Stadt & Geschichte

«Inventing Anna» – made in Zürich

Text: Eva Hediger Titelfoto: Netflix

Vor knapp hundert Jahren täuschte eine junge Hochstaplerin die Zürcher Oberschicht – und brach dabei etliche Herzen.

Sie nächtigt in den teuersten Hotels, verkehrt mit der Oberschicht und soll Millionen auf dem Konto haben: Das liest sich wie die Zusammenfassung des Netflix-Hits «Inventing Anna». Dieser erzählt das Leben von Anna Sorokin. Es könnte jedoch auch eine Verknappung einer anderen, ebenfalls wahren Geschichte sein. Diese spielt jedoch vor fast hundert Jahren in Zürich.

Am 27. August 1923 betrat eine junge Amerikanerin die Lobby des noblen «Baur au Lac». Sie trug einen modischen Kurzhaarschnitt und exklusive Kleidung. Unter dem Namen Miss Catherine Taintor mietete sie für sich und ihre Angestellte mehrere Zimmer im Zürcher Luxushotel.

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Nicht Miss Taintor, aber eine andere elegante Dame im Hotel Baur au Lac (1926). (Bild: Baugeschichtliches Archiv, Meiner Johannes)

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Die Angestellten waren eingeschüchtert vom Gast, doch die Zürcher*innen waren begeistert von der Multimillionärin aus Amerika. Diese wurde rasch zu so etwas wie einem frühen It-Girl. So erhielt Miss Taintor Einladungen für alle wichtigen Dinners und Bälle. Immer wieder kaufte die Amerikanerin in den teuersten Modegeschäften an der Bahnhofstrasse ein. Als eine Boutique den von ihr gewünschten Hut nicht vorrätig hatte, liess sie sich diesen direkt aus Paris einfliegen.

Bald war die Amerikanerin mit drei Männern verlobt.

Miss Taintor war auch grosszügig. Im November 1923 spendete sie an einem Fest Geld für japanische Erdbebenopfer. Einen Monat später organisierte die Millionärin selbst eine Spendengala, um arme Kinder mit neuen Kleidern auszustatten.

Besonders die Herren interessierten sich für die unverheiratete Catherine Taintor. Sogar ein Regierungsrat zählte zu ihren Verehrern. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Zürich war Taintor mit drei verschiedenen wohlhabenden Männern verlobt – ohne dass diese voneinander wussten. Einige Quellen schreiben, dass sie gar mit allen verheiratet worden sei.

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So sahen schicke Frauen damals aus: Modeschau für Grieder im Hotel Baur au Lac, 1926. (Foto: Baugeschichtliches Archiv, Meiner Johannes)

Zürich war schockiert.

Taintors guter Ruf litt erst, als sie ihre Schulden in den Modegeschäften nicht mehr begleichen konnte – es war ein Betrag von damals rund 80 000 Franken. Auch die Mieten für ihr schickes Auto bezahlte sie nie. Ausserdem wurde ein Zürcher Arzt misstrauisch: Taintor wollte ihn überreden, drei Millionen Franken für ein Spital zu spenden; ein Oberst habe ebenfalls diese Summe versprochen. Man fing einen Brief ab, den Taintor vermeintlich an diesen Oberst schicken wollte. Darin befanden sich zwei leere Seiten mit edlem Briefkopf.

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In dieser Gegend shoppte die Hochstaplerin (Bild: Baugeschichtliches Archiv)

Anfang 1924 wurde Catherine Taintor schliesslich verhaftet. Um eine Identifizierung zu erschweren, schliff sie sich an den Zellenwänden die Haut an den Fingerkuppen ab. Die Polizei deckte trotzdem auf, dass die Frau bereits in Frankreich und Belgien als Hochstaplerin aktiv gewesen war. Die Zürcher Oberklasse zeigte sich schockiert.

Miss Taintor kommandierte in der Untersuchungshaft die Wächter so herum, wie sie es zuvor mit ihren Bediensteten getan hatte. Am 31. Mai 1924 fand man die Frau tot in ihrer Zelle des Bezirksgefängnisses. Sie hatte sich mit ihrem seidenen Unterrock erhängt. Die wahre Identität von Catherine Taintor konnte die Polizei trotz intensiver Bemühungen nie ermitteln.

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