Menschen & Leben

«Ich fühle mich einfach sauwohl»

Interview: Eva Hediger Fotos: Jasmin Frei

Zürcher*innen, die auffallen: Dean Mackay arbeitet in einer Boutique im Kreis 1 als Filialleiter. «Ich bin ein dunkler Paradiesvogel», sagt der Zürcher – und trägt auch mal ein Flatterkleid aus der Damenabteilung.

Ist es dir egal, ob ein Kleidungsstück für eine Frau oder für einen Mann entworfen wurde?

Eigentlich schon. Ich bin sehr genderfluid: Etwa die Hälfte meines Schranks ist voll mit Frauenkleidern: «Maskulin trifft auf feminin» umschreibt meinen Stil sehr gut. Ausserdem bin ich sehr «black» angezogen – ich kleide mich fast ausschliesslich in dunklen Farben.

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Mittlerweile tragen ja auch männliche Stars wie Harry Styles Damenblusen.

Ja, das hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Auch Labels wie Gucci spielen mit den Geschlechtern. Im Alltag starren die Leute aber noch, wenn man als Mann ein Kleid trägt. Kürzlich hatte ich einen engen Tank Dress an, der fast durchsichtig war. Damit erregte ich natürlich Aufmerksamkeit. Aber ich fühle mich in meinen Outfits einfach sauwohl.

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«Einige Männer scheine ich zu provozieren.»

Wirst du auch angesprochen?

Auf der Strasse kaum. Doch wenn ich arbeite, machen mir meist Kundinnen Komplimente. Wenn ich im Ausgang manchmal ein Frauenoberteil trage, scheint das einige Männer zu provozieren. Sie sagen mir dann, dass sie das nicht schön finden. Solche Feedbacks nehme ich nicht persönlich. Es darf schliesslich jeder seine eigene Meinung haben.

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Wie hast du Frauenmode für dich entdeckt?

Ich habe eine androgyne Figur. Ich bin 1,76 Meter gross, habe schmale Beine und bin offen schwul. Erst habe ich einige Badekleider anprobiert, dann Röcke. Das war vor etwa drei Jahren. Im privaten Rahmen trug ich dann immer wieder Frauenkleider. Während Corona konnte ich noch mehr experimentieren. Seither trage ich die Kleider auch im Alltag. Es klingt vielleicht etwas narzisstisch, aber: Ich finde, ich sehe damit einfach gut aus.

Gibt es etwas, das du niemals anziehen würdest?

Ich habe eine Denim-Phobie! Ich habe sicher seit acht Jahren keine Jeans mehr getragen. Ich finde das Material schrecklich. Es ist so steif und unbequem. Ausserdem sitzen mir Jeans bei meinem schmalen Körper nicht richtig. Während meiner Hippie-Zeit trug ich allerdings manchmal Jeansjacken.

«Während Corona konnte ich noch mehr experimentieren.»

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Wie hat sich dein Stil verändert?

Mittlerweile höre ich Techno und Pop. Als Teenager war ich jedoch Goa-Fan und habe mich auch so gekleidet. Irgendwann habe ich Trap entdeckt. Die Acts trugen gerne Moschino. Diese Mode gefiel mir – auch wenn sie viel bunter ist als das, was ich aktuell trage. Ich habe mich immer mehr mit Fashion auseinandergesetzt. Schliesslich absolvierte ich meine Lehre bei Boutique Roma. Das ist ein Laden für Haute Couture. Dort arbeite ich jetzt als Filialleiter.

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Wie beeinflusst dein Job deinen Stil?

Ich achte seit meiner Ausbildung natürlich viel mehr auf die Qualität und die Schnitte von Kleidungsstücken. Ich weiss besser, was mir steht. Und ich kaufe allgemein viel bewusster ein – nicht nur in Boutiquen, sondern auch in Brockis. Ich shoppe aber nicht so viel, denn mein Kleiderschrank ist nicht so riesig. Ich habe zum Beispiel nur zwei Winterjacken.

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Wie schätzt du Zürich als Modestadt ein?

Zürich ist zwar meiner Meinung nach die modischste Stadt der Schweiz, aber halt immer noch ziemlich stier. Vor allem von Montag bis Freitag sieht man so viele Leute, die fast blind den Trends folgen. Es könnte ruhig ausgefallener sein. Vor allem die Männer dürfen mehr wagen! Es sind schliesslich nur Kleider. Wenn einem das Outfit doch nicht passt, hat man sich ja schnell wieder umgezogen.

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