15.10.2018

«Mit der Zeit wurde ich heimatblind»

Text: Eva Hediger

Astrid von Stockar lebt in Zürich. Jetzt hat sie einen Reiseführer «Zürich for Women only» geschrieben. Ob das Buch wirklich Männer ausschliesst und weshalb es für Zürcherinnen interessant ist, erzählt die Autorin im Interview.

In der Einleitung des Reiseführers schreiben Sie, dass viele Zürcherinnen Auslandsjahre in Metropolen verbracht haben. Sie auch?

Ich haben insgesamt etwa vier Jahre in Stockholm und London gelebt. Damals war ich Anfang 20 und bin vor allem in London voll in das Grossstadtleben eingetaucht. Zürich habe ich deshalb in dieser Zeit kaum vermisst. Als ich zurückgekommen bin, hatte ich einen reiferen Blick auf die Stadt. Auch weil ich sie jetzt mit anderen Städten vergleichen konnte.

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«Hui, was für eine kleine Stadt!»

Was für einen Blick hatten Sie denn?

Im ersten Moment dachte ich natürlich: «Hui, was für eine kleine Stadt!» Aber es war auch eine Wohltat, nicht ständig stundenlang im Stau stehen zu müssen. In Zürich ist alles sehr planbar und innert kürzester Zeit erreichbar. Es ist eine ruhige und vor allem sehr saubere Stadt – und in den letzten Jahren viel internationaler geworden. Es sind viele Leute hierher gezogen. An Abendessen spricht man öfters Hochdeutsch oder Englisch.

Wissen Sie, was Zürich im Ausland für einen Ruf hat?

Für viele Deutsche und Österreicher, die ich kenne, ist Zürich eine kleine und langweilige Bankenstadt. Sie haben jetzt aber meinen Reiseführer «Zürich for Women only» gelesen und waren überrascht, wie vielfältig das Angebot ist. Das möchten sie jetzt auch entdecken! Ein tolles Kompliment für mein Buch.

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«Es sind mir sicher einige Frauen böse, dass ich sie nicht berücksichtigt habe.»

Für Ihren Reiseführer haben Sie verschiedene Zürcherinnen interviewt. Waren sofort alle dabei?

Es hat ein paar wenige Frauen gegeben, die es sich kurz überlegen mussten. Schliesslich gibt man auch persönliche Tipps preis. Die meisten fanden es aber eine coole Idee. Ich hatte eher das Problem, dass meine Liste mit möglichen Kandidatinnen zu lange war – ich konnte ja nur 25 Frauen interviewen. Es sind mir sicher einige böse, dass ich sie nicht berücksichtigt habe.

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Wie haben Sie die Frauen ausgewählt?

Mir war ein Mix wichtig – ich wollte Frauen in jedem Alter, aus der Gastronomie, Kunst, Kultur und Mode. Sie sollten auch Botschafterinnen der Stadt sein, also einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. Wie Nadja Schildknecht, welche das Zurich Film Festival gegründet hat.

«Ich habe also mindestens ein Jahr am Reiseführer gearbeitet und in dieser Zeit auch Neues entdeckt.»

Auch Sie haben Ihre Lieblingstipps verraten.

Ja. Ich habe am Anfang den Aufwand total unterschätzt. Ich dachte erst, ich liste einfach meine Favoriten auf. Aber dann merkte ich, dass ich ja alle Quartiere und Trends berücksichtigen muss. Ich habe also mindestens ein Jahr am Reiseführer gearbeitet und in dieser Zeit auch Neues entdeckt, zum Beispiel das Restaurant Lucky Dumplings. Wenn man lange in einer Stadt wohnt, wird man auch heimatblind.

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Ist der Reiseführer deshalb nicht nur für Touristinnen?

Genau, er richtet sich auch an Zürcherinnen. Sie können ihre Stadt durch das Buch neu entdecken. Er bietet ja auch Tipps, die sie noch nicht kennen, zum Beispiel, in welchen Badis man Stand Up Paddles mieten kann.

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Wieso richtet sich das Buch eigentlich so explizit an Frauen?

Es ist Teil einer Reihe, die der österreichische Verlag Brandstätter lanciert hat. Sie begann mit «Vienna for Women only» von Nicole Adler – absolut persönlich und aus der Perspektive einer Frau. Natürlich kann das, was Frauen gefällt, auch Männern gefallen – bis auf die Tipps für Kleidergeschäfte können sie ja von jedem Tipp im Buch auch profitieren.

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