Text: Eva Hediger

Eine junge Zürcherin bringt 1882 ihre Chefin um. Über das Motiv schweigt sie sich jahrzehntelang aus. Doch die Gerüchteküche brodelt, denn der Witwer ist Pfarrer – und hat schon bald eine Neue.

Man könne meinen, der Kanton Zürich sei ein «privilegiertes Jagdtrevier für Mord- und Diebesgesindel», schrieb das «Lichtensteiner Volksblatt» 1882. Schliesslich berichte die Zeitung immer wieder über die dort verübten «Morde, Einbrüche und andere Diebstähle». Und so erwähnte das Blatt auch das Geständnis von Auguste Lehmann. Die Magd gab zu, «die Pfarrerin von Glattfelden allein gewürgt zu haben». Zuvor hatte die junge Frau noch versucht, ihre Tat zu vertuschen.

Der Polizei hatte die junge Frau erzählt, sie sei in der Nacht auf den 1. November 1882 durch einen Schrei geweckt worden. Vor lauter Angst sei sie gemeinsam mit dem sechsmonatigen Pfarrerssohn aus dem Fenster gesprungen. Dann sei sie mit dem Bébé zu den Nachbarn gerannt, um Hilfe zu holen. Unbekannte hätten bei einem Raubmord die 35-jährige Pfarrersfrau Jäggli umgebracht und 350 Franken gestohlen. Und tatsächlich wurde im Garten des Pfarrhauses in Glattfelden eine leere Schatulle sichergestellt.

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Das Pfarrhaus in Glattfelden (Bild: Wikipedia)

Die Magd hatte eine Bisswunde an der Hand.

Zwei Wochen lang hielt Auguste Lehmann an dieser Geschichte fest. Die Polizei hegte allerdings schon früh Zweifel – so wollte Lehmann mit dem Kind im Arm drei Meter in die Tiefe gesprungen sein. Praktisch unmöglich, dass sie und das Baby davon keine Verletzungen davongetragen hätten. Auch hatte sie an der Hand eine Bisswunde, die vom Mordopfer stammte.

Schliesslich gestand Lehmann den Mord an der Pfarrersfrau, mit dem sie den Diebstahl des Geldes vertuschen wollte. Die Frau habe sie überrascht, als sie die Noten entwendet habe. Später schrieb die «Neue Zürcher Zeitung», dass zwischen den Frauen ein «verzweifelter Kampf» entstanden sei, der rund eine halbe Stunde gedauert habe. «Die junge kräftige Magd blieb Siegerin», so die Zeitung.

Der Pfarrer wurde zum Dorfgespräch.

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Kurz vor Weihnachten 1882 wurde Auguste Lehmann zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Hätte das Volk über die Strafe entscheiden könne, hätte es «zweifellos die Hinrichtung der Mörderin verlangt», war sich die «Neue Zürcher Zeitung» sicher.

Zwanzig Jahre später reichte die Mörderin ein Begnadigungsgesuch ein. Als Tatmotiv gab sie jetzt Eifersucht an. Hatte die Haushaltshilfe damals vielleicht ein Verhältnis mit dem Pfarrer gehabt? Diese Frage wurde nie beantwortet. Pfarrer Jäggli jedenfalls hatte nach der Bluttat immer wieder neue Haushälterinnen. Drei Jahre später heiratete er erneut – eine Magd, die bereits schwanger von ihm war.

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