Rhythmen arbeite und die Frauen darin unterstützen will, an ihre eigenen Kräfte zu glauben. Gebären kann eine Grenzerfahrung sein. Eine Hebamme hat Schichtwechsel, ich als Doula darf jedoch so lange bleiben, bis das Baby geboren ist. So schaffe ich Geborgenheit und emotionale Sicherheit für die Eltern.»

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Die Corona-Pandemie hat aus Sicht der Doula vieles verändert und Unsicherheiten gebracht. Flüge wurden gestrichen, Grosseltern aus dem Ausland konnten nicht einreisen und manche Liebe scheiterte.

«Im Corona-Jahr begleitete ich mehr Frauen, deren Partnerschaft während der Schwangerschaft in die Brüche ging, die aber nicht alleine gebären wollten. Anderseits engagierten mich auch Paare, deren Eltern im Ausland wohnen und nicht zur Unterstützung anreisen durften. Die Männer mussten sich deshalb um die älteren Geschwister kümmern und konnten nicht bei der Geburt dabei sein.»

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Über 50 Geburten hat Corina bisher begleitet. Eine ist ihr in ganz besonderer Erinnerung geblieben, denn die werdende Mutter war eine Frau auf der Flucht, die hochschwanger, alleine und traumatisiert in die Schweiz gekommen war.

«Diese Begleitung ging mir besonders nahe und erforderte viel Fingerspitzengefühl, da das Kind durch Gewalt entstanden war. Ich hielt das Baby nach der Geburt lange in meinen Armen, bis die Frau bereit war, es zu sich zu nehmen. Zu ihr habe ich nach über einem Jahr noch immer Kontakt, weil ich weiss, dass sie es mit ihrem Kind ganz alleine schaffen muss.»

«Ich muss in meinem Privatleben Kompromisse eingehen.»

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Der Beruf verlangt Corina einiges ab. Für jede Begleitung ist sie zwei Wochen vor und nach dem Termin in Bereitschaft. Kommt der Anruf, lässt sie alles stehen und liegen und macht sich auf den Weg. Eine Geburt ist nicht bis ins Detail planbar und verlangt Flexibilität.

«Ich muss in meinem Privatleben natürlich Kompromisse eingehen. Einladungen von Freund*innen kann ich oft nur unter der Bedingung annehmen, dass ich eventuell zu einer Geburt aufbrechen muss. Trotzdem bin ich glücklich in meinem Beruf, denn ich kann mit meiner Arbeit einen Beitrag zu einer besseren Geburtskultur leisten. Für mich ist jede Geburt etwas ganz Besonderes, und der schönste Moment ist, wenn eine Mutter und ein Vater ihr Baby auf der Welt begrüssen dürfen.»