Meinrads Puppen- und Bärenklinik

Er hatte schon Hunderte Puppen, Teddybären und Schmusetierchen unter der Nadel: Meinrad Röösli führt seit 31 Jahren eine Puppen- und Bärenklinik.

Früher tanzte Meinrad Röösli übers Eis, heute repariert er lädierte Puppen und Teddys. Der 70-jährige Puppen- und Bärendoktor hat noch immer alle Hände voll zu tun. Seine Kundschaft kommt aus der ganzen Welt in sein Atelier. Obschon seine Finger durch das viele Nähen schmerzen, möchte er weiterarbeiten – bis er nicht mehr kann.

Sie sitzen oder stehen auf Tischen. Einige tragen hübsche Kleidchen, andere sind nackt. Ihre Knopf- und Kulleraugen funkeln. In Meinrad Rööslis Puppen- und Bärenklinik empfängt einen wohlige Wärme. Draussen, oberhalb des Römerhofs, fegt ein kalter Wind durch die Strassen. Röösli trägt T-Shirt, Jeans und Sportschuhe. Er sitzt auf einem Schemel an seinem Nähtisch und beginnt zu erzählen: «Wenn ich um zehn Uhr in der Werkstatt eintreffe und ‹zwäg› bin, kommt es vor, dass ich die Puppen und Bären mit einem ‹Guten Morgen!› begrüsse.» Oft geht der 70-jährige Puppen- und Bärenmacher aber schnell ans Werk, da er alle Hände voll zu tun hat.

«Wenn ich zwäg bin, kommt es kommt vor, dass ich die Puppen und Bären mit einem ‹Guten Morgen!› begrüsse.»

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«Wenn Kinder in meiner Werkstatt sind, setze ich den Teddys keine Augen ein, da ich mit der Nadel in die Bärenköpfe stechen muss», sagt Röösli, dessen Kunden von nah und fern zu ihm ins Atelier finden. Lädierte Plüschtiere kriegt er sogar aus Singapur oder den USA zugeschickt. Kinder seien die kritischsten Kunden. Er schätzt es, wenn die Kleinen die von ihm reparierten Schmusetierchen genau unter die Lupe nehmen.

«Wenn Kinder in der Werkstatt sind, setze ich den Teddys keine Augen ein, da ich mit der Nadel in die Köpfe stechen muss.»

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Röösli setzt bei seiner Arbeit auf Sorgfalt: «Ein Kopf, der ‹gigampft›, stört mich.» Er sei ein Bünzli, fast schon ein Perfektionist. Der gebürtige Luzerner stellte schon als Jugendlicher hohe Ansprüche an sich, etwa beim Eiskunst- und Rollschuhlaufen; in beiden Disziplinen wurde er mehrfacher Schweizer Meister. Der damals 19-Jährige trainierte auf der Dolder-Kunsteisbahn, nebenbei arbeitete der gelernte Schaufensterdekorateur in der Spielwarenabteilung des Globus in Zürich.

Mit 22 Jahren musste er den Leistungssport wegen Rückenbeschwerden aufgeben. Er beschloss, das KV nachzuholen. Später arbeitete er auf der Versicherung, bei der Bank und in einem Heim für Menschen mit geistigem Handicap. In seiner Freizeit gab er Kurse in Puppenmalerei, entwarf und nähte Puppenkleider und erlernte autodidaktisch die Reproduktion von antiken Porzellanpuppen.

Röösli zeigt auf ein Foto an der Wand – seine Mutter selig, eine Damenschneiderin, die einen Kostümverleih besass, lächelt in die Kamera. «Wenn die Luzerner Fasnacht war, hatte sie immer viel zu tun. Wir Kinder packten mit an, machten noch die letzten paar Handstiche oder brachten die Kostüme in die chemische Reinigung», erinnert er sich.

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Mit 40 Jahren machte Röösli sein Hobby zum Beruf: 1987 mietete er mit seinem Lebenspartner ein kleines Haus am Kreuzplatz in Zürich – später als das «blaue Haus» bekannt – und gestaltete es in eine Puppenwerkstatt mit Verkaufsraum um. Nach ein paar Jahren wurde das «blaue Haus» jedoch zum Abbruch freigegeben. Für seine Werkstatt fand Röösli 1995 Ersatz an der Klosbachstrasse, wo er aus dem Leim gegangene Puppen, Plüschtiere sowie Teddys aufpäppelt und auch selbst welche anfertigt. Die Erzeugnisse verkauft sein Partner im «Maison de la Poupée» am Neumarkt, wo auch teurere antike Exemplare im Schaufenster stehen.

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Mit Gipsabdrücken von Originalpuppen erstellt Röösli Kopien. Auf einem Regal lagern Dutzende Porzellanköpfe, die – noch unbemalt – fast schon «gfürchig» aussehen. Röösli erläutert den Arbeitsvorgang: «Die flüssige Porzellanmasse ist wie Pudding und wird in den Gipsabdruck gegossen.» Nach ein paar Stunden ist der Rohling fest und kann aus der Form genommen werden. Das Negativ wird in einem Porzellanbrennofen auf 1200 Grad erhitzt. Beim Brennen verliert das Porzellan an Volumen. Es wird zehn Prozent kleiner und gehärtet.

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Röösli hat sich über all die Jahre ein grosses Wissen über Puppen und Teddys angeeignet, er befasste sich mit den Hintergründen und lernte die Materialien besser kennen. «Französische Puppen erkennt man an ihrer aristokratischen Handhaltung und an ihren blassen Gesichtern, deutsche Puppen sind rotbackig und kräftig», weiss er.

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«Das ist Seppli», sagt Röösli und richtet den Blick auf ein gerahmtes Foto, auf dem ein schielender Teddy zu sehen ist. Vor 40 Jahren, an Weihnachten, blieb Seppli im Atelier unter dem Baum liegen, als Einziger, niemand wollte ihn. Röösli und sein Partner nahmen den Teddy mit nach Hause, «wo er hin und wieder als Blitzableiter für Beziehungsknatsch diente und für anderes, das die Seele belastete.» Später gingen sie mit Seppli sogar auf Reisen.

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Es gibt sie schon, diese Momente, in denen Röösli und sein Partner sagen: «Hey, jetzt sind wir müde!» Müde sind auch Rööslis Finger – in der Nacht schmerzen sie.

Röösli beugt sich leicht nach vorn, seine Augen glänzen: «Solange ich noch kann, mache ich weiter.»

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Adressen

Meinrads Puppen- und Bärenklinik
Klosbachstrasse 123
8032 Zürich
+41 44 262 71 81

Meinrads Puppen und Teddybären
Neumarkt 12
8001 Zürich
+41 251 39 90

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag, 10.30–18 Uhr
Samstag, 10.30–17 Uhr