16.09.2020 – Trends & Shopping | Menschen & Leben

«Zürich ist keine Modestadt»

Alessandro Paoletti arbeitet seit über 25 Jahren in einer Zürcher Modeagentur für Damen. Dennoch findet er, dass Zürich wenig Platz für originelle Kleidung bietet. Ein Gespräch über das Problem von globalen Modeketten und darüber, weshalb guter Stil heute verpönt ist.

Alessandro, wie wichtig ist Mode für dich?

Ausgesprochen wichtig. Ich kleide mich nicht nur sehr gerne und zugegeben etwas ungewöhnlich. Ich arbeite auch seit über 25 Jahren in einer Modeagentur für Damen. Ausserdem haben ich und mein Partner ein Faible für Innenarchitektur und Möbel.

Gibst du viel Geld für Mode aus?

Ja. Ich sage dir aber ganz sicher nicht, wie viel es ist (lacht). Zu meiner Verteidigung: Mode ist eben auch mein Beruf. Hätte ich einen Bürojob, würde ich sicher nicht so viel Geld für mein Outfit ausgeben. Für meine Liebe zur Mode muss ich auf andere Sachen verzichten.

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Was hältst du von Zürich als Modestadt?

Nicht viel, um ehrlich zu sein. Fairerweise muss man aber sagen, dass es meiner Meinung nach keine wahren Modestädte mehr gibt. Egal, ob man in London, Paris oder Mailand unterwegs ist: Alles ist mittlerweile Einheitsbrei. Die letzte Stadt, die vielleicht noch als Modestadt durchgehen könnte, ist Tokio. Dort wird Mode noch kultiviert. Nicht weil die Leute sich selbst inszenieren wollen, sondern weil sie gerne gut angezogen sind. Bei uns kleiden sich die Leute nur mehr homogen und ohne Individualität.

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«Guter Stil ist heute fast verpönt.»

Woher kommt das?

Wenn man früher durch die Strassen von Paris oder Mailand spaziert ist, gab es dort Läden mit den ausgefallensten Stücken. Die Leute haben sich viel bewusster, viel individueller gekleidet, als sie es heute tun. Meiner Meinung nach ist der Stellenwert von Mode extrem gesunken. Wer sich heute gut anzieht, wird schnell als oberflächlich oder als «Modefuzzi» abgetan. Guter Stil ist heute fast verpönt. Durch die grossen Modeketten und Plattformen wie Instagram wurde die Modewelt nicht bunter, sondern einfach nur gleich. Alle folgen demselben Trend, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob ihnen das eine Teil auch wirklich gefällt.

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Ist das in Zürich auch so?

Leider schon. Zürich ist eine unfassbar reiche Stadt. Das führt dazu, dass viele Menschen denken, dass teure Kleidung automatisch schöne Kleidung ist. Oft hat man den Eindruck, dass es vor allem wichtig ist, dass die Kleidung gebrandet ist. Mit Markennamen wie Gucci, Balenciaga oder Louis Vitton. Diese Marken geben den Leuten das Vertrauen, modern und gut gekleidet zu sein. Das entspricht jedoch nicht meinem Verständnis von einem persönlichen Stil oder von Individualität.

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«Wer braucht die Jeans, die er schon sieben Mal im Schrank hat?»

Kann man sich in Zürich auch günstig modisch einkleiden?

Auf jeden Fall. Einen Stil kann man auf jede Art und Weise rüberbringen. Selbst mit günstigen Marken. Wenn jemand nicht viel Geld ausgeben will, dann rate ich den Leuten, im Sale einzukaufen. Es gibt sehr viele kleine Läden in der Stadt, die coole Teile zu sehr fairen Preisen verkaufen. Was mich verwundert, ist, dass Leute immer wieder das Gleiche kaufen. Wer braucht die Jeans, die er so oder so ähnlich schon sieben Mal im Kleiderschrank hat?

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Wie würdest du deinen persönlichen Stil beschreiben?

Von einem Stil zu sprechen, ist recht schwierig. Ich habe einfach nur einige Stücke, die ich besonders gerne trage. Zum Beispiel trage ich fast nur hochgekrempelte Hosen, mit hohem Bund und weitem Bein. Obenrum mag ich es dann enger bis schmal. Ich trage gerne Westen, Pullunder oder Cardigans, die vielleicht ein wenig nach Vintage aussehen.

Woher kommen diese Vorlieben?

Ich hatte schon als Kind eine Vorliebe für alte Hollywood-Klassiker und die Kleidung der Filmstars von früher. Mein Vater stammt aus einem Bergdorf in der Campagna und dort fand ich auch die Kleidung der Bauern immer unglaublich faszinierend. Die hochgekrempelten Hosen, die Westen und schlichten Hemden.

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«Zu meinen Lieblingsläden in der Stadt gehören das ‹VMC› am Rindermarkt und das ‹Apartment›.»

Kleidest du dich in Zürich ein?

Erstaunlicherweise kaufe ich etwa 90 Prozent meiner Kleidung hier in der Stadt. Ich bin kein Fan von Online-Käufen. Zu meinen Lieblingsläden in der Stadt gehören das «VMC» am Rindermarkt und das «Apartment». Ich mag es, wenn die Angestellten in den Läden eine Menge Fachwissen mitbringen, ihren Beruf leben und auf Dinge wie Nachhaltigkeit in der Mode achten.

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Auffällig bei dir sind deine vielen Tattoos. Wann hast du dein erstes Tattoo gestochen?

Das war erst sehr spät, mit 46 Jahren. Tattoos sind so etwas Endgültiges, deshalb hat es sehr lange gedauert, bis ich mich für ein Tattoo entschieden habe. Nach dem ersten ist dann die Überwindung nicht mehr so schwierig. Heute habe ich ziemlich viele.

Wie hat sich dein Stil entwickelt?

In meiner Jugendzeit musste ich oft die abgetragenen Sachen der älteren Geschwister oder von befreundeten Nachbarn anziehen. Ich habe damals früh gelernt, Ärmel abzutrennen, Kragen zu lösen oder Hosen enger zu machen. Dann kamen die 80er-Jahre und ich habe begonnen, Jeanshemden und Blazer zu tragen. Gleichzeitig habe ich überall Löcher reingeschnitten und bin ein bisschen verrückter rumgelaufen. Danach kam eine Zeit, in der meine Kleidung sehr schick und luxuriös war.

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Luxuriös ist dein Stil heute nicht mehr, oder?

Nein. Mit der Zeit entwickelt man sich und seinen Stil und merkt, was einem gefällt und einem steht. Man muss sich nur bewusst mit dem Thema auseinandersetzen. Nun bin ich über 50 und denke, dass ich meinen Look definitiv gefunden habe. Ich kleide mich nicht auf eine gewisse Art, um irgendwo dazuzugehören, sondern weil mir die Kleidung gefällt, und basta.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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