07.07.2020 – LGBT-Kolumne | Menschen & Leben

Wallungen vor Wut

Kolumne: Anna Rosenwasser

Einmal im Monat schreibt Anna Rosenwasser, wie sie in Zürich lebt und liebt. Im Juli erzählt die Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz von ihrer ersten Party seit Langem. Dort wollte sie nur tanzen – und nicht über Politik diskutieren. Doch dann stellte ihr ein Fremder eine wichtige Frage.

Saunas find ich prima. Weil der Kontrast so geil reinhaut. In der Zürcher Innenstadt an einem Julimittag zu heiss haben? Mühsam. In der Sauna zu heiss haben? Gut, weil danach die Abkühlung kommt. Mir den Arsch abfrieren vor dem Club, um frische Luft zu schnappen? Schrecklich kalt. Mir den Arsch abfrieren in der Sauna? Cool, weil der Kontrast zum Heisshaben so krass ist.

Das Heaven war an diesem Abend zum ersten Mal seit Monaten wieder offen.

An diesem Donnerstagabend war ich aber nicht in der Sauna. Nein, ich musste mir mein Kühlsein mühsam selbst erarbeiten: in einer Radiosendung über Diskriminierung. Zusammen mit drei weiteren Fachpersonen diskutierte ich, wie wir anhand unserer Sprache unsere Mitmenschen respektvoller behandeln können. Das Wort schwul nicht mehr als Beleidigung benutzen. Süssigkeiten nicht mehr rassistisch benennen. Eigentlich recht simpel; ich sass kühl vor meinem Mikro, kühles Mineralwasser vor mir. Dann wurden uns Zuhörer durchgestellt. (Sie waren mehrheitlich männlich.) Und die waren überhaupt nicht kühl. Sie wetterten und schimpften, sie waren richtig hässig. Ich dann auch, als sie rassistische Begriffe zu wiederholen begannen. Zum Glück war’s Radio, nicht Fernsehen – mein Gesicht war wohl rot angelaufen vor Wut. Nichts da mit Sauna; diese Hitze des Gefechts hätte ich mir sparen können.

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Ich fuhr erst wieder runter, als ich das Radiogebäude verliess. Der sommerliche Sonnenuntergang brachte einen frischen Wind mit sich, der Asphalt auf dem Bucheggplatz spiegelte leicht das letzte Blau des Himmels. Apropos: Das Heaven war an diesem Abend zum ersten Mal seit Monaten wieder offen, der queere Club Zürichs, und ich hatte Bock, mir den Frust wegzutanzen. Was hatte ich das Tanzen mit queeren Mitmenschen vermisst! Und, ganz ehrlich: Wie froh war ich an diesem Abend, politische Diskussionen hinter mir zu lassen, meine inhaltliche Sauna von kühlen Themen in wildes Tanzen schmelzen zu lassen!

«Ab wann gibt es die Ehe für alle?»

Vor dem Club stupste mich ein junger Mann an, schüchtern lächelnd. «Du kennst mich vielleicht nicht», sagte er, «aber ich habe eine Frage. Es geht um die Ehe für alle.» Ich liebe meinen Job, ich liebe ihn wirklich, aber in diesem Moment, nach dieser anstrengenden Radiosendung, an diesem Abend, da dachte ich mir für einen kurzen Moment: Bitte nicht noch mehr Politik. Manchmal ist es politisch genug, dass wir uns lieben und glücklich sind in einer Welt, die unsere Menschenrechte nicht anerkennt; manchmal will ich die warme Community, nicht das blanke Gesetz. Aber da stand ich nun, den – eigentlich sehr sympathischen – Mann vor mir, kaum älter als ich. «Der Nationalrat hat ja Ja gesagt zur Ehe für alle», begann er, «und was passiert jetzt? Also, ab wann gibt es die Ehe für alle?» Die Antwort ist komplex. Und unbefriedigend: «Der Ständerat muss noch Ja sagen, aber danach ist es noch nicht geschafft. Es ist mega schwierig zu sagen, ab wann die Ehe für alle in die Schweiz kommt», sagte ich mit entschuldigendem Lächeln. «Aber wir arbeiten daran. Es kann gut sein, dass die Schweiz bald darüber abstimmt.» Warum wollte er, mitten im Ausgang, so was Theoretisches wissen? «Oh», antwortete er. «Mein Freund hat mir eben einen Antrag gemacht, vor vier Tagen.» Ich spürte, wie mir warm ums Herz wurde. Manchmal brauchen wir die Erinnerung, wofür wir eigentlich die ganze Arbeit überhaupt machen. Oder besser: Für wen. Er und ich umarmten uns herzlich – und begaben uns auf die Tanzfläche, um die Liebe zu feiern.