Musée Visionnaire

Manuela Hitz ist künstlerische Leiterin und Kuratorin des Musée Visionnaire, das Werke von Aussenseiterkünstlern ausstellt.

Aussenseiterkünstler haben meist keine künstlerische Ausbildung absolviert und verweigern sich dem regulären Kunstmarkt. Im Musée Visionnaire werden ihre Werke trotzdem ausgestellt. «Aussenseiterkunst geht unter die Haut», sagt die Kuratorin Manuela Hitz.

Das Tierchen guckt den Betrachter mit Kulleraugen an. Es hat viele dichte, blaue Wimpern und einen Kopfschmuck, der aus etlichen Muscheln besteht. Bis auf die Figürchen, die auf dem vogelähnlichen Wesen sitzen, glitzert alles. Ein anderer Kopf grinst breit, auch er ist voller Glitzer und Muscheln. Statt Haaren trägt er Rosen. «Eine faszinierende Welt des Glanzes und Glamours!», schreibt das Musée Visionnaire zu den Werken von Paul Amar. Das kleine Museum am Predigerplatz stellt die Werke des französischen Aussenseitenkünstlers permanent aus. «Sie regen immer wieder zum Staunen an und gefallen besonders auch Kindern sehr», sagt Kuratorin und künstlerische Leiterin Manuela Hitz. Amar sammelt seit Jahrzehnten tausende Muscheln am Strand und in Restaurants, bemalt sie mit Nagellack und fügt sie zu grossformatigen Werken zusammen.

Der Künstler bemalt Muscheln mit Nagellack und fügt sie zu grossformatigen Werken zusammen.

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Das Musée Visionnaire wurde 2013 von Susi Brunner und ihrer Tochter Rea gegründet. Zuvor führte Brunner fast vier Jahrzehnte lang eine Galerie für Aussenseiterkunst. Mit der Eröffnung des Musée Visionnaire ging für Susi ein Wunsch in Erfüllung. «Ein Museum funktioniert anders als eine Galerie. Im Vordergrund steht nicht der kommerzielle Aspekt, sondern das Bestreben, die unendliche Vielfalt der Aussenseiterkunst zu zeigen», so Manuela. Das Musée Visionnaire zeigt in seinen durchschnittlich zwei Wechselausstellungen pro Jahr noch immer Werke aus der grossen Sammlung von Susi, welche im April 2018 verstorben ist. Doch auch Leihgaben von Privatpersonen und anderen Museen werden ausgestellt.

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Das Musée Visionnaire präsentiert meist ältere Künstler. Auch, weil viele Aussenseiterkünstlerinnen und -künstler erst spät in ihrem Leben oder nach ihrem Tod entdeckt werden. So vielfältig ihre Lebensgeschichten sind, haben Aussenseiterkünstler Gemeinsamkeiten: Sie sind alles Autodidakten, haben also an keiner Kunsthochschule studiert. Ausserdem wollen sie sich nicht im zeitgenössischen Kunstdiskurs positionieren und interessieren sich nicht für den Kommerz. «Die Motivation kommt von innen. Einige haben aber auch soziale oder ideelle Gründe», so Manuela.

2013 wurde das Musée Visionnaire wurde von Susi Brunner und ihrer Tochter Rea gegründet.

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Outsider sind häufig Menschen, die sich von der Gesellschaft zurückgezogen haben. «In den krassesten Fällen verbringen sie ihr Leben in einer Institution, weil sie eine psychische, geistige oder physische Beeinträchtigung haben.» Wie stark die jeweilige Biografie in der Ausstellung thematisiert wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. «Manchmal ist sie wichtig, um das Werk zu verstehen», so Manuela. «Doch wir wollen nicht allzu voyeuristisch sein. Schliesslich geht es um die Kunst.»

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Viele Aussenseiterkünstlerinnen und -künstler werden erst spät in ihrem Leben oder nach ihrem Tod entdeckt.

Manchmal sei es nicht leicht, mit den Künstlerinnen und Künstlern in Kontakt zu treten. «Aber eigentlich mag ich diese Herausforderung», so Manuela. Schwieriger sei der Umgang mit ihnen jedoch nicht. «Es gibt schliesslich auch auf dem etablierten Kunstmarkt eigensinnige Persönlichkeiten», sagt Manuela und lacht. «Mir gefällt es, wenn Menschen authentisch sind. Art Brut – also Aussenseiterkunst – bedeutet ja auch rohe Kunst.»

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Manuela ist es wichtig, dass sie den Künstlerinnen und Künstlern auf Augenhöhe begegnet. Viele haben sich gar nie Gedanken gemacht, wie sie ihre Kunstwerke in einem Museum präsentieren können. «Die Aussenseiterkünstler interessieren sich nicht so stark für das, was um sie herum passiert», so Manuela. «Sie machen Kunst um der Kunst willen und weniger, um als Künstler berühmt zu werden.» Diese Leidenschaft inspiriert Manuela selbst. Sie hat an der Zürcher Hochschule der Künste Fine Arts studiert. Während ihrer Ausbildung hat sie manchmal jene Unbefangenheit vermisst, welche sie jetzt an der Art Brut so fasziniert.

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Einige Aussenseiterkünstlerinnen und -künstler schaffen den Durchbruch auf dem regulären Markt. So zum Beispiel Judith Scott. Die amerikanische Künstlerin mit Down-Syndrom packte Gegenstände mit Schnüren ein. So entstanden Skulpturen, die auch im Museum Of Modern Art in New York – und in der aktuellen Ausstellung des Musée Visionnaire – gezeigt werden. Die im Jahr 2005 verstorbene Scott hat es aber nicht interessiert, dass sie sich als Künstlerin etabliert hat. Manuela gönnt jedem Aussenseiterkünstler den Durchbruch. «Es ist schön, wenn die Werke so stark sind, dass es egal ist, ob der Künstler studiert hat oder wie er sich positioniert.»

«Es ist schön, wenn die Werke so stark sind, dass es egal ist, ob der Künstler studiert hat oder wie er sich positioniert.»

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Bis vor einigen Jahren interessierten sich private Sammler kaum für Art Brut. «Mit wenigen Ausnahmen lässt sich mit den Werken kein Geld verdienen», so Manuela. Mittlerweile hat der reguläre Kunstmarkt die Aussenseiterkunst entdeckt. 2013 wurden einige Werke an der Biennale in Venedig ausgestellt und das Museum of Modern Art in New York legt momentan eine Sammlung an. Manuela erklärt: «Aussenseiterkunst erhält einen immer grösseren Stellenwert, weil sie so direkt ist und den Betrachter berührt.»

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Adresse

Musée Visionnaire
Predigerplatz 10
8001 Zürich
+41 44 251 66 57
Website

Öffnungszeiten

Mittwoch bis Sonntag, 14–18 Uhr